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StartseiteHintergrundEnde einer Flucht22.07.2008

Ende einer Flucht

Nach der Festnahme von Radovan Karadzic

Die Festnahme des als Kriegsverbrecher gesuchten, ehemaligen Präsident der Serbischen Republik Bosnien-Herzegowina, Radovan Karadzic, sorgt international für Aufsehen. So hofft Serbien nun auf eine Annäherung an die EU. Und in Den Haag steht das UN-Tribunal zu Jugoslawien, das eigentlich im Jahr 2010 schließen sollte, urplötzlich mitten in einem seiner wichtigsten Prozesse.

Eine Sendung mit Beiträgen von Dirk Auer, Boris Kanzleiter, Henryk Jarczyk und Ludger Kazmierczak. Redakteur am Mikrofon: Stefan Maas

Der serbische Minister Rasim Ljajic, zuständig für die Zusammenarbeit der serbischen Regierung mit dem Uno- Kriegsverbrechertribunal, hält ein aktuelles Bild von Radovan Karadzic in die Kamera. (AP)
Der serbische Minister Rasim Ljajic, zuständig für die Zusammenarbeit der serbischen Regierung mit dem Uno- Kriegsverbrechertribunal, hält ein aktuelles Bild von Radovan Karadzic in die Kamera. (AP)
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" Ich höre die Schritte der Zerstörung.
Die Stadt brennt wie der Weihrauch in der Kirche.
In dem Rauch sehe ich unser Gewissen.
Zwischen bewaffneten Gruppen, bewaffneten Bäumen.
Alles, was ich sehe, ist bewaffnet.
Alles zeigt Armee, Kampf und Krieg. "

Dieses - sein eigenes Gedicht - hat Radovan Karadzic rezitiert, während er auf das belagerte, brennende Sarajewo herabblickte. Das war 1992 - Karadzic war damals auf dem Höhepunkt seiner Macht als Führer der bosnischen Serben. Sein erklärtes Ziel: die Vertreibung aller Muslime. Es folgte das Massaker von Srebrenica, die internationale Ächtung. Die Niederlage und jahrelange Flucht, bei der es ihm immer wieder gelang, die Behörden an der Nase herumzuführen.

Bis gestern.

Da nahmen Sicherheitskräfte einen dünnen Mann mit Brille, Bart und langen Haaren fest. In einem Bus in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Auf den ersten Blick erinnerte nichts an den Kriegsherren von einst, der über dem brennenden Sarajewo sein eigenes Gedicht vortrug. Henryk Jarczyk über Karadzic und seine willigen Helfer.


Alltag auf den Hügeln des Jahorina-Gebirges. Von hier oben hatten bosnisch-serbische Scharfschützen und die Artillerie beste Bedingungen, um Sarajewo unter Beschuss zu nehmen. Hier waren sie bis 1995 permanent im Einsatz. Der Befehl war simpel: auf alle zu schießen, die sich unten in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajewo aus ihren Häusern wagten.

Manchmal ließ es sich der bosnisch-serbische Präsident Radovan Karadzic nicht nehmen und erteilte den Schussbefehl höchstpersönlich.

Wenn sie nur wollten, erklärte Karadzic kurz und bündig, dann könnten die bosnischen Serben die Stadt jederzeit einnehmen. Wenn sie es dennoch nicht täten, dann nur, weil sie zivile Opfer vermeiden wollten. Eine schamlose Lüge, die Karadzic niemals aus dem Konzept brachte.

Dass in Sarajewo beinahe täglich Kinder, Frauen, alte und junge Männer starben, ließ den bosnisch-serbischen Präsidenten und seinen General Ratko Mladic kalt. Sie leugneten den Völkermord. Die Welt - wetterten Karadzic und Mladic - müsse verstehen, dass die bosnischen Serben alles unternehmen würden, um Europa vor dem muslimischen Fundamentalismus zu retten.

"Der Islam ist bekanntermaßen eine sehr intolerante Religion. Dort, wo sich fundamentalistische Tendenzen durchsetzten, gibt es keinen Frieden mehr. Für niemanden."

Von Anfang an sah sich Radovan Karadzic ausschließlich als Verteidiger der Serben im Bosnienkrieg. Seine Eltern - serbische Nationalisten - verabscheuten die kommunistische Herrschaft des jugoslawischen Präsidenten Tito und sein vermeintliches Bestreben in Jugoslawien, alle Nationen friedlich nebeneinander leben zu lassen. Eine Vorstellung, an die Karadzic nie glaubte. Und dennoch verließ er bereits als Jugendlicher seine montenegrinische Heimat und ging in das multiethnische Sarajewo, um dort Medizin zu studieren. Karadzic wurde Psychiater und spezialisierte sich auf Neurosen und Depressionen. Seine Fähigkeiten bezeichnen Karadzics ehemalige Mitarbeiter und Vorgesetzten höflich als sehr bescheiden. Vergleichen sie nicht selten mit seinen mindestens genauso erfolglosen Versuchen, sich als Dichter und Romancier zu präsentieren.

Als nach Titos Tod der Vielvölkerstaat Jugoslawien auseinanderbrach und der Belgrader Präsident Slobodan Milosevic den serbischen Nationalismus schürte, schloss sich Karadzic den Anhängern eines Großserbiens an und wurde mit Unterstützung Milosevics Chef der neuen Serbischen Demokratischen Partei in Bosnien. Eine Partei, die sich rasch darum bemühte, möglichst alle Serben in Bosnien zu bewaffnen mit dem Ziel, das gesamte Territorium unter ihre Herrschaft zu bringen. Dementsprechend wandte sich Karadzic 1992 im Parlament von Sarajewo auch gegen Pläne von muslimischen Bosniaken und Kroaten, nunmehr ein unabhängiges Bosnien-Herzegowina zu schaffen.

"Was Sie vorhaben, ist alles andere als gut. Der Weg auf den Sie Bosnien-Herzegowina steuern, führt genauso in die Hölle und ins Verderben, wie wir es in Kroatien und Slowenien erlebt haben. Glauben Sie ja nicht, dass sie Bosnien-Herzegowina zum Teufel jagen können und die Muslime davon profitieren werden. Muslime werden einen Krieg gegen uns nie gewinnen."

Eine Drohung, die Karadzic schon bald in die Tat umsetzte. Bosnisch-Serbische Truppen, unterstützt von paramilitärischen Verbänden aus Belgrad, brandschatzten Dörfer, mordeten und vergewaltigten nach Lust und Laune, Übergriffe, von denen auch Karadzic wusste; dagegen unternommen hat er nichts.

Leugnen, verdrängen, sich ja nicht mit der Schuldfrage auseinandersetzen. Ein Phänomen, von dem auch der bosnisch-serbische General Rakto Mladic bis heute profitiert.

Der aus einem kleinen ostbosnischen Dorf stammende Mladic wuchs, ähnlich wie Karadzic, in einfachen Verhältnissen auf. Noch im jugendlichen Alter trat er in die frühere jugoslawische Armee ein, wo er rasch Karriere machte. Als im Juli 1991 der Krieg zwischen Serben und Kroaten begann, wurde er als Oberst in die Serbenhochburg Knin versetzt. Dort bildete Mladic die örtlichen Milizen zu einer schlagkräftigen Armee aus. Ein zweifelhafter Erfolg, der Mladic im Mai 1992 auf den Sessel des höchsten bosnisch-serbischen Generals katapultierte und ihn damit zum Chef der bosnisch-serbischen Truppen machte. Im Sommer 1995 bewies Mladic zum letzten Mal, wozu er fähig war.

"Wir befinden uns hier am 11. Juli 1995 im serbischen Srebrenica. Wir schenken mit dem heutigen Tag der serbischen Nation diese Stadt."

Zynischer hätte es der General wohl kaum formulieren können. Was kurz nach diesem Fernsehauftritt folgte, geht in die Geschichte als das schlimmste Massenverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Ein Massaker, bei dem auf Mladics Befehl mindestens 8.000 Muslime ermordet wurden. Dabei hatte der Henker unmittelbar vor dem Verbrechen noch bosnische Kinder getätschelt und zu beschwichtigen versucht:

"Habt keine Angst. Nur langsam. Erst Frauen, dann Kinder. Es werden genügend Busse kommen, um sie auf das bosnisch-serbische Gebiet zu bringen. Dass mir ja kein Kind verloren geht. Habt keine Angst, niemand wird Euch etwas tun."

Das selbstzufriedene Grinsen des Generals ließ die Welt erschaudern. Das Massaker von Srebrenica zu verhindern, wagte die internationale Gemeinschaft jedoch nicht. Genauso wenig wie die Verhaftung von Ratko Mladic. Den besten Zeitpunkt einer Verhaftung - meinen serbische Insider - habe die internationale Gemeinschaft im Winter 1995 mutwillig verpasst. Mladic tauchte unter, und Karadzic spazierte einfach ohne jegliche Probleme in Bosnien herum.

"Ich habe meine Armee und meine Bodyguards. Sie werden mich schon beschützen. Abgesehen davon, warum sollte die NATO mich verhaften? Der Vertrag von Dayton hat doch unseren Kampf für Frieden und für einen eigenen Staat legitimiert. Ich bin gewählter Präsident dieser Entität."

Vertreter der internationalen Gemeinschaft beschränkten sich darauf, Karadzic politisch kaltzustellen. Verboten ihm jegliche Ausübung politischer Ämter. Und der Fall schien erledigt zu sein. Jene, die sich dank Karadzic während des Krieges immens bereichert hatten, gewährten dem bosnisch-serbischen Führer Unterschlupf.

Ein Beitrag von Henryk Jarczyk.

In wenigen Tagen soll der ehemalige Führer der bosnischen Serben ins niederländische Den Haag überstellt werden. Denn dort ist das UN-Tribunal angesiedelt, das die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien aufarbeitet. Eigentlich sollte das Gericht seine Arbeit bis 2010 abgeschlossen haben. Die Ermittlungen sind abgeschlossen. Neue Anklagen hat es lange nicht gegeben. Mit der Auslieferung Karadzics ist dieser Zeitplan wahrscheinlich hinfällig. Ludger Kazmierczak über die Arbeit des UN-Tribunals.

Es ist lange her, dass Übertragungswagen aus aller Welt vor dem UN-Tribunal in Den Haag ihre Satellitenschüsseln ausgefahren haben. Seit dem Tod von Slobodan Milosevic vor mehr als zwei Jahren ist es ruhig geworden am Churchillplatz.

Die Festnahme des früheren jugoslawischen Präsidenten im Sommer 2001 war der größte Fahndungserfolg in der Amtszeit der damaligen Chefanklägerin Carla del Ponte, Milosevics Tod in der Zelle des Untersuchungsgefängnisses von Scheveningen ihre größte Niederlage. Und dennoch wollte die Schweizer Juristin bei ihrem Abschied vor einem halben Jahr keinesfalls von einer verlorenen Schlacht sprechen.

"Nein, absolut nicht. Er ist zwar leider gestorben, so dass wir ihn nicht verurteilen konnten, aber alle Beweise gegen ihn existieren noch und können weiter verwendet werden. Und wir greifen tatsächlich in anderen Verfahren darauf zurück. Dass ein Angeklagter vor Ende seines Prozesses stirbt - that's life! Aber die Wahrheit ist trotzdem ans Licht gekommen."

Von den insgesamt vier Chefanklägern des Tribunals hat keine Person so polarisiert wie Carla del Ponte. Die einen rühmten ihre Hartnäckigkeit und Konsequenz, die anderen kritisierten ihre Sturheit und Kompromisslosigkeit. Zu ihren Kritikern zählt auch Wolfgang Schomburg, der einzige deutsche Richter am UN-Tribunal für das frühere Jugoslawien.

"Ich habe nichts dagegen, wenn jemand sich gut selbst darstellt, aber ich fürchte, dass es manchmal vielleicht sogar kontraproduktiv war an einigen Stellen, wenn sie überzogen hat.

In der Gesamtbewertung wird sicherlich bleiben, dass Frau del Ponte nach außen hin für das Tribunal sehr viel getan hat, aber dass sie nach innen mehr Kontrolle hätte durchführen müssen, und auch dass sie bereit gewesen wäre, mehr zuzuhören. Wir haben leider aus meiner Sicht mit die besten Staatsanwälte relativ früh verloren, weil sie schlicht und ergreifend nicht mit Carla del Ponte konnten. Die Chemie stimmte nicht."

Del Pontes Nachfolger, Serge Brammertz, ist ein völlig anderer Typ: zurückhaltend, diplomatisch, besonnen - ein Team-Player. Einer, der hinter den Kulissen taktiert und Mikrofone und Kameras meidet, wenn er nichts Wichtiges mitzuteilen hat. In den ersten sechs Monaten wurde er so selten in Den Haag gesichtet, dass viele sich fragten: Was macht der eigentlich den ganzen Tag.

Die Festnahme von Radovan Karadzic gibt die Antwort. Dem Belgier ist es offenbar gelungen, Leute für sich zu gewinnen, die jede Zusammenarbeit mit Carla del Ponte verweigert hatten. Brammertz, von dem alle dachten, dass er lediglich die Geschäfte am Tribunal abzuwickeln hat, steht nun vor dem spektakulärsten Kriegsverbrecher-Verfahren seit den Nürnberger Prozessen.

Bei aller Kritik darf die Geschichte dieses Gerichts daher als Erfolgsgeschichte betrachtet werden. Wären die bislang 56 rechtskräftig verurteilten Angeklagten nicht in Den Haag vor dem Richter erschienen, würden sie vermutlich noch heute frei herumlaufen.

Schomburg und seine Kollegen haben seit Gründung des Tribunals vor 15 Jahren historische Urteile gefällt. Sie haben als erste juristische Instanz das Massaker von Srebrenica als Völkermord eingestuft und die systematische Vergewaltigung von Frauen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet. Leider, so der Berliner Richter, fielen die Urteile sehr unterschiedlich aus. Eine klare Linie in der Strafzumessungspolitik sei schlichtweg nicht erkennbar, meint Schomburg:

"Für viele ist der Unterschied zwischen beispielsweise elf Jahren in einem Fall und 46 Jahre im anderen Fall überhaupt nicht nachvollziehbar."

46 Prozesse laufen noch, acht davon in der Berufungsinstanz. Es hätten vielleicht sogar noch einige Verfahren mehr sein können, wenn die Staatsanwaltschaft sich nicht in einigen Fällen verzettelt hätte. Viele Anklageschriften, wie die gegen Slobodan Milosevic, seien mit Vorwürfen geradezu überfrachtet gewesen, meint Wolfgang Schomburg.

"Nicht umsonst haben die meisten Strafprozessordnungen der Länder eine Norm, die da besagt, dass man sich auf das Wesentliche zu konzentrieren hat, auf die wesentlichen Tatvorwürfe. Dieses ist am Anfang eindeutig vernachlässigt worden, (...) und da muss ich sagen, da hätte ich eine eingreifende Hand der Generalstaatsanwältin schon erwartet."

Der neue Internationale Strafgerichtshof, der vor fünf Jahren (ebenfalls in Den Haag) seine Pforten geöffnet hat, bemüht sich, aus den Fehlern, die am benachbarten Jugoslawien-Tribunal gemacht wurden, zu lernen. Die Anklageschriften des dortigen Chefanklägers Luis Moreno Ocampo sind kürzer und konzentrieren sich meist auf ein zentrales Verbrechen. Genau das, so Schomburg, sei der richtige Weg, um den Opfern zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen.

"Es wäre auch ein Fehler zu meinen, dass dieses Gericht in der Lage ist, Geschichte aufzuarbeiten. Das ist für Historiker. Wenn man einer Person hinreichend nachgewiesen hat, dass er oder sie schwere Verbrechen begangen hat, dann sollte man dieses Verfahren an der Stelle beenden und nicht von Kosovo zu Bosnien-Herzegowina und Kroatien eilen und versuchen alles abzudecken, und das Risiko zu laufen, dass am Ende überhaupt nichts dabei herauskommt."

Offiziell läuft das Mandat des Tribunals in Kürze aus. Bis Ende dieses Jahres sollen eigentlich alle Verfahren erstinstanzlich abgeschlossen sein. Doch niemand zweifelt daran, dass die Vereinten Nationen die Türen des ehemaligen Versicherungsgebäudes am Stadtrand von Den Haag erst dann schließen werden, wenn Karadzic verurteilt worden ist.

Ein Beitrag von Ludger Kaczmierczak.

Mit dem Prozess gegen Karadzic wird aber nicht nur ein Stück jugoslawischer Geschichte aufgearbeitet. Damit kommt Belgrad auch seinem Ziel einer EU-Mitgliedschaft einen entscheidenden Schritt näher. Denn die Europäische Union hatte immer wieder von Serbien gefordert, zunächst die letzten flüchtigen Kriegsverbrecher auszuliefern. Doch für manche Serben ist dies ein schmutziger Handel. Denn nicht für alle sind die Flüchtigen Verbrecher. Sie sind Helden, die für die Sache der Serben gekämpft haben. Nun werden sie verkauft für eine Annäherung an den Westen. Dirk Auer und Boris Kanzleiter waren für uns in Serbien unterwegs.

In Obrenovac, einem Industrievorort, zwanzig Kilometer von Belgrad entfernt. Dejan Colakovic bekommt Besuch von Vladimir und Marko. Oft sitzen die drei Freunde zusammen in der Küche. Sie trinken, rauchen und erzählen einander immer wieder von vergangenen Tagen. Alle drei sind Kriegsveteranen - und darauf sind sie bis heute stolz.

"Ich habe meinen Staat und mein Volk verteidigt. Es gibt andere, die sagen: Ihr seid Idioten. Ihr habt nur Slobodan Milosevic geholfen. Aber mich hat Milosevic nicht geschickt. Ich habe mich freiwillig gemeldet. Ich habe wie jeder Mann die Notwendigkeit gespürt, meinen Staat zu verteidigen. Ohne Staat hat man nichts."

Dejan Colakovic hat in Kroatien gekämpft als Freiwilliger in einer Einheit unter dem Kommando des bekannten Paramilitärführers Arkan. Er trägt ein offenes Hemd, um den braungebrannten Hals des schmalen 50jährigen hängt ein Goldkettchen mit einem Anhänger - ein Portrait des verstorbenen Präsidenten Slobodan Milosevic. Dejan Colakovic war an allen Fronten: neben Kroatien auch in Bosnien und schließlich auch noch im Kosovo. Dort war auch Vladimir im Einsatz. 1999 hat er sich bei der Armee gemeldet. Freiwillig, wie auch er betont.

"Ich wollte am Krieg im Kosovo teilnehmen und mein Land vor der Nato-Aggression verteidigen. Im Fernsehen habe ich damals den abgeschnitten Kopf eines serbischen Polizisten gesehen. Er war von den Albanern getötet worden. Der Albaner hat sich mit dem Kopf fotografieren lassen. Da habe ich mich entschlossen: Ich gehe an die Front, egal was passiert."

Jetzt ist auch Vladimir ein Kriegsveteran, mit 36 Jahren. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben und hat in Obrenovac eine Familie gegründet. Mit der Vergangenheit ist er im Reinen. Denn sein Aufgabe war, wie er sagt:

"Das Töten von albanischen islamistischen Terroristen."

Doch auch den drei Veteranen ist nicht entgangen, dass sich etwas tut in Serbien. Dass die Sozialistische Partei von Slobodan Milosevic vor wenigen Tagen die Seiten gewechselt hat und eine Koalition mit den prowestlichen Demokraten von Präsident Boris Tadic eingegangen ist - stößt in dieser Runde auf große Empörung. Und dennoch: Die große Mehrheit der Gesellschaft teile weiterhin ihre Ansichten, ist sich Dejan Colakovic sicher.

"Die Deserteure verurteilen uns. Die Leute, die nicht in den Krieg gehen wollten, diese Minderheit verurteilt uns. Aber die Mehrheit der Gesellschaft ist auf unserer Seite."

Etwa 20 km weiter, im Zentrum von Belgrad, ist man sich da nicht so sicher. Hier liegt die für Kriegsverbrechen zuständige Staatsanwaltschaft. Vladimir Vukcevic leitet die Anklagebehörde seit ihrer Gründung vor fünf Jahren. Einfach sei die Aufklärung von Kriegsverbrechen nicht. Mit dem bislang Erreichten könne man aber eigentlich sehr zufrieden sein.

"Als ich anfing, wurde in der Öffentlichkeit noch gefragt, ob überhaupt Kriegsverbrechen begangen wurden. Der einfache Mann auf der Straße hat daran gezweifelt. Die Verbrecher wurden oft als Helden betrachtet, die das Serbentum verteidigt haben. Mittlerweile haben wir aber offengelegt, dass die Milosevic-Leute im Namen des Serbentum schreckliche Verbrechen begangen haben."

123 Personen hat der 58-Jährige bislang vor Gericht gebracht. Die meisten von ihnen waren Serben, die in Kroatien, Bosnien und Kosovo an Massakern und Vergewaltigungen beteiligt waren, unter den Tätern auch hohe Polizei- und Militäroffiziere.

"Wir wollen genau aufklären, wer zum Beispiel schuld ist an den Verbrechen in der bosnischen Stadt Zvornik. Wir greifen die Leute heraus, die dort im Namen des Serbentums Exekutionen und Folterungen durchgeführt haben. Im Grunde genommen ist das eine äußerst patriotische Aufgabe. Denn durch Nachweis der individuellen Schuld nehmen wir von den Serben die Kollektivschuld."

Doch das wird nicht von allen so gesehen. Von der starken Serbischen Radikalen Partei wird die Staatsanwaltschaft offen angefeindet. Regelmäßig erhält Vladimir Vukcevic Todesdrohungen. Von einzelnen Wirrköpfen, sagt er. Denn im Großen und Ganzen sei die Staatsanwaltschaft im heutigen Serbien eine anerkannte und geschätzte Institution.

Nicht jeder in Serbien freut sich über die Verhaftung des früheren Führers der bosnischen Serben Radovan Karadzic. Das war eine Reportage aus Serbien von Dirk Auer und Boris Kanzleiter. Damit geht der Hintergrund zu Ende. Für Ihr Interesse bedankt sich Stefan Maas.

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