Sonntag, 27. November 2022

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Elsass
Vom einfachen Leben in Mittelbergheim

Das Elsass ist bekannt für kulinarische Genüsse und auch das Dorf Mittelbergheim am Fuß der Vogesen steht diesem Ruf in nichts nach. Doch neben guten Weinen, reinem Wasser und knusprigen Flammkuchen prägen auch Ursprünglichkeit und Zusammenhalt das Dorf.

Von Rudi Schneider | 05.08.2018

    Luftaufnahme von Mittelbergheim
    Mittelbergheim im Elsass wurde kürzlich zum zweitschönsten Dorf Frankreichs gekürt (Jean Francois Bohler - Studio Pygmalion)
    Praktisch zu Füßen des Mont-Sainte-Odile, dem Klosterberg der heiligen Odile, die die Schutzpatronin des Elsass ist, wogen regelrecht Wellen von Weingärten, soweit das Auge reicht. Mittendrin nestelt das traditionsreiche Winzerdorf, fast passt der Name: "Mittelbergheim". Gleich am südlichen Ortseingang plätschert der Sinn-Brunnen, der uns mit seinen vier unterschiedlichen Wassertrögen unvermittelt tief in die Geschichte des Dorfes führt.
    Der Brunnen wird bereits 1311 in einer Straßburger Stadtverordnung erwähnt. Und nach sieben Jahrhunderten ist dieser Brunnen keineswegs nur ein Relikt der Vergangenheit für die Touristen. Lucien Mappus ist eine ältere Dame und sie kommt festen Schrittes mit einigen Behältern an, die sie schmunzelnd einen nach dem anderen unter den uralten Wasserhahn hält.
    "Ich weiß nur, dass die Waschfrauen hier die Wäsche gewaschen haben. Ich wohne hier schon lange. Ich nehme es für den Garten, manche Leute holen es, es ist rein."
    Dieser Brunnen diente tatsächlich laut den historischen Quellen seit dem 13. Jahrhundert zum Wäschewaschen, als Viehtränke und zum Brandlöschen. Und mit ihrem letzten Wort erwähnt Lucien gerade ein Alleinstellungsmerkmal mit sehr aktuellem Bezug, sie sagte: "Es ist rein."
    Michel Lapp, der mit Lucien zum Brunnen gekommen ist, nickt heftig und erzählt, warum er dieses Wasser so schätzt. "Ob Sie das kennen, Kefir. Das andere Wasser ist nicht gut. Der Pilz stirbt ab, aber mit diesem Wasser nicht."
    "Einfach, schön und gut"
    "Die Elsässer", so nennt sich diese Musikgruppe, sangen es gerade: "Da zählt ein Handschlag noch." Genau dieses gegenseitige Vertrauen erleben wir auf unserer kleinen Wanderung durch Mittelbergheim. Vom Sinn-Brunnen führt der Weg ins Dorf bergan.
    "Berge", so nannten die Franken diesen Ort bereits im 6. Jahrhundert. Mittelbergheim heißt das Dorf nach mehreren Umbenennungen seit dem 17. Jahrhundert. Es war ursprünglich ein kaiserliches Gut, das Kaiser Karl der Dicke im Jahr 880 seiner Frau Richardis, der Gründerin der Abtei des Nachbarortes Andlau schenkte. Entlang der Straße wechseln prächtige Renaissance-Häuser mit urigen Fachwerkgebäuden, die fast alle durch einen Torbogen einen Blick zum Innenhof freigeben. Dort begrüßt uns Bürgermeister Alfred Hilger mit einer einladenden Geste.
    "Ich glaube, Mittelbergheim ist ein Winzerdorf-Original. Keine große Aufmachung, nein, einfach, schön und gut."
    Mit "einfach" meint er ganz sicher auch "unverfälscht", denn die Haupteinnahmequelle der Mittelbergheimer ist auch nach Jahrhunderten der rundherum angebaute Wein. Und der sorgt, so erzählt der Bürgermeister mit einem Augenzwinkern, auch mit dafür, dass er immer noch auch die deutsche Sprache spricht.
    "Ich bin aus einem Winzerdorf, und wenn ich zwei Gläser Wein getrunken habe, dann kann ich ganz gut Deutsch sprechen."
    Der Spur des Weines zu folgen, ist in Mittelbergheim fast ein Zickzack-Kurs von Hofeinfahrt zu Hofeinfahrt. Mit Alfred Hilger folgen wir der Rue Rotland, wo Jean-Christophe Lehner uns in eine dieser Hofeinfahrten einlädt. Er ist Maître de Chai et Culture der Domaine Gilg.
    "Weingut Gilg ist mein Großvater. Also mein Großvater hat mit zweieinhalb Hektar angefangen, und seine Tochter und zwei Söhne haben weitergemacht. Jetzt arbeiten wir zwischen Cousin und Cousine und wir haben heute 30 Hektar."
    Untergrundwelt mit flüssigen Winzer-Schätzen
    Der ganze Ort liegt auf einem riesigen Kalksteinfelsen und das haben die Mittelbergheimer genutzt, erzählt Jean-Christophe. "Unser Betrieb ist im Zentrum vom Dorf. Wir haben 1.000 Quadratmeter untendrunter im Keller. Dort können wir bis 2.400 Hektoliter lagern". "Untendrunter", wie Jean-Christophe sagt, ist in Mittelbergheim eine regelrechte Untergrundwelt, wo die flüssigen Schätze der Winzerfamilien lagern. In den Weingärten rund um den Ort werden sieben Rebsorten angebaut, eine davon ist das Highlight der Domaine Gilg.
    "In Mittelbergheim haben wir eine Spezialität. Das ist die Silvaner Grand Cru Lage. Das ist der einzige Silvaner Grand Cru, den es im Elsass gibt. Den gibt es nur in Mittelbergheim." Und diese Weine reifen und lagern hier unten auch noch in ganz besonderen Fässern.
    "Wir machen auch einige Barrique-Fässer, kleine Barrique-Fässer. Das sind ganz kleine Fässer für 225 Liter. Die Barrique sind aus französischem Holz, die sind gemacht in der Bourgogne. Und die benutzen wir für Weißwein. Nach einem halben Jahr benutzen wir sie für Rotwein."
    Für die besten und wertvollsten Weine gibt es im Rathaus einen ganz besonderen Gewölbekeller, erzählt Bürgermeister Alfred Hilger.
    "Wir haben auch eine Önothek, die vom Winzerverein zum Verkosten gegründet wurde. Das ist ein Keller, in dem jedes Jahr die besten Flaschen des Dorfes aufbewahrt werden."
    Das Rathaus ist ein bemerkenswerter Renaissancebau aus dem Jahr 1620. Für Andre Seitz, der von 1970 bis 1998 Bürgermeister war, war es der Grund sich wählen zu lassen.
    "Das Rathaus, das war eine Konstruktion aus dem Mittelalter. Das war schlecht unterhalten. Ich wollte Bürgermeister werden, nur für sechs Monate, um dieses Rathaus zu erneuern."
    Deutsche Spuren in Mittelbergheim
    Wie weit die Wurzeln der Mittelbergheimer in der Vergangenheit reichen, wird uns unter anderem an Andre Seitzs‘ Familienstammbaum klar, der reicht nämlich bis 1475. Die politische Zugehörigkeit des Elsass hat während der vergangenen Jahrhunderte mehrfach gewechselt. Die deutsche Spur ist in jedem Fall in den Ortsnamen, den Familiennamen und auch der Sprache zu erkennen.
    Der Sinn-Brunnen in Mittelbergheim mit seinen Steintrögen für das Wasser.
    Der Sinn-Brunnen in Mittelbergheim wurde 1311 zum ersten Mal in einer Straßburger Stadtverordnung erwähnt. (Rudi und Rita Schneider)
    Andre Seitz spricht noch das elsässische Dialekt, das der jungen Generation, wie er sagt, aber mehr und mehr verloren geht. Sein Statement über "Des Dorf" wollen wir in diesem Fall einmal ganz bewusst nicht übersetzen. "Des Dorf…" (es folgt eine Beschreibung des Dorfes und des Charakters seiner Bewohner im elsässischen Dialekt).
    Wandert man durch die Gassen von Mittelbergheim sieht man nicht nur alte historische Weinpressen, sondern auch eine Ölmühle aus dem 18. Jahrhundert. So klein Mittelbergheim auch ist, es hat zwei Kirchen, eine evangelische und eine katholische und dort wartet Theres Metz auf uns mit dem Schlüssel zum Portal.
    "Das ist jetzt unsere Kirche, die ist noch nicht so alt. Ja, ich bin hier geboren, ich bin hier getauft, ich habe hier geheiratet. Das ist meine Kirche."
    Die Orgelmusik des elsässischen Komponisten Marie-Joseph Erb, der im Nachbarort Andlau gestorben ist, begleitet uns beim Rundgang durch das Kirchenschiff. Theres zeigt auf die Kreuzweg-Stationen, die links und rechts unterhalb der Fenster zu sehen sind, und erinnert sich an deren Ursprung.
    "Der Priester, der die Kirche gebaut hat, hatte einen Kollegen, der in Deutschland war. Und die wollten neue Stationen machen. Die waren gute Freunde, die beiden Priester, der deutsche und der französische. Und der hat dann diese Stationen der Kirche geschenkt. Dann ist da noch die heilige Odilie, das ist unsere Landespatronin. Man sieht ja ihre Augen, die war blind. Das sind die Augen, die auf dem Buch zu sehen sind, sie wurde dann geheilt."
    Das kleine Orgelpositiv steht übrigens nicht wie gewohnt oben auf der Empore, sondern links neben dem Altar. Ein Element der Kirche erzeugt ein Lächeln bei Theres.
    "Auf der linken Seite steht der Taufstein, in dem das Taufwasser war, von dem ich getauft wurde. Sieht man mir das nicht mehr an?"
    Das zweitschönste Dorf des Landes
    Das war vor immerhin 88 Jahren, und ja, man sieht es Theres an, das Taufwasser muss ein Jungbrunnen gewesen sein. Theres entlässt uns aus dem Gotteshaus. Die Mittelbergheimer feiern grundsätzlich gerne, aber jetzt hatten sie einen ganz besonderen Anlass. Das Winzerdorf wurde zum zweitschönsten Dorf Frankreichs gewählt und für Bürgermeister Alfred Hilger, war das eine echte Hausnummer.
    "Für das Dorf war es ein ganz großes Fest. Dieses Fest war eines von meinen schönsten Tagen als Bürgermeister, weil alle miteinander geholfen haben. Jeder hat mitgearbeitet, damit der Wettbewerb so gut für uns abgelaufen ist."
    Was "mitgearbeitet" bedeutet, beschreibt uns Marie-Jo Cavodeau, die erste Bürgermeisterin, die nicht nur die Feste organisiert, sondern auch weiß, wie aufwendig die Erhaltung der historischen Bausubstanz ist.
    "Wir wussten nicht, ob wir 300 Personen hatten, oder 400 oder 500. Die Leute sagten, wir hatten 1.400 Leute. Das war wunderbar. Die Leute von Mittelbergheim legen sehr viel Wert auf ihre Häuser. Das sind meistens Häuser, die schon von den Urgroßeltern stammen und dann von Kind zu Kind weitergegeben wurden, und die achten sehr auf ihre Häuser."
    Marie-Jo Cavodeau winkt eine junge Dame zu uns heran und sagt: "Das ist Sophie Boeken, und sie hütet mit ihren Kollegen unsere Häuserschätze."
    "Ich bin eine Frau in der Feuerwehr, eine Feuerwehrin, ich weiß nicht wie ihr das nennt. Ich bin schon 15 Jahre hier in Mittelbergheim bei der Feuerwehr. Wir haben schon große Feuer hier in Mittelbergheim gehabt. Unser Haus ist das Haus meiner Eltern, meiner Großeltern und meiner Urgroßeltern. Die Häuser sind sehr eng. Wir haben einen Selekt-Apparat, und wenn der Apparat piept, dann gehen wir in die Kaserne und fahren zu einem Feuer."
    Historische und kulinarische Genüsse
    Nun, es gibt natürlich in Mittelbergheim, wenn gefeiert wird, auch noch eine andere und ganz sicher willkommene Art von Flammen, das ist das knisternde Feuer im Ofen für die Flammkuchen. Der Meister am Feuer und Bäcker der Elsässer Spezialität ist Olivier Egele.
    "Also, Flammkuchen machen wir jedes Mal, wenn wir eine Sommernacht haben oder am Weinfest, Ende Juli. Das haben die Leute so gern. Wir machen Teig, der nur aus Mehl und Wasser besteht, ganz einfach. Dann Sahne oder weißer Käse, das kommt darauf an. Es gibt beide Rezepte. Dann Zwiebeln und Speck, mit oder ohne Käse. Das ist dann der ‘Tarte Flambée Normale‘ oder der ‘Tarte Flambée Gratinée.‘"
    Über Kalorien reden wir nicht. Wenn man im Elsass unterwegs ist, darf man sich einfach bei allem treiben lassen, was Küche und Weinkeller zu bieten haben. Und das sei abschließend erwähnt, auch beim Genuss von so viel historischem, ob Baukunst, Kultur oder Musik, eines haben wir aber ganz besonders genossen, nämlich die Gastfreundlichkeit und die Tatsache, dass wir Deutsche keine Fremdsprache beherrschen müssen, wenn wir hier unterwegs sind.