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StartseiteKalenderblattEnde eines Traums07.03.2008

Ende eines Traums

Vor 75 Jahren erschien "Die Weltbühne" zum letzten Mal in Deutschland

Als Forum aufklärender Kunst und Kultur diente in der Weimarer Republik die Zeitschrift "Die Weltbühne". Kurt Tucholskys Traum von einem aufgeklärten Menschentum wurde kurz nach Machtantritt der Nationalsozialisten zerstört.

Von Christian Linder

Siegfried Jacobsohn war es gelungen, die bedeutendsten Autoren Deutschlands um sich zu scharen. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
Siegfried Jacobsohn war es gelungen, die bedeutendsten Autoren Deutschlands um sich zu scharen. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

Als in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 in Berlin der Reichstag brannte, klingelte kurz darauf die Polizei bei dem Publizisten Carl von Ossietzky, dem Herausgeber der Zeitschrift "Die Weltbühne", und verhaftete ihn. So nutzten die Nationalsozialisten den nie vollständig aufgeklärten Reichstagsbrand, um eine für sie wegen ihrer Unbotmäßigkeit und Unerschrockenheit gefährliche intellektuelle Opposition auszuschalten. Knapp eine Woche später, am 7. März 1933, erschien die "Weltbühne" zum letzten Mal und verkündete zwar:

"Denn der Geist setzt sich doch durch."

Er setzte sich aber erst einmal nicht durch. Am 13. März 1933 sollte eine weitere Ausgabe noch erscheinen, sie war auch schon gedruckt, durfte aber nicht mehr ausgeliefert werden. Zeitweilig als Exilzeitschrift weitergeführt, konnte die "Weltbühne" nicht mehr die Wirkung entfalten, die sie innerhalb des Deutschlands der Weimarer Republik gehabt hatte. Zwar nur in einer Auflage von 15.000 Exemplaren gedruckt, beeinflussten die kleinen roten Hefte aber die Stimmung in ganz Deutschland, weil die politisch linke Gesinnung ihrer Macher und Autoren, ihr Pazifismus, Antimilitarismus und Antifaschismus, darin so offensiv vertreten wurde, dass auch Gegner dieser Gesinnung nicht unbeeindruckt bleiben konnten von der schneidenden Konsequenz der in der Zeitschrift formulierten Einsichten.

Ursprünglich als Theaterzeitschrift unter dem Titel "Die Schaubühne" 1905 von Siegfried Jacobsohn gegründet, hatte sich das Blatt seit 1913 politischen und wirtschaftlichen Themen geöffnet und war 1918 folgerichtig in "Die Weltbühne" umbenannt worden. Vor allem die Unabhängigkeit der Redaktion verteidigte Jacobsohn gegen alle Angriffe. Auf Beschwerden pflegte er Lesern zu antworten:

"Sie haben nur ein Recht: mein Blatt nicht zu lesen ..."

Jacobsohn war es gelungen, die bedeutendsten Autoren Deutschlands um sich zu scharen, neben Lion Feuchtwanger, Alfred Polgar oder Erich Kästner vor allem Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky. Nach Jacobssohns Tod 1926 übernahm zunächst Tucholsky die Redaktionsleitung und nannte sich ironisch "Oberschriftleitungsherausgeber", ein Jahr später übergab er die Leitung an Ossietzky. Es war vor allem Ossietzkys Gesinnung, die provokant wirkte und die Axel Eggebrecht, damals auch einer der prominenten Autoren des Blatts, später rückblickend in einigen Zitaten Ossietzkys beschrieb.

"Deutschland ist ohne freiheitliche Tradition. Ihm fehlt das wirkliche Bürgerbewusstsein. Ihm fehlt der Stolz des Zivilisten gegenüber der Uniform."

"Die Weltbühne" blicke auf das Geschehen in Deutschland, indem jede Entwicklung in Deutschland nur negativ beurteilt werde, lautete einer der Hauptvorwürfe gegen die Zeitschrift. Ja, "Wir Negativen", hatte Tucholsky schon 1919 geantwortet:

"Wir können nicht zu einem Volk Ja sagen, das, noch heute, in einer Verfassung ist, die, wäre der Krieg zufälligerweise glücklich ausgegangen, das Schlimmste hätte befürchten lassen. Wir können nicht zu einem Land Ja sagen, das von Kollektivitäten besessen ist und dem die Korporation weit über dem Individuum steht."

So wurde die "Weltbühne" zum herausragenden intellektuellen Oppositionsforum in Deutschland. Das Blatt deckte unter anderem Fememorde innerhalb der Reichswehr auf und informierte erstmals über eine heimliche Aufrüstung der Luftwaffe. Es kam zum "Weltbühne"-Prozess, die Anklage lautete auf Geheimnisverrat. Im November 1931 sprach der IV. Strafsenat des Leipziger Reichsgerichts das Urteil: 18 Monate Freiheitsstrafe für Carl von Ossietzky. Dessen Stellungnahme in eigener Sache erschien im Mai 1932 in der "Weltbühne":

"Ich beuge mich nicht der in roten Sammet gehüllten Majestät des Reichsgerichts, sondern bleibe als Insasse einer preußischen Strafanstalt eine lebendige Demonstration gegen ein höchstinstanzliches Urteil, das in der Sache politisch tendenziös erscheint und als juristische Arbeit reichlich windschief."

Ossietzky kam zwar Weihnachten 1932 aufgrund einer Amnestie für politische Häftlinge nach 227 Tagen Haft frei, doch die Freiheit währte nicht lange. Nach dem Reichstagsbrand verhaftet, brachten ihn die Nationalsozialisten in verschiedene Konzentrationslager. Der Traum von einem freiheitlichen Deutschland war ausgeträumt, die Zeitschrift "Die Weltbühne" zerstört. "Es war einmal", hatte Kurt Tucholsky 1918 in einem Gedicht geschrieben.

"Es war einmal ... da glaubten wir noch beide / an Kunst und an Kultur, an Menschentum - / an deine ziegelrote Wand schrieb ich mit Kreide / die Namen meiner Lieben an zum Ruhm. / Wir dachten: essen und organisieren / sind Selbstverständlichkeiten, tief im Tal - / und auf den Bergen gehen wir spazieren ... / Es war einmal ... "

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