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StartseiteNachrichten vertieftStaats-TV sendet Schminktipps für Opfer häuslicher Gewalt29.11.2016

Empörung in MarokkoStaats-TV sendet Schminktipps für Opfer häuslicher Gewalt

Der marokkanische Staatssender 2M hat "Schminktipps" für verprügelte Frauen gegeben − wie lassen sich Blutergüsse im Gesicht mit Make-Up kaschieren? Die TV-Sendung löste Empörung und eine Diskussion über häusliche Gewalt in Marokko aus.

Von Dunja Sadaqi

Make-up-Artist Lilia Mouline schminkt eine junge Frau mit blauem Auge im TV. (Deutschlandradio / Screenshot)
60 Prozent aller Frauen in Marokko sind in ihrem Leben bereits Opfer von Gewalt geworden - hier demonstrieren sie dagegen in Rabat (Deutschlandradio / Screenshot)
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Das Studio ist hell, die Atmosphäre freundlich. Auf einem Stuhl vor Make-up-Artist Lilia Mouline sitzt ein marokkanisches Model. Ihr Gesicht ist geschminkt mit lilafarbenen Flecken um Auge und Wangen. Blaue Flecken soll das darstellen. Das Thema der heutigen Schminktipps: Wie kaschiere ich Blutergüsse im Gesicht mit Make-up, wenn ich geschlagen worden bin?

Lilia Mouline: "Nach den Schlägen ist dieser Bereich immer noch sensibel - also nicht mit dem Pinsel zu hart drücken. Du solltest eine Grundierung mit Gelb verwenden. Wenn du die weiße verwendest, wird man die Spuren der Schläge immer noch sehen. Wenn du dich so schminkst und dann zur Arbeit gehst, bleiben deine blauen Flecken verborgen."

Die Schminktipps lösen eine Welle der Empörung aus. Tausende Zuschauer beschweren sich beim Sender "2M", der das veröffentlichte Video der Sendung schnell aus dem Netz nimmt. Zu spät. Hundertfach wird es wieder hochgeladen, geklickt und verteilt sich auf den verschiedensten Wegen durch soziale Netzwerke. Und dort wird heftig diskutiert.

Die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen

Demonstranten gegen Gewalt gegen Frauen in Rabat, Marokko  (dpa / picture alliance / Abdelhak Senna)Demonstranten gegen Gewalt gegen Frauen in Rabat, Marokko (dpa / picture alliance / Abdelhak Senna)Der Sender 2M hat sich mittlerweile mehrfach entschuldigt. Die Sendung sei angesichts des ernsten Themas unangemessen, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. 

Währenddessen fordern Frauenrechtsverbände in Marokko Konsequenzen für den Sender. Das Thema sei ein zu großes gesellschaftliches Problem. Laut einer staatlichen Studie haben rund 63 Prozent aller Befragten Marokkanerinnen angegeben, schon einmal Opfer sexueller Belästigung oder Gewalt geworden zu sein – ein Großteil von ihnen in Beziehungen und durch den Ehepartner. Die damalige Familienministerin redete die Zahlen klein. Ministerpräsident Abdelilah Benkirane machte sich öffentlich in einer Parlamentssitzung über die Zahlen lustig.

Er scherzte: 60 Prozent aller Frauen – diese Zahlen könnten ja nicht stimmen. Sonst wären ja auch 60 Prozent aller Parlamentarierinnen betroffen. Und das Parlament? Lachte.

Die Opfer leiden oft im Verborgenen 

Wenn der Regierungschef über Gewalt gegen Frauen scherzt, lässt sich erahnen, wie schwer es betroffene Frauen haben, die sich gegen Gewalt wehren wollen. Marokkanische Frauenrechtsorganisationen beklagen schon lange, dass Opfer von häuslicher Gewalt – gerade in der Ehe – oft im Verborgenen leiden.

Lilial Mouline: "Ich hoffe, wir haben Frauen, die Rat brauchen, ein paar Lösungen vorgestellt. Wir haben euch Beauty-Tipps präsentiert, damit ihr mit eurem Leben weiter machen könnt - zur Arbeit gehen, machen, was ihr machen müsst."

Da empfanden es viele als besonders bitter, dass die Moderatorin im marokkanischen Staatsfernsehen das Problem mit Schminke übertünchen wollte. 

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