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Elterngeld ist "eine gute Maßnahme"

Das Elterngeld sei zwar sinnvoll, aber dennoch "nur eine Maßnahme aus einem bunten Blumenstrauß", den Familien benötigten, sagt Karin Kaltenbach vom Bundesverband Arbeiterwohlfahrt. Um diese wirklich zu unterstützen brauche es eine bessere Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen.

Karin Kaltenbach im Gespräch mit Gerd Breker | 19.08.2011
    Gerd Breker: Mehr Babys in Deutschland. Die Geburtenziffer ist 2010 auf den höchsten Wert seit 21 Jahren gestiegen. Sensationell! – so hat das Statistische Bundesamt gestern in Wiesbaden mitgeteilt. Doch schrumpft die Bevölkerung bei uns weiter. Mit ihren Geburtenzahlen ist die Bundesrepublik immer noch das Schlusslicht in Europa. In der Politik begann unterdessen eine neue Debatte über das Elterngeld. Unionsfraktionschef Kauder forderte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung", das Elterngeld 2013 auf den Prüfstand zu stellen. Er habe immer darauf hingewiesen, dass man mit Geld keinen Kindersegen erreichen werde. Das Familienministerium hingegen sieht sich auf dem richtigen Weg. Die Union streitet um das Elterngeld, und wir wollen mit Karin Kaltenbach vom Bundesverband Arbeiterwohlfahrt über den Zusammenhang zwischen Kindersegen und Elterngeld reden. Guten Tag, Frau Kaltenbach!

    Karin Kaltenbach: Schönen guten Tag, Herr Breker!

    Breker: Hatte denn, Frau Kaltenbach, das Elterngeld wirklich die Wirkung einer Gebärprämie?

    Kaltenbach: Herr Breker, ich würde das jetzt nicht so zuspitzen. Ich denke, das Elterngeld war eine Maßnahme und aus unserer verbandlichen Sicht auch eine gute Maßnahme, um junge Familien zu unterstützen, aber es ist nur eine Maßnahme aus einem bunten Blumenstrauß, den Familien benötigen. Und sich jetzt in die politische Diskussion zu begeben und die Maßnahmen gegeneinander auszuspielen, was heute durch Herrn Kauder passiert ist, halten wir doch für sehr kurz gedacht, denn um Familien wirklich zu unterstützen, braucht es viel mehr. Da braucht es ein koordiniertes Miteinander sowohl von Bund, Ländern und Kommunen wie auch ressortübergreifend.

    Breker: Das Elterngeld allein ist zwar teuer, aber es reicht allein nicht aus. Wir schrumpfen immer noch, und das liegt konkret an welchen Dingen? Was hält junge Paare davon ab, Eltern zu werden?

    Kaltenbach: Wenn das jetzt so ganz genau erforscht wäre, würden wir alle ein bisschen schlauer dastehen. Man kann nur vermuten, woran es liegt, und ein wesentliches Kriterium ist natürlich die Arbeitswelt. Je unsicherer die Arbeitsplätze sind im Arbeitsleben, umso schwieriger ist auch eine Familienplanung. Dann versucht man doch erst einmal, sich im Beruf zu satteln, eine vielleicht unbefristete Stelle auch zu bekommen, damit man dann auch die Sicherheit hat, zurückkommen zu können, wenn man die Geburtenplanung, wenn die Kinder dann da sind. Ich denke, das ist ein ganz großer Faktor in dieser Geburtenplanung. Aber was es jetzt genau ausmacht, da werden Sie keine Studie finden, die Ihnen in einer Rangfolge genau sagt, das und das und das und das führt zu einer höheren Geburtenzahl.

    Breker: Das ist ein ganzes Bündel von Gründen, Frau Kaltenbach. Man könnte ja, wenn man es herausfinden will, woran es denn liegt, einfach mal über die Grenzen hinwegschauen. Wir sind in Europa das Schlusslicht, also machen die anderen irgendwas besser. Was machen denn die anderen besser?

    Kaltenbach: Da sprechen Sie etwas ganz Wichtiges an. Die anderen machen ... zumindest wenn wir in die skandinavischen Länder gehen, haben wir natürlich, sagen wir mal das, dass die Familienpolitik ins Zentrum der politischen Gestaltung gerückt wurde, und das schon vor längerer Zeit, nicht erst seit gestern. Und wir finden da natürlich auch eine sehr gute Betreuungslage vor. Wir finden für unsere hiesigen Kinderförderungsangebote Traumsituationen vor. Wenn wir hier mit Erzieherinnen von der Arbeiterwohlfahrt nach Schweden fahren und uns dort die Kindertageseinrichtungen anschauen, da kriegen die Erzieherinnen doch ganz große Augen und sehen, dass da einiges möglich ist, was bei uns nicht der Fall ist. Da gibt es flexiblere Öffnungszeiten, da gibt es auch vor allen Dingen mehr Erzieherinnen für die zu betreuenden Kinder, und es gibt auch ein Angebot für Familien, was sich auf mehrere Bedarfe konzentriert.

    Breker: Das heißt, es gibt auch zum Beispiel flexiblere Arbeitszeiten, man kann also nicht nur 100 Prozent arbeiten, man kann auch reduzieren auf 80, 70, 60 Prozent, je nach Bedarf?

    Kaltenbach: Ja. Also ich denke, das ist auch eine ganz, ganz wichtige, ein wichtiges Kriterium, was Sie ansprechen, nämlich der sogenannte Taktgeber unserer Arbeitswelt. In dem Moment, wo ich in einem Betrieb oder in einer Firma arbeite als junges Paar, als Mann oder Frau und Kinderwunsch habe, dann merke ich natürlich, wie das Klima um mich rum ist. Gibt es auch andere Väter, die schon das Elterngeld in Anspruch nehmen? Wenn Sie in einem Betrieb mehrere haben, die es in Anspruch nehmen, ja, dann ist, sagen wir mal, das Klima so, dass Sie als Vater sich schon auch überlegen, ja, das könnte ich ja auch. Sind Sie in einem Betrieb, wo das eigentlich immer so ist, dass die Frauen diejenigen sind, die zu Hause bleiben, dann überlegen Sie natürlich als Vater auch, hm, kann ich mir das leisten, rutsche ich da ab oder nicht. Das ist nur ein Beispiel davon, dass die Arbeitswelt ein maßgeblicher Faktor ist.

    Breker: Frau Kaltenbach, wenn wir uns die Geburtenzahlen, die das Statistische Bundesamt gestern veröffentlicht hat, genauer anschauen, dann stellen wir ja fest, dass es vor allen Dingen die Frauen in Ostdeutschland waren, die sich mehr zum Kinderwunsch entschlossen haben und dafür entschieden haben. Hat das vielleicht auch etwas damit zu tun, dass die Betreuungssituation in Ostdeutschland traditionell noch aus DDR-Zeiten heraus einfach viel besser ist als in Westdeutschland?

    Kaltenbach: Das kann ich nur unterstützen. Wir haben immer noch eine ganz starke Trennung Ost/West, also ein Gefälle, gerade was die Betreuungsangebote für die Kinder unter drei Jahren angeht. Da haben Sie im Ostteil, wie Sie schon sagten, traditionell eine wesentlich bessere Angebotslage, während wir im Westen da nur ganz langsam aufholen und auch da erhebliche Dynamik noch reingeben müssen, um das Ausbauziel bis 2013 zu erreichen. Es soll ja sich bundesweit anpassen, aber dennoch klafft es schon sehr auseinander. Und ich denke, klar, wenn ich die Auswahl habe, welche der Kitas in meiner Nähe denn die Kita für mein Kind werden will, dann gehe ich natürlich völlig entspannter oder viel entspannter an meine Familienplanung ran, als wenn ich gar nicht weiß, ob ich eine Tagesmutter kriege oder wenn, ob ich sie überhaupt bezahlen kann.

    Breker: Vom AWO-Bundesverband war das Karin Kaltenbach. Frau Kaltenbach, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

    Kaltenbach: Ich danke auch!

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.