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El Niño in Ecuador
Banges Warten auf "das Christkind"

Im Pazifischen Ozeans mehren sich die Anzeichen, dass nach Jahren wieder ein El Niño, zu deutsch "das Christkind" bevorsteht. Unter dem tropischen Wetterphänomen leiden vor allem die Küsten von Peru und Ecuador. Ecuador hat für die Küstenregion schon den Notstand ausgerufen, betroffen ist auch die deutsche Schule in Guayaquil.

Von Thomas Becker | 03.11.2015
    Passanten auf der Plaza de Independencia mit dem weißen Bau der Kathedrale im Stadtzentrum von Quito, der Hauptstadt von Ecuador. Foto vom 19.10.2004
    Die Auswirkungen von El Nino wären auch in Quito, der Haupstadt Ecuados, zu spüren. (picture-alliance / dpa / Erwin Patzelt)
    Zurzeit sind noch die Rasensprenger im Einsatz auf dem Gelände der Deutschen Schule in Guayaquil. Doch sehr bald könnte es hier mehr Wasser geben, als sich die Direktorin Kathrin Alarcon wünscht. Sie betreut 1.600 Schüler aus dem In- und Ausland und 140 Lehrer. Die müssen sich in den kommenden Wochen auf starke Einschränkungen vorbereiten. Der Grund: Der erwartete El Niño, so die 41-jährige Schulleiterin: "Wenn es so regnet, dass der Zugang verhindert ist, dann wird die Schule an dem Tag geschlossen, wir werden die Schuluniform so ändern müssen, dass alle lange Hose tragen müssen, weil es einfach zu viele Mücken gibt. Räumlichkeiten, wo die Klimaanlagen nicht funktionieren, werden wir schließen müssen, wo es reingeregnet hat, werden wir schließen. Man muss sich ein bisschen flexibel halten, so dass man im gegebenen Fall eingreifen kann."
    El Niño bedeutet das Kind. Genauer: Das Christkind. Den Namen haben Fischer dem Wetterphänomen gegeben, das oft zur Weihnachtszeit seinen Höhepunkt erreicht. Dann bleiben wegen der erhöhten Wassertemperatur die Fische von der Küste fern. Die ersten Anzeichen sind immer an der Tierwelt abzulesen, weiß Rolf Benz, der seit über 30 Jahren in Guayaquil wohnt und schon zwei El Niños miterleben musste: "Wenn plötzlich die Blaufuß-Tölpel auftauchen! Wenn die keine Fische mehr finden in Galapagos, dann kommen sie 'rüber an die Küste. Und da haben wir gerade in dem Niño 98/99 sehr, sehr viele tote Vögel, die verhungert sind, weil kein Fisch mehr da war. Und wir hatten dann plötzlich an der Küste, unterhalb meines Hauses ein Seelöwenpaar, was auch nicht normal ist für diese Küste hier. Die kamen dann auch von Galapagos rüber futtersuchend."
    Das Land leidet fürchterlich
    Normalerweise blasen die Winde am Äquator von Ost nach West. Dadurch schieben sie das warme Wasser im Pazifik vor die Küste Australiens und Indonesiens. Doch in den El Niño-Monaten kommen die Passatwinde zum Erliegen und das warme Wasser schwappt zurück vor die Küste Südamerikas. Das Ergebnis ist verheerend, gerade für die Millionenstadt Guayaquil, so der 75-Jährige Rolf Benz: "Wenn es jetzt regnet und der starke Regen trifft mit dem Hochwasser im Meer zusammen, das gegen den Fluss, den Guayas drückt, der dann verhindert, dass das Regenwasser ablaufen kann, dann haben sie einen Rückstau und deshalb ist Urdessa, das auch nur drei Meter über dem Meeresspiegel liegt, überschwemmt. Sie glauben, sie sind in Venedig hier."
    In dieser Zeit bricht in der Stadt der öffentliche Verkehr für Wochen zusammen. "In San Borondon, das auch auf Meereshöhe ist, ist ein Mädchen hinter dem Auto her Wasserski gefahren, in der Straße! Da haben sie dann einen halben Meter Wasser und die fuhren Wasserski! Das passiert dann."
    Doch diese zweifelhaften Vergnügen bleiben den Vierteln der Reichen vorbehalten. Der Rest des Landes leidet fürchterlich. Sogar die Hauptstadt Quito und die gesamte Andenregion ist dann wegen des Niederschlags von Erdrutschen betroffen. Alle drei bis sieben Jahre tritt El Niño in unterschiedlicher Stärke auf. Der bisher Stärkste liegt 17 Jahre zurück. Allein in Ecuador starben damals 286 Menschen, das Bruttoinlandsprodukt brach um fast 15 Prozent ein. Sollte es dieses Jahr ähnlich schlimm werden, geben sich die insgesamt drei deutschen Schulen in Ecuador gegenseitig Asyl. Und dann hilft es nur noch, sich auf höheres Terrain zu begeben, so Schulleiterin Kathrin Alarcon: "Also in Quito haben Sie die große Gefahr vom Cotopaxi. Wenn der ausbrechen sollte, dann ist das wirklich eine Katastrophe, beim Niño - vielleicht können wir es uns aber einfach noch nicht vorstellen, wenn er so heftig kommt, wie es dann hier aussieht. Die deutschen Schulen Cuenca, Quito und Guayaquil arbeiten sehr eng miteinander, das heißt, gegenseitig sind wir Evakuierungszonen, das heißt, dass wir die jeweiligen Kollegen aufnehmen würden in den einzelnen Gebieten. Das wäre kein Problem - ja, noch bin ich nicht so weit, dass ich an so ein Szenario denke aber wenn hätten wir auf jeden Fall immer einen Anhaltspunkt, wo wir in die Berge könnten."