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StartseiteKalenderblattEnde einer Schreckensherrschaft07.02.2011

Ende einer Schreckensherrschaft

Vor 25 Jahren wurde der haitianische Diktator Jean-Claude Duvalier des Landes verwiesen

Haiti, einst erste unabhängige Nation Lateinamerikas, dann von despotischen Machthabern ausgebeutet. Nach monatelangen Unruhen musste Diktator Duvalier die Karibikinsel am 7. Februar 1986 verlassen.

Von Karl-Ludolf Hübener

Haitis Ex-Diktator Jean-Claude Duvalier  (AP)
Haitis Ex-Diktator Jean-Claude Duvalier (AP)

"Seit Tagen herrscht Rätselraten über das wahre Ausmaß der Unruhen auf der Karibikinsel Haiti. Mal heißt es, der Diktator Jean-Claude Duvalier, genannt Baby Doc, sei außer Landes gegangen. Dann hat er eine demonstrative Fahrt durch die Hauptstadt Port-au-Prince unternommen."

Berichtete "Südfunk Aktuell" am 6. Februar 1986. Die Nachrichten überschlugen sich. Die Forderungen nach besseren Lebensbedingungen und der Ruf nach Freiheit ließen sich nicht mehr länger unterdrücken. Auch die USA, die die Duvalier-Dynastie jahrzehntelang als verlässliche antikommunistische Verbündete auf der geostrategisch wichtigen Insel unterstützt hatten, ließen ihren Schützling fallen. Der Sturz des skrupellosen Diktators war besiegelt. In den frühen Morgenstunden des 7. Februar 1986 flüchtete Baby Doc mit einem Tross von Günstlingen.

"In Haiti ging heute die fast dreißigjährige Schreckensherrschaft der Familie Duvalier zu Ende. Jean-Claude Duvalier, der 1971 von seinem Vater das Amt des Präsidenten übernommen hatte, verließ das Land in Richtung Frankreich."

Der Landarzt François Duvalier, auch Papa Doc genannt, hatte 1957 die Macht in Haiti an sich gerissen. Mit Hilfe der von ihm gegründeten Killertruppe und der Geheimpolizei "Tonton Macoutes" schaltete er jegliche Opposition aus. Nach Schätzungen von Historikern forderte das Spitzel- und Terrorsystem der berüchtigten Truppe 30 000 Menschenleben.

Für seine politischen Zwecke spannte Papa Doc geschickt die in der schwarzen Bevölkerungsmehrheit weit verbreitete Voodoo-Religion ein – ein von afrikanischen Sklaven mitgebrachter und mit katholischen und indianischen Elementen vermischter Kult. Für viele Haitianer war Papa Doc so etwas wie ein Voodoo-Priester, der mit überirdischen Geistern in Verbindung stand.

Als Papa Doc 1971 starb, war sein Sohn Jean-Claude erst 19 Jahre alt. Das jüngste Staatsoberhaupt der Welt wurde zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt. Baby Doc galt als Playboy, der sich außer für Geld nur für schnelle Autos und schöne Frauen interessierte. Im Mai 1980 heiratete er Michèle Benett, die aus der mulattischen Oberschicht stammte. Die prunkvolle Hochzeit kostete drei Millionen Dollar, bezahlt aus der Staatskasse des ärmsten Landes Lateinamerikas, die das raffgierige Paar auch weiterhin hemmungslos plünderte.

"Während im Landesinneren der Insel Hungersnöte ausbrachen, ließ Michèle den Präsidentenpalast tiefkühlen, um geladenen Gästen ihre Kollektion von Pelzmänteln vorzuführen. Noch im Dezember 1985, als die Schüler und Studenten bereits in den Streik getreten waren, um das Regime zu stürzen, gab sie bei einem Einkaufsbummel in Paris 1,7 Millionen Dollar aus."

Schrieb der Haiti-Experte Hans Christoph Buch in der "taz". Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Jean-Claude noch eine "demokratische Öffnung" versprochen.

"Freiwillig habe ich allen monopolistischen Tendenzen unwiderruflich eine Absage erteilt. Das ist gerechtfertigt durch den Vorrang der wirtschaftlichen Revolution: das heißt, einen liberalen Raum für die Verbreitung von Information und Meinung zu öffnen."

Baby Doc lockerte ein wenig die Pressezensur, amnestierte einige politische Gefangene, änderte aber kaum etwas am Terrorregime der "Tonton Macoutes".

"Mein Vater hat die politische Revolution gemacht, ich mache die ökonomische Revolution."

Diese "Revolution" bestand jedoch lediglich in der Schaffung eines Industrieparks in der Nähe des Flughafens in Port-au-Prince. Hier siedelten sich internationale Billiglohnbetriebe, vor allem der Textil- und Elektronikbranche, an. Das konkurrenzlos niedrige Lohnniveau lockte. Weit über die Hälfte der Bevölkerung war arbeitslos; die meisten lebten an der Grenze des Elends. Die Analphabetenrate erreichte damals 80 Prozent, die durchschnittliche Lebenserwartung der fünf Millionen Haitianer lag bei 54 Jahren. 90 Prozent aller Kinder waren unterernährt. Baby Doc tat Hungerrevolten als "kommunistische Verschwörung" ab.

Es müsse sich etwas ändern in diesem Land, forderte Papst Johannes Paul II. im Mai 1983 in Port-au-Prince auf einer Massenveranstaltung.

"Alle Armen sollten wieder Hoffnung schöpfen können. Die Kirche wahrt bei diesem Thema ihre prophetische Mission, die unlösbar mit der religiösen Mission verbunden ist. Sie fordert Freiheit ein, um diese Mission erfüllen zu können."

Der hohe kirchliche Besuch schürte den wachsenden Unmut. Es sollte jedoch noch knapp drei Jahre dauern, ehe es zur sogenannten Revolution des 7. Februar kam. Doch für die meisten Haitianer hat sich bis heute an den elenden Lebensbedingungen geändert nichts geändert.

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