Montag, 24.02.2020
 
Seit 02:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteCorsoBelgischer Auftrag für neues Album01.11.2014

Einstürzende NeubautenBelgischer Auftrag für neues Album

Die Einstürzenden Neubauten verkauften ihre experimentellen Alben zuletzt vor allem exklusiv und direkt an die Fangemeinde oder ließen die Arbeit überhaupt ruhen. Einen Auftrag aus Belgien zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg nahmen sie jetzt zum Anlass für ihr neues Album "Lament".

Von Bernd Lechler

Das undatierte Archivbild zeigt die Musikgruppe "Einstürzende Neubauten". (AP)
Das undatierte Archivbild zeigt die Musikgruppe "Einstürzende Neubauten". (AP)
Weiterführende Information

Wenn Filmmusik und Avantgarde aufeinandertreffen
(Deutschlandfunk, Corso, 22.06.2013)

Eine Mail aus Belgien, eine Exkursion zu den Kriegsgräbern von Diksmuide - so begann das ungefähr 30. Album der Einstürzenden Neubauten.

Assistiert von einem Historiker und ei­ner Literaturwissen­schaft­lerin recherchierte Sänger Blixa Bar­geld im Lautarchiv der Humboldt-Universität oder im Dresdener Mi­li­tärhistorischen Museum.

"Dann gibt's ne große Wand im Studio, an der dann alle möglichen Materialien nach und nach angehängt werden, und nach ner Weile sah's bei uns im Wedding im Studio aus wie ne Spezialbibliothek zum Thema Erster Weltkrieg. So viele Bücher hatten wir noch nie im Studio."

Tonauf­nahmen von Kriegs­gefangenen (die zu Sprachforschungs­zwecken einen Bibel­text sprechen mussten, das Gleichnis vom ver­lorenen Sohn), verbanden sie mit der Musik eines in Diks­muide be­gra­­benen Renaissancekomponisten (der zu ausge­rech­net diesem Gleichnis eine Motette komponiert hat).

Auch als Song und Sample verarbeitet: Die Harlem Hell­fighters, ein Infanterie­regi­ment schwarzer Soldaten, das von den Ameri­ka­nern wegen der damals herrschen­den Rassentrennung nicht direkt einge­setzt werden konnte und deshalb an die fran­zö­si­sche Armee "aus­geliehen" wurde - inklusive seiner bald europaweit bekann­ten Jazzband.

"Und da gibt es eben Stücke, die die schon im Ersten Welt­krieg gespielt haben, die direkten Bezug auf den Ersten Weltkrieg haben, wo auch das ganze Getöse des Krieges sozu­sagen in die Lyrics eingearbeitet ist. "Watch out boys, there's a German Minenwerfer coming", etcetera, und dann macht der Schlagzeuger eben "Bumm"."

Statische Musik zum Ersten Weltkrieg

An anderer Stelle verballhornen die Neubauten Hymnen, nach einer Persi­flage aus den Zwanzigerjahren - bringen den Antikriegsklassiker von Pete Seeger, den einst Marlene Dietrich sang, a capella - oder rechnen die Zeitachse der nationalen Kriegseintritte in Takte um und klöppeln es auf Plastik­rohren - "statistische" Musik, wie Bargeld es nennt. Und pragmatisch...

"Ich hatte eigentlich gedacht an Styroporplatten, weil wenn man die aufspießt auf so einen Beckenständer und würde für jede Nation eine Styroporplatte spielen, würde sie sich während des Spielens immer weiter auflösen. Aber das hätte bedeutet, man hätte zum Bauhaus fahren müssen und Styroporplatten kaufen müssen, während die Rohre waren schon da. Also haben wir dann Rohre genommen."

Weniger intellektuell konzipiert ist "How Did I Die", ein Mo­no­log der Gefal­le­nen, den zu schreiben Bli­xa Bargeld am schwersten fiel.

"Nach ungefähr einer Woche Arbeit wollte ich eigent­lich alles hin­schmeißen, weil ich das Gefühl hatte, ich kann mich da nicht reinbe­geben, das wird mir - nach sagen wir mal drei Monaten färbt das ab. Das wird mir zu viel."

These: Der Zweite Weltkrieg ist nur die Fortsetzung des Ersten

Er hat sich dann doch aufgerafft. "Wenn man über Tod singt, singt man immer auch über den eigenen Tod, das ist ganz einfach." 

"How Did I Die", an dessen Ende die Soldaten auf­erste­hen, ist das emotionalste, zen­trale Stück. Drumherum: eine teils etwas konzeptlastige, aber sehr ideenreiche und kunstvolle Assozia­tions­kette zwischen Song und atmosphärischem Geräusch, Ton­do­kumenten und historischem Kabarett.

"Ich will ja nie irgendwas in die Welt setzen, was langweilig ist. Ich will auch nichts in die Welt setzen, was einfach nur lehrerhaft irgend­welche Dinge erklärt, oder wo einfach eine komplette didak­tische Ebene notwendig ist, damit man das überhaupt goutieren kann."

Was nicht heißt, dass man nicht daraus lernen dürfte - auch als Band.

"Was deutlich wurde in dieser ganzen Arbeit, ist na­türlich - oder nicht natürlich, ich bin nicht der Er­ste, der diese These aufstellt: Der Zweite Weltkrieg ist nur die Fortsetzung des Ersten. Der Erste Welt­krieg hat nicht befriedigend geendet, und dann fängt er eben irgendwann wieder an. Und in derselben Zeit, in der wir gearbeitet haben im Studio, kommt dann eben als Dimension noch hinzu, dass an denselben Ver­werfungs­linien in Europa sich schon wieder diese Kon­flikte auftun! Diese Annexion der Krim und so, das ist ja alles passiert, während wir das gemacht haben. Und wenn man dann so was wie "The Willy-Nicky-Tele­grams", also ein Stück, was nur basiert auf der te­legrafischen Korrespondenz zwischen Nicky, dem Zar von Russland und Willy, dem deutschen Kaiser - ist man natürlich versucht, nach ner Weile dann auch zu denken: Ja eigentlich könnte das jetzt auch "Die Angie-Wladi-Korrespondenz" heißen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk