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StartseiteTag für TagDie letzten jüdischen Äthiopier14.06.2016

Einwanderung nach Israel Die letzten jüdischen Äthiopier

Sie ist wohl die umstrittenste und komplizierteste jüdische Einwanderung nach Israel: die der äthiopischen Juden. In der Vergangenheit gab es große Einwanderungswellen. Jetzt steht eine weitere bevor. Zumindest setzen sich Knesset-Abgeordnete und Rabbiner dafür ein. Gegen alle Widerstände. Denn letztlich geht es um die Frage: Wer ist Jude?

Von Lissy Kaufmann

epa03470350 Ethiopian Jews pray during the 'Sigd' holiday in Jerusalem, Israel, 14 November 2012. The prayer is performed by Ethiopian Jews every year to celebrate the biblical union between the Jewish people and God. EPA/ABIR SULTAN | (picture alliance / dpa / EPA)
Rund 9000 Juden sollen in Äthiopien noch darauf warten, zu ihren Familien nach Israel ziehen zu dürfen. (picture alliance / dpa / EPA)

Kevratu Ezra ist ein typischer Israeli: Vor einigen Wochen hat der 23-Jährige seinen Armeedienst beendet. In fünf Monaten beginnt sein Wirtschaftsstudium. Er lebt in Jerusalem, gerade kommt er von der Arbeit als Wachmann. Er trägt ein T-Shirt mit dem Abzeichen seiner Armee-Einheit, Duvdevanim, eine Elitegruppe.

Kevratu wurde in Äthiopien geboren, vor elf Jahren hat er mit seiner Familie Alija gemacht, so nennt man die jüdische Einwanderung nach Israel. Doch fünf seiner Geschwister, die damals schon über 18 Jahre alt waren, mussten zurückbleiben. Kevratu Ezra:

"Wir dachten anfangs, dass sie mit uns kommen. Doch dann hieß es, dass es nicht geht. Sie seien schon alt und hätten eine eigene Familie. Sie sollten separat, zwei Wochen später einwandern. Meine Eltern kommen aus einem einfachen Dorf, sie sind ungebildet und haben eben alle Formulare unterschrieben - also das, was man ihnen vorgelegt hat. Wir haben Alija gemacht. Doch dann - kam nichts."

Wie Kevratu hoffen viele in Israel, dass ihre Verwandten aus Äthiopien nachkommen können. 9.000 leben Schätzungen zufolge noch in den Städten Addis Abeba und Gondar.

Unklare Verhältnisse

Die Einwanderung der Äthiopier ist so umstritten wie kompliziert. Um die Problematik zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte: Vor rund 120 Jahren konvertierten einige zum Christentum. Sie wurden gezwungen, sagen viele. Stimmt nicht, sagt Shalva Weil von der Hebräischen Universität in Jerusalem, die seit Jahren zum äthiopischen Judentum forscht:

"Äthiopische Juden wurden Falashas oder Falaschen genannt. Es ist ein Mythos, dass sie gezwungen wurden, zu konvertieren. Sie bekamen Anreize. Der deutsche Missionar Johann Martin Flad zum Beispiel bot ihnen Land an. Sie waren Bauern ohne Grund und Boden. Für sie war es also ein Aufstieg. Denn die Falaschen waren Anfang des 19. Jahrhunderts eine Randgruppe mit niedrigem Lebensstandard."

Wer noch wirklich jüdisch war, wanderte in den 1980er und 90er Jahren nach Israel ein. Tausende kamen in den zwei legendären Einwanderungswellen, der Operation Moses und der Operation Salomon.

Falaschen warten am 24.5.1991 vor der israelischen Botschaft in der von Rebellen eingeschlossenen äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Mehr als 14 000 wurden im Zuge der "Operation Salomon" ausgeflogen.  (picture-alliance / dpa / epa_afp)Falaschen warten am 24.5.1991 vor der israelischen Botschaft in der von Rebellen eingeschlossenen äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Mehr als 14 000 wurden im Zuge der "Operation Salomon" ausgeflogen. (picture-alliance / dpa / epa_afp)

Übrig blieben die, deren Vorfahren zum Christentum konvertiert waren. Doch auch sie sind jüdisch, sofern ihre Mutter jüdisch ist, erklärt Rabbiner Menachem Waldman. Er unterstützt und begleitet seit den 1980er Jahren die Einwanderung der Äthiopier:

"Für uns ist das eine eiserne Regel: Ein Jude ist ein Jude, auch wenn er konvertiert. Wenn er zurückkommen möchte, dann ist es, als wäre er säkular gewesen und möchte sich nun wieder an die Regeln des Judentums, die Mitzwot, halten. Wir akzeptieren ihn als Zurückkommenden."

Rabbiner Menachem Waldman ist regelmäßig in Äthiopien. Er wurde über die Jahre zum spirituellen Anführer der Falaschen. Den zum Christentum Konvertierten half er, zu ihren Wurzeln zurückzufinden.

Traum vom Leben in Israel

"Jeder wusste von seinen Vorfahren, dass er zum jüdischen Volk gehörte. Und jeder erlebte, wie Nichtjuden sich von ihnen abgrenzten. All dies ließ sie ihre Wurzeln nie ganz vergessen. Und vor rund 25 Jahren begannen sie dann aufzuwachen und sich zu verändern. Sie entwickelten den Traum, wieder Juden zu werden und in Israel zu leben."

Viele von ihnen durften im Laufe der Jahre trotzdem nach Israel einwandern, wo sie zum Judentum zurückkonvertierten. Rund 50.000, so schätzt Rabbi Waldman, leben heute in Israel.

Doch die Sache ist komplizierter: Denn ganz so abgegrenzt blieben sie in den mehr als 100 Jahren nicht. Manche heirateten andere Christen. Wer hat also tatsächlich noch jüdische Wurzeln? Und wie lässt sich das nachprüfen? Hinzu kommt, dass die Familien in Äthiopien sehr groß sind, wie Shalva Weil erklärt:

"Die Familien sind nicht so, wie wir sie in Europa kennen. Sie bestehen aus sieben Generationen. Und sie dürfen nicht innerhalb der Familie heiraten, um Inzest zu verhindern. Jeder hat also tausende Cousins vierten Grades. Und alle diese Verwandten werden auf Amharisch Brüder und Schwestern genannt, weil man Brüder und Schwestern nicht heiraten kann. So können also Tausende Menschen ein Bild zeigen und sagen: Bitte bring meinen Bruder nach Israel!"

Äthiopische Juden feiern vor der Jerusalemer Altstadt Gottesdienst.  (picture-alliance/ dpa / EPA)Äthiopische Juden feiern vor der Jerusalemer Altstadt Gottesdienst. (picture-alliance/ dpa / EPA)

Die meisten wollen heute ihre Familie nachholen. Shalva Weil glaubt nicht, dass es bei dieser letzten Einwanderungswelle bleiben wird:

"Viele warten noch immer. Doch wenn sie einwandern, werden andere nachkommen. Denn in Äthiopien gibt es niemanden, der nicht in Israel leben möchte."

Menachem Waldmann beharrt darauf, dass die noch Wartenden ein jüdisches Leben führen und ein Recht auf Immigration haben, auch wenn ihre jüdischen Wurzeln nicht klar nachzuprüfen sind:

"Wir sagen: Wir müssen sie dennoch akzeptieren, denn ihre Familien leben in Israel, sie selbst leben jüdisch und sie haben keinen anderen Ort. Aus humanitärer und aus jüdischer Sicht müssen wir sie aufnehmen."

So hofft auch Kevratu, dass seine Geschwister nach Israel kommen können. In seinem Fall konnten die Eltern mit den drei jüngsten Kindern einwandern, weil der Vater jüdische Wurzeln nachweisen konnte. In Israel mussten sie trotzdem alle konvertieren.

Doch die fünf anderen Geschwister, die damals bereits über 18 Jahre alt waren und Familien hatten, durften nicht mit. Kevratu Ezra sagt:

"Ich und meine Familie wir waren letztes Jahr in Äthiopien, wir haben sie besucht und ihnen gesagt: Es ist nur eine Frage der Zeit! Ihr werdet kommen! Es ist schwierig, sie haben alle ihre Häuser, ihr Land, ihre Dörfer verlassen. Damals hieß es, sie könnten mit uns nach Israel, deswegen kamen sie nach Addis, und seither sitzen sie dort und warten und können auch nicht zurück. Wir schicken ihnen Geld, von meinem Armeegehalt, 1300 Schekel - 300 Euro - habe ich geschickt, weil sie nichts haben. Und sie müssen sich mit Antisemitismus rumschlagen, die Nicht-Juden sagen ihnen, sie sollen gehen."

Kevratu hofft nun, dass in der angekündigten Einwanderungswelle auch seine Geschwister und deren Familien dabei sein können. Bis dahin versuchen er und andere äthiopische Freunde, ihre Geschichten zu erzählen und nicht aufzugeben.

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