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StartseiteCorso"Ich will, dass wir mehr auf unsere Körper hören"02.07.2016

Elektromusiker Matthew Herbert "Ich will, dass wir mehr auf unsere Körper hören"

Essen, Toilettengang, Niesen - alltägliche Vorgänge, denen sich der britische Produzent elektronischer Musik Matthew Herbert auf seinem neuen Album "A Nude (The Perfect Body)" gewidmet hat. Sein Experiment mit ganz menschlichen Geräuschen versteht er als Aufruf zu mehr Akzeptanz.

Matthew Herbert im Gespräch mit Florian Fricke

Matthew Herbert bei einem Konzert im Jahr 2012 (imago/United Archives International)
Matthew Herbert bei einem Konzert im Jahr 2012 (imago/United Archives International)
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Florian Fricke: Es klingt, als ob Sie viel Zeit in dieses Projekt investiert hätten. Wann kam Ihnen die Idee?

Matthew Herbert: Letzten Sommer wahrscheinlich. Der eigentliche Produktionsprozess gestaltete sich dann ziemlich schnell, der dauerte nur zwei Wochen. Aber es waren Monate der Vorbereitung. Ursprünglich wollte ich einen Track übers Kacken machen, also eigentlich über übergriffige Geräusche. Entschuldigung, ich muss niesen.

Fricke: Übergriffige Geräusche wie Niesen?

Herbert: Geräusche, die unbehaglich sind. Ich habe zum Beispiel mit Bombenexplosionen gearbeitet - das war schon sehr übergriffig. Ich überlegte mir also, welches Geräusch ich bestimmt nicht hören wollte. Ich stellte mir vor, wie ich auf einer Autobahnfahrt eine Rast einlege und ich auf dem Klo einen Lkw-Fahrer scheißen höre. So was will ich natürlich nicht hören, aber warum eigentlich nicht? Verzeihung, aber auch ich mache ab und zu mein Geschäft. Wir alle, und wir alle machen solche Geräusche. Und plötzlich fühlte es sich wie eine Befreiung an, solche Geräusche zu benutzen. Niemand hat das jemals gemacht, wir haben uns nie zugehört.

Und dann habe ich weiter überlegt, welche Körpergeräusche denn noch interessant sein könnten. Und dann hat es noch drei Monate gebraucht, bis mir klar wurde, dass ich hier an einem Akt arbeite.

"Es ist hauptsächlich eine Frau, die sich selbst aufgenommen hat"

Fricke: Wie haben Sie Ihren perfekten Körper gefunden, aus dessen Geräuschen Sie Musik gemacht haben? Ist es überhaupt nur eine Person?

Herbert: Es ist hauptsächlich eine Frau, die sich selbst aufgenommen hat. Ich hatte ihr einen Rekorder gegeben und sie außerdem gebeten, einen anonymen Mann aufzunehmen, also jemanden, den ich nicht kannte. Ich wollte nicht, dass der Standardfall entsteht: Ein weißer Mann starrt eine nackte Frau an. Ich wollte es geschlechtlich viel durchlässiger gestalten.

Die Frau war jedenfalls die Freundin eines Freundes, ein Aktmodell und eine Tänzerin. Sie hat seit frühester Kindheit Diabetes Typ eins, hört also schon immer genau auf ihren Körper, das ist für sie überhaupt nichts Ungewöhnliches. Sie war unglaublich, und wenn es ein Geheimnis hinter diesem Album gibt, dann ist das ihre Offenheit für das Thema, ihre aufgenommenen Klänge. Allein, dass sie schnarcht.

Fricke: Klingt ziemlich männlich.

Herbert: Nicht wahr? Darum habe ich das Album auch "A Nude – The Perfect Body" genannt. Wir haben immer eine bestimmte Vorstellung von Frauen, aber so klingt der Körper einer Frau wirklich.

Fricke: Sie gaben ihr also das Aufnahmegerät und als sie es zurückbekamen, war das wie eine Schatztruhe für sie?

Herbert: So ungefähr. Die ersten 24 Stunden haben wir zusammen aufgenommen. Ich sensibilisierte sie für ihren Körper und sagte ihr, was ich mir vorstellte. Es war wirklich extrem intensiv – jemanden zu fragen aufs Klo zu gehen und sich dabei aufzunehmen. Das war schon ein unangenehmes Gefühl, aber auf gewisse Weise eben auch ein Privileg.

"Privatsphäre jedenfalls ist ein ziemlich neuer Begriff"

Fricke: Haben Sie denn auch die Geschichte der Intimität studiert und wie sie sich zu Geräuschen verhält?

Herbert: Es gibt ein Buch des Medizinhistorikers Roy Porter, "Flesh in the Age of Reason". Es beschreibt, wie sich unser Blick auf unseren Körper im 15. und 16. Jahrhundert fundamental veränderte. Grund dafür waren vor allem Krankheiten, die Körper verfielen einfach. Auf der anderen Seite gab es eine Strömung in der Kunst, die die Perfektion und die Schönheit des Körpers feierte. Unsere heutigen Ansichten über den Körper haben dort ihren Ursprung.

Meine Recherche ging aber mehr in Richtung Akt und seine Bedeutung in der Bildenden Kunst. Dabei half mir ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator der National Gallery in London. Ich las etliche Bücher, aber dabei ging es weniger um Intimität – und ich glaube, dass das ein Fehler war. Privatsphäre jedenfalls ist ein ziemlich neuer Begriff. Es gab einen Dokumentarfilm in der BBC über Gaza und das Leben nach dem letzten Krieg 2014. 23 Menschen aus drei Familien mussten sich zwei Zimmer teilen. Für sie gibt es keine Privilegien wie Stille. Auch gibt es kaum einen größeren Kontrast zwischen der ersten Klasse auf einem Nachtflug und einem Nachtbus, mit dem Arbeiter zur Schicht fahren. Schutz vor Lärm ist also eine eher neue Errungenschaft, die nur wenigen vorbehalten ist.

Fricke: Und zwei oder drei Stücke auf dem Album, Kapitel genannt, drehen sich um Sex? Ein Kapitel nennt sich "Der Akt tut sich weh." Ist es eines davon?

Herbert: Nein. Zu Beginn des Kapitels hören wir, wie sich das Model ihre Menstruationstasse aus der Vagina entfernt. Ich weiß nicht, ob sie diese Technik kennen, sie ist eine willkommene Alternative zu Tampons und Binden, eine Art Becher, in dem das Blut landet. Ich bin sehr froh, dass es die Menstruationstasse aufs Album geschafft hat in dieser schon fast perversen Weise. Denn sonst hätte ich diesen Klang wahrscheinlich nie gehört.

Ansonsten ist das Thema Sex in diesem Zusammenhang gar nicht so einfach anzugehen. Natürlich kann ein aufgenommener Orgasmus eine gewisse künstlerische Qualität besitzen, und trotzdem will man es nicht pornografisch oder voyeuristisch haben, der weiße Mann soll eben nicht wie sonst immer auf die nackte Frau starren. Gar nicht so einfach zu lösen. Mir dämmerte jedenfalls, dass das Album eine Altersbeschränkung brauchen würde, dass man 18 oder zumindest 16 Jahre alt sein müsse.

Fricke: Aber ist das nicht völlig absurd? Eine Altersbeschränkung für ein Album, auf dem sich nur natürliche Klänge befinden?

Herbert: Eigentlich schon, aber auch ich habe Söhne von sechs und neun Jahren, die wissen noch nicht einmal, was Masturbation ist.

"Wenn das Kacken schön klingt, dann kann man es schwer in etwas Unschönes verwandeln"

Fricke: Wie haben Sie die verschiedenen Kapitel entwickelt? Haben die Aufnahmen Ihnen den Weg gezeigt?

Herbert: Genau, man gibt sich am besten ganz dem Material hin. Und wenn das Kacken schön klingt, dann kann man es schwer in etwas Unschönes verwandeln.

Fricke: Ein sehr interessanter Track.

Herbert: Ich habe ihn nun zwei Mal im Klub aufgelegt, und beide Male ist das Publikum völlig ausgeflippt. Wahrscheinlich wissen sie nicht einmal, um was es geht beziehungsweise sie hören gar nicht genau hin, aber dieser Track hat etwas extrem Wildes an sich. Und beide Male, das erste Mal in London und das zweite Mal hier in Berlin, kamen Mitarbeiter des Clubs auf mich zu und meinten jeweils: Ich arbeite jetzt schon sehr lange im Clubbetrieb, aber solch eine Reaktion habe ich noch nie erlebt. Aber vielleicht war es einfach nur eine besondere Stimmung. Wir müssen das beobachten.

Fricke: Was wäre für Sie die perfekte Hörsituation, um in Ihr Album "A Nude" einzusteigen? Es wirkt ja mehr wie ein Kunstwerk konzipiert für eine Ausstellung, denn wie ein gewöhnliches Album.

Herbert: Ich kann das schwer beantworten, weil das Album noch so frisch ist und ich noch gar nicht weiß, was ich da genau erschaffen habe. Ich kann nur sagen, warum ich es gemacht habe. Ich will die Menschen dazu bringen besser aufeinander zu hören. Auf diesem Album geht es nicht um mich, sondern um jemand Unsichtbaren. Und das ist für mich ein politisches Statement, aber auch ein persönliches und ein musikalisches. Ich will, dass wir mehr auf unsere Körper hören, zu denen wir ein sehr schwieriges Verhältnis haben. Eine jüngere Umfrage unter Highschool-Schülern in den USA zeigte auf, dass 49 Prozent von ihnen ständig an ihren Körper denken, an ihr Gewicht.

Unsere Umwelt ändert sich dramatisch, auch auf sie müssen wir mehr hören, genauso auf die Experten, die uns mitteilen, dass wir uns selbst zerstören, wenn wir mit dem Klimawandel so weitermachen. Ich will auch die Geschichten der Geflüchteten hören, die auf Booten zu uns kommen. Ganz allgemein müssen wir mehr aufeinander hören. Es ist ein Aufruf zu mehr Demokratie, mehr Toleranz und mehr Akzeptanz. Wenn wir überleben wollen, dann müssen wir mehr zuhören, und zwar uns richtig zuhören und nicht nur in der gewohnt oberflächlichen Art.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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