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StartseiteTag für Tag"Wir leben in Zeiten einer gewissen Verrohung" 18.01.2019

Empathie"Wir leben in Zeiten einer gewissen Verrohung"

Die FAZ-Journalistin Melanie Mühl macht eine zunehmende Kaltherzigkeit und Aggressivität aus. Zuerst in Worten, dann in Taten, etwa in Angriffen auf Politiker. In ihrem neuen Buch plädiert sie für Gefühl mit Verstand.

Melanie Mühl im Gespräch mit Christiane Florin

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Melanie Mühl bei Lanz (picture alliance / Eventpress MP)
In ihrem Buch "Mitfühlen" beschreibt die FAZ-Journalistin Melanie Mühl Empathie als eine wichtige Fähigkeit in unruhigen Zeiten (picture alliance / Eventpress MP)

Christiane Florin: Empathie ist der soziale Kitt der Gesellschaft, schreibt die FAZ-Journalistin Melanie Mühl in ihrem Buch "Mitfühlen".  Das sei, so der Untertitel, eine wichtige Fähigkeit in unruhigen Zeiten. Sie verwebt in diesem kleinen Essay eigene Erlebnisse mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Gestern habe ich mit Melanie Mühl gesprochen, sie hat den vorangegangen Beitrag gehört. Und damit also auch den Verdacht von Fritz Breithaupt, dass die Willkommenskultur eher eine Identifikation mit den Helfern war als Mitgefühl mit Flüchtlingen. Frau Mühl, teilen Sie diese Einschätzung?

Melanie Mühl: Ich denke, dass es da zwei Seiten gibt: die Helfer, die sich auf die Flüchtlinge eingelassen haben und sich danach auch weiter mit deren Schicksal auseinander gesetzt haben und ehrenamtlich tätig waren. Und dann gibt es sicherlich auch die, und wahrscheinlich sind diese Menschen dann in der Mehrzahl, die sich an diesem Gefühl der kollektiven Hilfe, des Zusammenstehens und des Helfens auch ein bisschen selbst gepusht haben und sich selbst das Gefühl vermittelt haben, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Das hatte ja fast etwas Feierliches. Da verstehe ich Herrn Breithaupt schon. Das erwähne ich auch in meinem Buch, dass es immer zwei Seiten der Empathie gibt, dass es nichts per se Gutes ist und per se auf den Anderen gerichtet ist, sondern auch eine egoistische Komponente hat.

Florin: Was ist so problematisch daran, sich auf der moralisch richtigen Seite zu fühlen?

"Ein Sich-Wegschwemmen-Lassen ist gefährlich"

Mühl: Das wollen wir ja alle. Ich glaube aber, dass in dem Moment, in dem man sich für eine Seite entscheidet, man den klaren Blick für die andere Seite verliert. Das bedeutet, dass man der anderen Seite Empathie entzieht. Insofern ist die Empathie im Sinne von übersteigerter Einfühlung oder einem Sich-Wegschwemmen-Lassen gefährlich, weil sie die Vernunft torpediert und uns den klaren Blick verschleiert auch darauf, was außerhalb der eigenen Gruppe, auf die man sich fokussiert, passiert.

Florin: 2015 ging ein Bild um die Welt. Es zeigt einen toten Jungen aus Syrien, der Junge mit einem roten T-Shirt an einem Strand. Das Mitgefühl, das dieses Bild auslöste, lässt sich sogar messen. Die Spendenbereitschaft für Syrien stieg. Eigentlich ist das jetzt hinweggespült. Wie kann das sein, dass ein so starkes Bild fast ausgelöscht ist?

Mühl: Ich würde gar nicht sagen, dass es ausgelöscht ist. Wenn man zum Beispiel im Bekanntenkreis auf dieses Bild zu sprechen kommt, ist es noch da. Die Frage ist: Bewirkt es noch etwas? Und da haben Sie sicher Recht: Es mäandert im Hintergrund. Seither sind so viele neue Bilder auf uns eingeprasselt, so viel Elend, dass es natürlich irgendwann in den Hintergrund rückt und die Debatte war ja: Darf man so ein Bild zeigen oder nicht? Ich war anfangs auch unsicher. Als ich aber dann die Ergebnisse der Spenden gesehen habe - vielleicht muss man es sogar zeigen, um die Menschen wachzurütteln. So brutal das ist und so schrecklich dieses Bild ist, vielleicht geht es nicht anders.

Zerreißt das Herzzerreißende die Gesellschaft?

Florin:  Ist nicht die Kaltherzigkeit, die Sie beschreiben, eine Kehrseite dieses herzzerreißenden Bildes. Zerreißt das Herzzerreißende nicht auch eine Gesellschaft?

Mühl: Ja. Es gibt natürlich die, die dann den Blick abwenden und die Scheuklappen aufsetzen, weil Sie - wie Sie sagen - nicht möchten, dass das eigene Herz zerrissen wird. Andererseits liegt die Frage auf der Hand, wie es um das Mitgefühl einer Gesellschaft bestellt ist, wenn solche Bilder wirklich nötig sind, um uns zum Nachdenken zu bringen, um uns zum Spenden zu bringen, um unseren eigenen moralischen Kompass neu zu justieren. Das ist eine wichtige Frage, weil es ein Zeichen dafür ist, dass wir in Zeiten einer gewissen Verrohung leben. Wir erleben das jeden Tag, dass die Aggressivität und die Kälte des Tones, die man in den sozialen Netzwerken finde, in den Alltag geschwappt sind, dass man sie auf der Straße wiederfindet. Aktuelles Beispiel sind die Angriffe auf Politiker, auf den AfD-Politiker in Bremen. Das ist natürlich brutal.

Florin: Wann war es denn besser um das Mitgefühl in Deutschland bestellt?

"Das fängt bei jedem Einzelnen an"

Mühl: Ich glaube, dass es wichtig ist nach vorne zu gucken und auf das Jetzt zu schauen und sich zu überlegen: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben? Was kann jeder Einzelne tun für das Mitgefühl, das kein Allheilmittel und für den gesellschaftlichen Kitt allein verantwortlich sein kann. Gleichzeitig ist es jedoch so, dass man selbst so viel tun, dass man selbst spürt im Alltag - man muss gar nicht auf die große politische Bühne gucken -, dass eine Aggressivität Einzug gehalten hat, die einen doch verstört. Ich glaube, das fängt bei jedem Einzelnen an im Kleinen, einen anderen Ton, sich selbst zu hinterfragen, sich nicht triggern zu lassen durch soziale Medien. Wir haben alle umheimlich schnell eine Meinung zu allem. Vielleicht ist das entspannte Zurücklehnen und Hinterfragen wichtiger denn je.  

Florin: Ich möchte trotzdem auf die große politische Bühne zu sprechen kommen, weil Sie es angesprochen haben: auf den Überfall auf den AfD-Politiker Magnitz. Da war bei Politikern aller Parteien das Bemühen zu erkennen, Mitgefühl auszudrücken, auch wenn man die Partei ablehnt, es wurde also zwischen Person und Partei unterschieden. Gleichberechtigt verteiltes Mitleid - ist das ein Element des sozialen Friedens?

Mühl: Natürlich ist es unglaublich wichtig, dass sofort Stellung bezogen wird und klar gesagt wird: Gewalt kann nie ein politisches Mittel sein. Gleichzeitig hat man bei den Reaktionen auch gemerkt, dass einerseits kommt: Wir lehnen die Gewalt ab. Aber: Hashtag "Nazis raus" mit den Mitteln des Rechtsstaats. Ich glaube nicht, dass das etwas ändert in der Kommunikation.

Florin: Es ist doch eigentlich etwas künstlich, mit diesem gleichberechtigt verteilten Mitgefühl.

Mühl: Das gibt es nicht.

"Gleichberechtigt verteiltes Mitgefühl - ein Selbstbetrug"

Florin: Genau. Viele wissenschaftliche Experimente, aber auch der mediale Alltag zeigen: Wir geben das Mitgefühl denen, die uns ähnlich sind. Der Klassiker ist das Schicksal der thailändischen Fußballmannschaft in der Höhle. Die mediale Öfffentlichkeit hat mitgefiebert, ob diese Jungen gerettet werden. Gleichzeitig befinden sich Hunderte auf dem Mittelmeer, sie ertrinken oder sind in Seenot, da fiebern deutlich weniger mit. Ist es nicht Selbstbetrug zu sagen: Wir haben Mitgefühl mit allen?

Mühl: Es ist natürlich Selbstbetrug. Was Mitgefühl betrifft, betrügen wir uns permanent selbst. Das Drama um die Jungs in der Höhle war dramaturgisch perfekt. Wir hatten alle Bausteine eines Dramas, es war so leicht mitzufühlen, denn die Jungs hatten überhaupt nichts mit uns zu tun, die wollen nicht bei uns leben. Es war eine kleine Gruppe und medial hatte das so etwas Live-Tickerhaftes. Die Menschen hatten das Gefühl: Wow, ich bin bei der Rettung dabei. Man konnte daran auch die Sehnsucht nach einem Happy-Ende sehen. So schwierig die Rettungsaktion auch war: Alle haben geglaubt, dass es am Ende alles gut geht. Jeder von uns weiß, dass die Flüchtlingskrise nicht gut geht und dass wir jeden Tag furchtbare Dramen haben und dass wir genau genommen nicht ruhig am Mittelmeerstrand liegen und den Wellen zugucken können, weil dieses Meer ein Grab geworden ist. Natürlich hat das auch etwas mit Selbstschutz zu tun und natürlich spielen die Medien eine Rolle, weil sie es in eine Richtung steuern. Natürlich steuern Medien unser Mitgefühl. Ich glaube, das muss jeder Einzelne sich fragen: Mache ich das mit oder mache ich das nicht mit.

"Da wachsen kleine Prinzen und Prinzessinnen heran"

Florin: Ist Empathie in der Flüchtlingspolitik oder allgemein in der Politik ein guter Ratgeber?

Mühl: Bei Angela Merkel hat man es ja gesehen, wie sie reagiert hat 2015 und was dann daraus geworden ist. Das heißt nicht, dass die Empathie falsch war, aber die Kommunikation darüber war falsch. Man kann den Leuten nicht befehlen mitzufühlen. Man kann sie nicht bevormunden. Ich finde den Weg, den Frau Merkel eingeschlagen hat, nach wie vor richtig. Ich glaube, dass es gerade jetzt wichtig ist, dass das Mitgefühl nicht unter den Teppich gekehrt wird. Wenn man die Politik betrachtet, ist es jetzt keine gute Strategie auf Mitgefühl zu setzen. Aber was man ja auch immer wieder hört: Ich glaube schon, dass die Menschen das Gefühl haben sollten, dass da jemand ist, der ihnen zuhört und sie ernst nimmt. Das hat auch etwas mit Mitgefühl zu tun, sich überhaupt in die Lage zu versetzen. Dann ist schon viel gewonnen, ohne alles Weichgespülte.

Florin: Was hilft? Was wäre eine Schule der Empathie?

Mühl: Was ganz, ganz wichtig ist, ist natürlich die Erziehung. Wir alle sind mit der Fähigkeit zur Empathie ausgestattet von Geburt an. Es ist ganz entscheidend, das hat die Bindungsforschung vielfach bewiesen, dass die ersten Lebensjahre auch, was die Empathie und die Mitgefühlsschulung betrifft, sehr wichtig sind. Ich sprach neulich mit einem Psychologen darüber, der in Kindertagesstätten unterwegs ist, aber auch in Elternhäusern und er sagt: Er würde sich Sorgen machen, weil er das Gefühl, dass immer mehr kleine Prinzen und Prinzessinnen heranwachsen. Das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass man sich zu stark um das einzelne Kind kümmert, sondern mit der Reizüberflutung. Was dabei verloren geht, ist die Achtsamkeit für das Kleine. Also Erziehung ist enorm wichtig, auch in der Schule. Es gibt auch Wissenschaftler, die dafür plädieren, dass man in der Schule Meditation einführt. Man müsste früh ansetzen.

Florin: Also die Eltern und die Schulen sind gefordert, mal wieder. Nur: Diejenigen, die auf Marktplätzen Hassparolen schreien, sind nicht acht und auch nicht 18 Jahre, sondern eher 50 aufwärts. Die sind nicht als kleine Prinzen und Prinzessinen aufgezogen worden.

"Ich habe Hoffnung und hoffe, sie ist nicht naiv"  

Mühl: Ja, die haben sich vielleicht irgendwann radikalisiert. Das Gespräch ist natürlich wichtig. Auch wenn es schwerfällt, in die Schuhe des Anderen zu schlüpfen, ist es wichtig, das zu versuchen. Das hat natürlich irgendwo auch seine Grenzen. Ich würde sagen: Es kommt auf den einzelnen Fall an. Aber man kann die Leute nicht bekehren. Trotzdem sollte man das Gespräch nicht abbrechen lassen, das ist wichtig.

Florin: Bekehren ist ein gutes Stichwort. Ihr Buch endet mit einem Appell: Mindeststandards der Menschlichkeit einhalten, den humanen Kompass ausrichten, sich nicht gegenüber anderen verschließen. Haben Sie Hinweise darauf, dass ein solcher Appell auch diejenigen erreicht, die beim Bild des toten Flüchtlingsjungen am Strand gejubelt haben? Denn die gab es ja.

Mühl: Ja, das ist erschütternd. Die gab es. Ich glaube, dass es Menschen gibt, die so sehr in ihrer Filterblase eingeschlossen und in ihrer Ideologie verhaftet sind, dass Appell hin oder her sie einfach nicht wollen. Da kann man nichts tun, das muss man akzeptieren. Die Mehrzahl der Menschen ist aber anders, weil es ein Miteinander nur geben kann, wenn man sich mit dem anderen wirklich beschäftigt und auseinandersetzt. Ich habe die Hoffnung und ich hoffe, sie ist nicht naiv, dass die meisten am Gemeinsamen doch noch ein Interesse haben.  

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Melanie Mühl: Mitfühlen. Über eine wichtige Fähigkeit in unruhigen Zeiten. Hanser 2018. 184 Seiten, 17 Euro.

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