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StartseiteBüchermarktWenn Frauen dem Adel ade sagen27.03.2019

Elisabeth Plessen: "Die Unerwünschte"Wenn Frauen dem Adel ade sagen

"Mitteilung an den Adel" - so hieß Elisabeth Plessens viel beachtetes Debüt, mit dem sich die junge Autorin 1976 von ihrer Herkunft und von einer von Männern beherrschten Welt verabschiedete. Nun hat Plessen nachgelegt und erzählt von gleich vier Frauengenerationen im deutschen Adel.

Elisabeth Plessen im Gespräch mit Tanya Lieske

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Buchcover: Elisabeth Plessen oben: „Mitteilung an den Adel“, unten: „Die Unerwünschte“ (Buchcover: oben: Suhrkamp Verlag, unten: Berlin Verlag, Foto: Deutschlandradio/Oranus Mahmoodi)
Elisabeth Plessen und zwei ihrer Bücher, in denen es um ihre Herkunft geht (Buchcover: oben: Suhrkamp Verlag, unten: Berlin Verlag, Foto: Deutschlandradio/Oranus Mahmoodi)
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Der deutsche Adel hat seine Funktion als tragende Säule einer ständisch ausgerichteten Gesellschaft spätestens 1945 verloren. Menschen von Adel leben aber weiterhin in unserem Land, und wenn man sich die vielen Berichte in Hochglanzmagazinen anschaut, die den Adelshäusern gelten, dann merkt man, wie aufgeladen das Bild vom adeligen Menschen immer noch ist, ihm oder ihr wird Reichtum, Schönheit und Glück unterstellt, er oder sie dient als Projektionsfläche wie einst der Prinz, die Prinzessin im Märchen.

"Die Unerwünschte", so heißt der neue Roman von Elisabeth Plessen, die 1944 als Elisabeth Charlotte Marguerite Augusta Gräfin von Plessen in Holstein geboren wurde. In drei Romanen hat sie sich mit ihrer Herkunft und den Folgen für ihr Leben auseinandergesetzt. Ihr Fazit ist geblieben: Es war gut, sich von dem Adelstitel zu verabschieden, in Paris und in Berlin zu studieren, Autorin zu werden. "Ich bin in eine alte Familie hineingeboren, in der im Grunde genommen nur die männlichen Nachkommen zählten", sagt Elisabeth Plessen im Interview mit dem DLF.

Tanya Lieske: Frau Plessen, wann haben Sie Ihren ganzen Namen Elisabeth Charlotte Marguerite Augusta Gräfin von Plessen zuletzt benutzt oder geschrieben?

Elisabeth Plessen: Den habe ich, glaube ich, nie benutzt, also in seiner vollen Länge. Ich habe ihn gebitzelt für meine Bücher, Elisabeth heißt die Figur in "Kohlhaas", Charlotte heißt die neue Figur in der "Unerwünschten", Augusta war gleich die erste in "Mitteilung an den Adel" und so.

Lieske: Dann bleiben wir mal bei Augusta, "Mitteilung an den Adel", das war Ihr Debüt, Frau Plessen.

Plessen: Ja.

Lieske: 1976 erschienen, da waren Sie 32 Jahre alt. Das war gleich ein großer Erfolg, Sie bekamen viele Auszeichnungen, unter anderem von der Darmstädter Jury für Sprache und Dichtung. Dieses Buch hatte eine wirklich große Wirkung, so groß vielleicht, dass viele Leute heute, wenn sie Ihren Namen hören, immer noch als erstes an dieses Buch "Mitteilung an den Adel" denken. Ist das auch für Sie heute ein wichtiges, vielleicht sogar Ihr wichtigstes Buch gewesen?

Plessen: Es ist lange Zeit das wichtigste gewesen. Es war so die Initialzündung in mein schriftstellerisches Dasein. Und wenn Sie wollen ist jetzt das letzte, "Die Unerwünschte", der Schlussstein einer Trilogie, die mit der "Mitteilung" damals begann.

Lieske: Genau, wahrscheinlich ist das Buch in der Mitte … Sie meinen "Das Kavaliershaus"?

Plessen: Ja.

Lieske: Und Ihre drei Vornamen Charlotte, Elisabeth und Augusta tauchen in jeweils einem dieser Bücher auf. Ich möchte noch kurz bei "Mitteilungen an den Adel", bei Ihrem Debüt, bleiben. 1976 erschienen beschreibt es die Reise der jungen Journalistin Augusta von München aus zum elterlichen Gut im Norden von Deutschland. Anlass der Reise ist die stattfindende Beerdigung Ihres Vaters, mit dem Sie viele Jahre lang zerstritten war. Dieses Buch ist durchaus typisch für Ihre Generation: Der Vater der Augusta war ein autoritärer Mensch. Er hat am Zweiten Weltkrieg teilgenommen, was zum Bruch mit der Tochter führt. Dieses Buch wird, wenn heute darüber geschrieben wird, gemeinhin der sogenannten Väterliteratur zugerechnet. Sind Sie, Frau Plessen, mit dieser Genrebezeichnung einverstanden?

Plessen: Eigentlich nicht, denn für mich war es viel mehr, es war die Auseinandersetzung meiner Generation, also ich meine jetzt nicht nur meiner eigenen Person, mit der Generation davor. Und das bezog sich genauso auf die Nazizeit und deutsche Geschichte wie auf die Achtundsechziger-Zeit, in der das Buch angesiedelt ist. Und für mich ist es auch eine Art Bilanz meines eigenen Lebens bis dorthin, weil ich wissen wollte: Wo komme ich her und was habe ich bislang aus meinem Leben gemacht?

Abschied von der adeligen Herkunft

Lieske: Die Bilanz sah damals so aus, dass Sie tatsächlich den Adelsnamen abgelegt haben: Sie nennen sich seit den 1970er-Jahren Elisabeth Plessen. Und Sie sind Ihren Weg unabhängig von Ihrer adeligen Herkunft gegangen: Sie haben Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert in Paris und in Berlin, und Sie sind Autorin geworden. Gab es eigentlich, Frau Plessen, nur das eine oder das andere? Brauchte es diese Loslösung, diese komplette Losllösung von Ihrem Hintergrund, um ein Individuum zu werden?

Plessen: Ich glaube ja, also so, wie ich gestrickt bin, brauchte es das, denn ich bin in eine alte Familie hineingeboren, in der im Grunde genommen nur die männlichen Nachkommen zählten und die weiblichen Personen eine Kategorie zweiter Art waren. Und ich hatte insofern in der Familie nur die Zukunft, zu heiraten, und das wollte ich nicht. Ich wollte studieren, ich wollte mein eigenes Leben führen, ich wollte unabhängig von diesen alten Strukturen leben.

Lieske: Der deutsche Adel, ich frage mal gerade noch ein bisschen weiter an dieser Stelle, weil ich das wirklich sehr interessant finde, hat ja mit 1945 seine tragende Rolle als Stütze der Gesellschaft verloren. Trotzdem sind ja viele Adelige noch unter uns, und wenn ich beim Zahnarzt oder so Hochglanzmagazine aufschlage, dann sehe ich, welche enorme Strahlkraft das immer noch hat irgendwie als Projektionsfläche, Menschen von Adel haben die Funktion, die vielleicht früher Prinzen oder Prinzessinnen in Märchen innehatten. Könnten Sie sich das erklären?

Plessen: Ja, doch, ich meine, in dieser nüchternen Welt, in der wir leben, braucht der Mensch oder sein Herz oder seine Seele immer ein bisschen Kitsch, und Adel oder das Klischee davon, was in diesen ganzen Gazetten zu lesen oder zu sehen ist, oder auch die Royals zum Beispiel, die erfüllen diese Rolle sehr gut.

"Die Unerwünschte" - Frauen im Mittelpunkt

Lieske: Wobei da das menschliche Angesicht immer sehr wichtig ist. Wenn ich Ihre Bücher lese, erfahre ich vor allem etwas über große Kälte, über Distanz zwischen den Menschen und über erstarrte Strukturen. So auch in Ihrem neuen Roman, "Die Unerwünschte" heißt er, die Protagonistin ist diesmal Charlotte. Sie ist eine von drei Töchtern, die auf dem Gut Ahlefeld im Norden von Deutschland groß werden. Und man erlebt bei ihr, was man auch schon mit Augusta erlebt hat, wie sie sich vom Vater entfremdet, wie sie ausbricht und sich der Studentenbewegung in Berlin anschließt. Zu Beginn des Buches ist sie recht betagt und wir befinden uns in einer Dialogsituation, sie wird nämlich befragt von der Großnichte Alma und ihrem Partner Carlo nach ihrem Leben. Wie steht denn Charlotte zu dem, was sie erlebt hat?

Plessen: Sie steht dahinter. Sicherlich hat sie Fehler gemacht, aber man macht halt Fehler in seinem Leben. Sie ist ihren eigenen Weg gegangen und den wird sie auch weiter genauso gehen.

Lieske: Im Gegensatz zu Ihren vorigen Romanen stehen diesmal die Frauen im Mittelpunkt. Warum ist das so?

Plessen: Weil mich im Lauf meinen alten Lebens die Rolle der Frauen also in so einer alten Familie mehr und mehr interessiert hat. Und dieses Buch geht über drei Generationen Frauen, und die Rolle der Frauen hat sich im Lauf dieser Zeit, also sagen wir, aus der Zeit der Weimarer Republik über die Nazizeit, wo die Frauen ja auch durch die Nazis, durch die Kriegswirtschaft zum Arbeiten gezwungen wurden, absolut geändert.

Lieske: Das kann man ganz gut nachvollziehen in diesem Roman: Charlotte nimmt die mittlere Generation ein, Alma die junge, und dann gibt es Stefanie, die zur Generation von Charlottes Mutter gehört. Sie ist domestiziert, aber nicht gebrochen – so habe ich Stefanie gelesen. Ist das richtig?

Plessen: Ja, ja, das ist richtig.

Lieske: Ja, man kann Figuren weiter entwerfen, weiter spinnen. Das bringt mich zu Ihrer Art, diese Geschichte zu erzählen. Charlotte spricht selbst, sie wird aber auch befragt und es gibt eine weitere Erzählinstanz. Das ist schon ziemlich raffiniert. Man sollte vielleicht dazu sagen, Frau Plessen, dass Sie literaturwissenschaftlich mehr als beschlagen sind. Ich sage einmal mal, wie das Thema Ihrer Dissertation lautete: "Fakten und Erfindungen – zeitgenössische Epik im Grenzgebiet von Fiction und Non-Fiction".

Plessen: Ja.

Lieske: Da könnte man eigentlich meinen, dass Sie sich von Anfang an doch sehr dafür interessiert haben, wie erzähle ich eine persönliche Geschichte, ohne dass sie zu privat wird? Ist das richtig?

Plessen: Das ist richtig, und wie erzähle ich so eine Geschichte mit allen literarischen Tricks, ohne dass mir der Leser selbst auf die Schliche kommt? Oft ist es mir passiert, dass jemand sagte, also ach, … im ersten Roman, in der "Mitteilung", ach, wie lange haben Sie denn in Wiesbaden gelebt? Und da habe ich gesagt, ich bin da an einem Nachmittag durchgefahren und habe mir dieses und jenes notiert und dann habe ich das in das Buch so hineingebaut, dass es den Anschein hatte, als hätte ich da mein Leben verbracht.

Lieske: Sie verwischen die Spuren, gleichzeitig können und werden und wollen Sie vielleicht sogar gefunden werden?

Plessen: Ja. Es schafft nur niemand.

Lieske: In "Mitteilungen an den Adel", dieses Buch besteht aus vier Teilen, in einem dieser Teile, es heißt Post Festum, liest Augusta das Kriegstagebuch Ihres Vaters. Und mir ist aufgefallen, dass der schon mit ähnlichen verschiebenden, verwischenden und distanzierenden Mitteln, ja, mit einer Multiperspektivität gearbeitet hat. Ist Ihnen das auch aufgefallen?

Plessen: Der Roman oder das Tagebuch?

Lieske: Das Tagebuch.

Plessen: Ja. Nur glaube ich, dass da die Tendenz eine andere war als meine Absicht, denn ich will ja immer so à la Hölderlin "komm ins Offene, Freund" mich begeben, und der Vater in dem Buch hat es sehr verwischen wollen in etwas, was mir unangenehm ist, wo man das klare Denken vor der Tür lässt.

Lieske: Es ging um die Schuldfrage.

Plessen: Ja. Und das fand ich ein Ausweichen.

Lieske: Insofern, würde ich vorschlagen, kann man dieses Buch doch zur Väterliteratur rechnen, denn es ist natürlich das zentrale Thema dieser Literatur, die Schuldfrage der Vätergeneration.

Plessen: Gut, ja. Das stimmt schon. Also das Gegenüber ist der Vater, die Autorität des Vaters, die Vergangenheit des Vaters und auch die ganze Präsenz des Vaters, der auch die Zukunft der Tochter bestimmen will.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Elisabeth Plessen: "Mitteilung an den Adel"
Suhrkamp Verlag, Berlin. 248 Seiten, 8,50 Euro.

Elisabeth Plessen: "Das Kavalierhaus"
Kindle Edition, 11,99 Euro.

Elisabeth Plessen: "Die Unerwünschte"
Berlin Verlag, München. 348 Seiten, 22,00 Euro.

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