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StartseiteInterview"Überlegen Sie sich, was Sie sonst noch im Leben machen können"17.09.2020

Empfehlung an junge Piloten"Überlegen Sie sich, was Sie sonst noch im Leben machen können"

Uwe Harter von der Pilotenvereinigung Cockpit glaubt nicht, dass sich die Flugbranche schnell von der Krise erholen wird, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst wurde. Besonders jungen Kolleginnen und Kollegen, rät er, sich genau anzusehen, was in der Flugindustrie gerade passiert und nach Alternativen zu suchen.

Uwe Harter im Gespräch mit Friedbert Meurer

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Frau in Stewardessuniform blickt in die Kamera (Andreas Arnold/dpa/picture-alliance)
"Eine Krise, die wir so noch nicht hatten" Bei der Lufthansa droht eine Entlassungswelle (Andreas Arnold/dpa/picture-alliance)
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Die Prognosen für die Flugbranche sehen in Zeiten der Corona-Pandemie nicht gut aus. Die Lufthansa wurde vom deutschen Staat mit neun Milliarden Euro unterstützt. Trotzdem droht eine massive Entlassungswelle – zurzeit ist die Rede von bis zu 28.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Ursprünglich hatte der Konzern deutliche schneller mit einer Erholung der Branche gerechnet als es nun der Fall ist. Für den Dezember 2020 rechnete man zunächst damit, dass etwa 50 Prozent der durchschnittlichen Vor-Pandemie-Passagierzahlen erreicht werden könnten. Das wurde nun – mit Blick auf die Zahlen für September und Dezember - revidiert und die aktuellen Prognosen liegen bei etwa 25 Prozent. Uwe Harter gehört der Pilotenvereinigung Cockpit an und ist Vorstandsmitglied im Internationalen Pilotenverband. Er macht sich große Sorgen um seine Branche.

Friedbert Meurer: Vergeht Ihnen im Moment der Spaß am Fliegen?

Uwe Harter: Nein, der Spaß am Fliegen eigentlich nicht. Fliegen würde ich gerne, aber wie die Dame schon ausgeführt hat: Es ist momentan einfach nicht viel zu fliegen. Das trifft aber tatsächlich nicht nur die Piloten in Deutschland, sondern die Piloten global. Das ist jetzt wirklich eine Krise, die wir so noch nicht hatten, und richtig Spaß macht das keinem, weil keiner von uns weiß, wie es weitergeht.

Meurer: Sie selbst sind im Moment als Pilot auch in Kurzarbeit und fliegen nicht?

Harter: Genau. Ich bin auch in Kurzarbeit und fliege nicht. Ich fliege ein Langstreckenmuster und das wird momentan nicht gebraucht.

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"Ganz viele Leute werden sich global umorientieren müssen"

Meurer: Dieses Szenario, das wir gerade gehört haben, vielleicht 25 Prozent am Jahresende des Passagieraufkommens, wie man es gewohnt war, und es wird nie wieder so werden wie früher, was bedeutet das für die Piloten?

Harter: Das bedeutet, dass einfach dieser Boom, den wir hatten, und viele junge Leute sich in diesem Beruf engagiert haben, diesen Beruf erlernt haben, viel Geld investiert haben, um in diesen Beruf zu kommen, dass das diese Zukunft jetzt nicht mehr bieten wird, dass sich ganz viele Leute, ganz viele Kollegen global umorientieren werden müssen und dass wir einfach allen jungen Leuten nur raten können, schauen Sie sich ganz genau an, was jetzt in dieser Industrie passiert, glauben Sie nicht daran, dass das sofort wieder einen Boom hat, überlegen Sie sich, was Sie sonst noch in Ihrem Leben machen können, um dort auf Nummer sicher zu gehen.

Meurer: Bei diesen Entlassungen, die kommen werden, auch bei den Piloten, wird das vor allen Dingen die Jungen treffen?

Harter: Ich denke, es wird einen Schnitt durch alle Generationen treffen. So sind dann für solche Fälle die Vorkehrungen, die auch gesetzlich in diesem Land ja gelten, und das wird man dann entsprechend wiederfinden.

Meurer: Die Lufthansa bekommt ja eine Menge Geld vom Staat. Sie als Mitglied im Internationalen Pilotenverband haben natürlich auch mitbekommen, British Airways beispielsweise, da redet man ja schon fast von der Gefahr eines Bankrotts. Halten Sie das für möglich, dass solche renommierten riesigen Fluggesellschaften daran zugrunde gehen können?

Harter: Ich würde es grundsätzlich für möglich halten. Man sieht es ja auch am Beispiel von Lufthansa. Das ist ein Unternehmen, was absolut floriert hat und tolle Ergebnisse geliefert hat und sehr viele Leute in Lohn und Brot gehalten hat, plötzlich strauchelt nach wenigen Monaten, und selbstverständlich kann das genauso British Airways treffen, so wie es global auch viele Airlines ja schon getroffen hat, auch richtig große Airlines und ich denke auch in Zukunft noch treffen wird.

Eine Passagiermaschine der Lufthansa fliegt kurz vor Frankfurt. (picture alliance/dpa/Boris Roessler) (picture alliance/dpa/Boris Roessler)"Lufthansa ist für die aktuelle Krise viel zu groß dimensioniert" 
Das Rettungspaket sei wichtig, um der Lufthansa Liquidität zuzuführen, sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin Yvonne Ziegler im Dlf. Der Fortbestand des Unternehmens sei damit aber nicht gesichert.

"Etwas mehr Koordinierung würde helfen"

Meurer: Gibt es bei Ihnen unter den Piloten Kolleginnen und Kollegen, die sagen, es liegt auch an der Bundesregierung oder an den Regierungen, die ständig von heute auf morgen sagen, fliegt nicht nach Spanien, fliegt nicht nach Frankreich, und allein diese Nachrichten schrecken ab, ein Flugticket zu buchen?

Harter: Natürlich schrecken diese Nachrichten die Leute ab, die normalerweise mit uns jetzt gerne in Urlaub fliegen würden, oder auch schon dienstlich fliegen würden. Was da wirklich helfen würde, wäre ein koordiniertes Vorgehen zumindest europaweit, was diese Gesundheitsregularien angeht, um da Möglichkeiten zu schaffen, das Reisen wieder möglich zu machen. Etwas mehr Koordinierung, etwas weniger Flickenteppich allein schon in Europa würde helfen, global selbstverständlich auch.

"Große Flugzeuge einzustampfen zeigt, wie kritisch die Krise ist"

Meurer: Außerhalb Europa heißt Langstreckenflüge. Da liest man, dass der Airbus A380 von der Lufthansa abgestoßen werden soll. Was wäre das für ein Einschnitt?

Harter: Das wäre natürlich ein riesen Einschnitt. Das ist das größte Flugzeug, was die Lufthansa hat, natürlich neben dem neueren Jumbo, der 747-8. Auch das Zeichen, das die Lufthansa dann massiv geschrumpft aus dieser Krise hervorgehen würde, indem sie viele ihrer wirklich großen Flugzeuge einstampft, das zeigt auch, wie kritisch die Krise ist, dass man sich zu so einem Schritt gezwungen sieht.

Meurer: Den Schritt können Sie nachvollziehen?

Harter: Er stimmt mich selber traurig, aber ich kann ihn nachvollziehen, ja.

Meurer: Für Sie, die Pilotinnen und Piloten, kommt es eigentlich im Moment ziemlich knüppelhart mit Corona, der Pandemie, dann steht die Flugbranche am Pranger als Klimasünder und Klimakiller. Was sagen Sie eigentlich jemandem, vor allen Dingen jungen Leuten, die sagen, ich fliege nicht aus Flugscham?

Harter: Ich denke, dass man das ein bisschen genauer berechnen muss, dass man sich sehr genau überlegen muss und mal gegenrechnen muss, wie schaut es denn aus, wenn ich allein mit einem Auto in der Gegend herumfahre, von hier nach Rom fahre, und wie ist das dazu im Vergleich zum Flugzeug, und auch, wie viele Straßen muss man dann betonieren, um das möglich zu machen, wie viele Autobahnen. Man muss da schon ein bisschen, glaube ich, genauer hingucken.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Uns macht das Fliegen Freude"

Meurer: Die Statistiken sind da doch ziemlich eindeutig. Fliegen ist am umweltfeindlichsten.

Harter: Ich denke, dass man es ein bisschen genauer betrachten muss und dass man auch schauen muss, für was geflogen wird, für was nicht geflogen wird und für was eine Bahnverbindung da ist, für was eine Bahnverbindung nicht da ist. Ich sehe es aus meiner Perspektive nicht so trivial.

Meurer: Macht Ihnen und Ihren Kollegen das zu schaffen, dort ein wenig am Pranger zu stehen?

Harter: Uns macht das Fliegen Freude. Uns macht es Freude, Menschen sicher von Frankfurt nach Italien, in die ganze Welt zu bringen. Dieses eingeschnitten werden in der Freude, die wir haben, und die Leistung, die wir bringen, um diese ganze Sicherheit zu produzieren, das ist das, was für uns schwierig zu verstehen ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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