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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturAuf der Suche nach sich selbst05.09.2016

Einzelkinder in ChinaAuf der Suche nach sich selbst

Das Ergebnis der Ein-Kind-Politik Chinas sind Millionen von Einzelkindern. Die Männer und Frauen der ersten Generation sind heute um die 30 Jahre alt. Alec Ash zeichnet in seinem Buch "Die Einzelkinder" sechs verschiedene Lebensläufe junger Chinesen nach. Er beschreibt deren Träume, deren Ängste und die Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne.

Von Ruth Kirchner

Frauen gehen mit Kinderwagen durch einen Park in Peking.  (AFP / Frederic J. Brown)
Viele Einzelkinder Chinas sind nicht bereit, für die Ideale einer Partei ihre Träume und Sehnsüchte aufzugeben. (AFP / Frederic J. Brown)
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Als vor mehr als 30 Jahren in China die Ein-Kind-Politik zur Kontrolle des Bevölkerungswachstums eingeführt wurde, begann ein soziales Experiment mit völlig ungewissem Ausgang. Millionen von Einzelkindern genossen fortan die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Eltern und Großeltern. Kehrseite der Medaille: Bis heute tragen die oft verhätschelten Mädchen und Jungen eine damit verbundene Last der Verantwortung.  Die erste Generation dieser Einzelkinder ist lange erwachsen. Ihr hat der britische Journallist und Autor Alec Ash ein bemerkenswertes Buch gewidmet. Ruth Kirchner hat es gelesen.

In China nennt man sie die "Ba Ling Hou". Übersetzt bedeutet das in etwa "Die in den 80er Jahren Geborenen" – gemeint ist die Generation der heute 30-Jährigen, die in einem noch nie gekannten Wohlstand aufwuchsen. Diese erste Generation von Einzelkindern hat in China allerdings einen eher schlechten Ruf. Die Ba Ling Hou gelten als egoistisch, verzogen und nicht belastbar. Aber, sagt die Meinungsforscherin Zhang Hui, gerecht sei diese Einschätzung nicht. Denn die Ba Ling Hou trügen an einer schweren Hypothek.

"Ihre Eltern stammen aus den 50er Jahren – sie hatten viele unglückliche Zeiten miterlebt, waren von der Kulturrevolution geprägt und später als Erwachsene, nach Beginn der Reformen, von den großen Entlassungswellen in den Staatsbetrieben. Die Eltern waren eine unglückliche Generation – ihre Kinder sind ebenfalls unglücklich - die erste Generation der Ein-Kind-Politik."

Aufwändige Recherche des Autors

Wer also sind diese Ba Ling Hou, diese Männer und Frauen, die das Gesicht des neuen China prägen? Der Brite Alec Ash, der selbst dieser Generation angehört, sucht darauf Antworten. Drei Jahre lang hat er die Lebensläufe sechs junger Chinesen akribisch recherchiert und rekonstruiert. Sein Buch "Die Einzelkinder" erzählt diese Lebensgeschichten – geschickt miteinander verwoben und vor dem Hintergrund des sich ändernden politischen Klimas der vergangenen Jahre.

Wobei der deutsche Titel etwas unglücklich gewählt ist. Viel passender ist der englische Originaltitel: "Wish Lanterns", Wunschlaternen. Denn es geht um eine Generation auf der Suche nach sich selbst, die nicht mehr bereit ist, für die Ideale einer Partei ihre Träume und Sehnsüchte aufzugeben. So heißt es über den jungen Dahai, geboren 1985:

"Er gehörte zu ersten Generation derer, die keine eigenen Erinnerungen an das Tiananmen-Massaker hatten. Eine Generation von Einzelkindern, die in einem Land geboren worden waren, das sich so rasch veränderte wie sie selbst – Geschöpfe seiner hastenden Gegenwart, Erben seiner ungewissen Zukunft."

Tradition und Moderne stehen in diesem neuen China in einem ständigen Widerstreit. Da ist der eiserne Wille der Eltern, dem einzigen Kind eine bessere Zukunft zu ermöglichen, der Leistungs- und Konkurrenzdruck der Schule, das dumpfe Auswendiglernen von Lehrstoffen. Immer wieder die erdrückenden Erwartungen und die Macht der Familie, der Eltern und Großeltern – sei es bei der Wahl des Studienfaches oder des Lebenspartners.

Zwischen Tradition und Moderne

Aber da sind gleichzeitig die hippen Musik-Clubs, die Verlockungen des Internets, coole Mode, Freunde, Reisen, die Sehnsucht nach persönlichem Erfolg und Freiheit.  Die großen Fragen, die alle Heranwachsenden umtreiben, spielen auch bei Alec Ashs Protagonisten eine zentrale Rolle: Wer bin ich, wer will ich sein? Was für ein Leben möchte ich führen? Fragen, die für die Elterngeneration zum großen Teil noch von Partei, Staat und ihrer jeweiligen "Arbeitseinheit" entschieden wurden.

Mia etwa, aus Nordwestchina, studiert in Peking Modedesign, liebt freche Tätowierungen und arbeitet als freiberufliche Stylistin – ein Leben, das sie ihren Eltern nicht mehr vermitteln kann:

"Die Nächte in den Clubs, die Fotoshootings, ihre schwulen Freunde – nichts davon könnten sie akzeptieren, so dass es besser war, es ihnen gar nicht zu erzählen. Schon vor langer Zeit hatte sie aufgehört, eine Brücke zwischen den Welten schlagen zu wollen (….) Ihre Eltern verstanden nicht einmal, womit sie ihren Lebensunterhalt verdiente. "Freiberufliche Stylistin" gehörte nicht zu ihrem Wortschatz."

Eigene Wege gehen

Ähnlich ergeht es Xiaoxiao aus dem kalten, äußersten Nordosten Chinas, die nach Abschluss des Studiums nicht gleich nach einem Mann mit Eigentumswohnung und sicherem Beruf Ausschau hält, sondern erst einmal einen kleinen, verträumten Laden eröffnet. Auch sie weiß, dass ihre Familie das missbilligt. Aber Xiaoxiao will etwas anderes:

"Sie suchte nach einem Sinn jenseits des Materiellen. Überall in ihrem Umfeld wurde das Geld vergöttert. Xiaoxiao wollte etwas jenseits des Geldes, etwas das ihrem Leben einen Sinn geben konnte. Sie las über Tibet und träumte davon nach Lhasa zu reisen – wobei sie die gleichen spirituellen Ideale wie der Westen auf die Tibet-Hochebene projizierte."

Alec Ash entwirft nicht das Porträt einer ganzen Generation – das wäre vermessen in einem Land von der Größe und Komplexität Chinas. Die Auswahl seiner sechs Hauptfiguren erhebt daher keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Alle sind ambitionierte junge Städter. Es fehlen Fabrik- und Wanderarbeiter. Die Landbevölkerung spielt keine Rolle. Und keiner stammt aus dem politischen Hochadel oder ist Abkömmling jener Plutokraten, die von Chinas Turbowachstum so enorm profitiert haben. Es fehlen Angehörige der ethnischen Minderheiten, also Tibeter, Uiguren oder Mongolen. Dennoch liefert sein Buch einen differenzierten Einblick in den gesellschaftlichen Alltag von Menschen, die China heute schon prägen .

Politik bleibt im Hintergrund

Die Politik spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Die Demokratie-Proteste in Hongkong 2014, die verschärfte Internetzensur der letzten Jahre, die Anti-Korruptionskampagne, die Parolen vom neuen chinesischen Traum unter Staats- und Parteichef Xi Jinping – all das bildet lediglich den Hintergrund, vor dem Ashs Figuren um ihre berufliche Zukunft, ihren Platz in der Gesellschaft und ihre individuellen Freiheiten und Überzeugungen ringen.

Mit Ausnahme einer jungen Politikwissenschaftlerin, die sich den Namen Fred zugelegt hat. Sie sucht nach politischen Ideologien – irgendwo zwischen Neo-Maoismus, dem "chinesischem Traum" und dem Liberalismus westlicher Prägung. Doch selbst sie, die so stolz ist auf das neue China, hadert mit der Kommunistischen Partei.

"Sie wusste, dass ihre Regierung Reformbedarf hatte und sich weder gegenüber dem eigenen Volk noch auf internationaler Bühne so verhielt, wie sie sich verhalten sollte. Aber sie war auch der Überzeugung, dass Chinas Weg in die Moderne ein anderer sein würde als der des Westens. Nachdem sie das gesamte Spektrum ausprobiert hatte, war der Pragmatismus die einzige Ideologie, die übrig blieb."

Protagonisten müssen Kompromisse eingehen

Solche Kompromisse gehen alle sechs Protagonisten irgendwann ein. Dies gehört sicherlich zum Prozess des Erwachsenwerdens überall auf der Welt – doch mehr noch in einem Land, das immer noch extrem hierarchisch strukturiert ist und wo man sich anpassen und einfügen muss, will man eigene Freiräume wahren.

Wer die Geschichten dieser sechs jungen Leute liest, muss sich zwangsläufig fragen, wie die Kommunistische Partei diese ehrgeizige, rastlose und auf ihre Individualität pochende Generation bei der Stange halten will. Und wie das auf Dauer zusammengehen soll: das Streben nach persönlicher Freiheit und Entfaltung und das starre leninistische Einparteiensystem.

Darauf kann und will Alec Ash keine Antwort geben. Er wertet nicht, sondern beschreibt als Beobachter - manchmal mit einem Anflug von Humor, immer voller Respekt für sein Gegenüber. So gelingen ihm einfühlsame Porträts, die vielleicht mehr über das heutige China erzählen als manche politische Analyse. Ein absolut lesenswertes Buch.

Alec Ash: Die Einzelkinder. Wovon Chinas neue Generation träumt
Hanser Verlag, Berlin 2016, 347 Seiten. 24 Euro.

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