Freitag, 12. August 2022

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Energieversorgung weltweit
"Erneuerbare Energien netzunabhängig nutzen"

Mehr als eine Milliarde Menschen haben keinen Zugang zur Elektrizität. Eine Ausweitung der Versorgung müsse ohne erhöhte Emissionen geschehen, sagte Rachel Kyte, Leiterin des UN-Programms "Nachhaltige Energie für alle" im Dlf. Auch der Zugang zu sauberen Kochstellen sei ein entscheidendes Thema.

Rachel Kyte im Gespräch mit Stefan Römermann | 18.09.2017

    Rachel Kyte (UN) bei einer Rede in Reykjavik
    "Eine zentrale Energieerzeugung aus fossilen Energiequellen ist weder die billigste noch die schnellste Art, um diese Deckungslücke zu schließen", sagt Rachel Kyte von den Vereinten Nationen (dpa / Anton Brink Hansen)
    Stefan Römermann: Strom, der kommt in Deutschland aus der Steckdose, ganz klar. Für uns eine Selbstverständlichkeit, aber vielleicht auch Luxus, denn nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur haben immerhin rund 1,2 Milliarden Menschen weltweit überhaupt keinen Zugang zu Elektrizität. Das soll sich ändern. Bis 2030 sollen alle Menschen Zugang zu Strom und sauberer Energie zum Kochen und Heizen haben. Das ist eines der sogenannten Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Das entsprechende Programm "Nachhaltige Energie für alle" leitet Rachel Kyte. Sie habe ich vor der Sendung gefragt, ob es bei dem Programm ausschließlich um Entwicklungsländer geht.
    Rachel Kyte: Nachhaltige Energie bedeutet eine wachsende Energieversorgung, sodass alle Menschen versorgt werden. Eine Milliarde Menschen haben heute keinen Zugang zu Elektrizität. Drei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberen Kochmöglichkeiten. Diese leben vor allem in Entwicklungsländern und in afrikanischen Ländern südlich der Sahara sowie in Südasien.
    Nachhaltige Energie bedeutet aber auch, dass wir immer mehr erneuerbare Energien im Energiemix vorhalten. Das ist eine globale Herausforderung für alle Länder. Es geht aber auch um die Verbesserung der Energie-Effizienz: Was machen wir mit der produzierten Energie? Das ist eine große Herausforderung für alle energieintensiven Volkswirtschaften, einschließlich derer in Europa.
    Autonome Stromerzeugungsgerät im Dorf
    Römermann: Saubere, nachhaltige Energie, das klingt prinzipiell ziemlich gut. Aber wäre es nicht eigentlich viel realistischer, den Menschen in den betroffenen Ländern überhaupt erst mal Zugang zu irgendeiner Art von Elektrizität zu verschaffen?
    Kyte: Was heute im 21. Jahrhundert vor uns liegt, ist die Ausweitung der Energieversorgung auf alle Menschen - etwas, was uns bisher ansatzweise nie gelungen ist. Und zwar muss das derart geschehen, dass wir die Zukunft des Planeten nicht weiter gefährden, indem wir das Gleichgewicht zwischen den Stoffkreisläufen der Erde, unseres Planeten, und unserer Wirtschaft noch weiter durcheinanderbringen.
    Können wir also eine Energieversorgung ausbauen für einen steigenden Energiebedarf bei steigender Weltbevölkerung, ohne erhöhte Emissionen auszustoßen? Das heißt, können wir die Energiesysteme dekarbonisieren, von Kohlenstoff-Freisetzung freier machen und sie zugleich universal ausbauen? Wenn die Antwort ja lautet - und darauf hat sich ja die Staatengemeinschaft bis 2030 festgelegt -, dann müssen wir den Prozess beschleunigen und wir müssen auch die Lösungen größer anlegen.
    Römermann: Welche Energiearten werden denn dabei die wichtigste Rolle spielen?
    Kyte: Wenn wir an diese eine Milliarde Menschen denken, die heute auf der Welt keinen Zugang zu Elektrizität haben, dann denken wir an Menschen vor allem in einigen Ländern Afrikas südlich der Sahara, in einigen Ländern Südasiens sowie in einigen abgehängten weiteren Gebieten an anderen Orten in der Welt. Die haben keine Stromversorgung. Sie leben vor allem in ländlichen Gebieten und in den Randgebieten schnell wachsender Städte.
    Die Lösungen für diese Menschen, schneller und billiger an Strom zu gelangen, liegen in den Möglichkeiten, erneuerbare Energien netzunabhängig nutzen zu können. Das sind ganz neue Geschäftsmodelle, etwa durch verbrauchsgenaue Abrechnung über das Handy, oder durch kleine autonome Stromerzeugungsgeräte auf den Dächern der Häuser oder in einem Dorf. Das würde Möglichkeiten einer revolutionären Umstellung der Energieversorgung sowohl im Bereich der Preise wie auch im Bereich der Energieversorgung mit sich bringen. Die Menschen bräuchten also nicht mehr zu warten, bis die Leitung sie erreicht, obwohl sie seit 20 Jahren über ihren Köpfen verläuft.
    Saubere Kochmöglichkeiten wichtig für Gesundheit, Umwelt, Entwicklung
    Römermann: Und reichen diese Gelder tatsächlich aus, die in die Projekte fließen, damit jeder Mensch tatsächlich bis 2030 Zugang zu nachhaltiger Energie hat?
    Kyte: Forschungen besagen, dass etwa 45 Milliarden Dollar pro Jahr investiert werden müssen, um Zugang zu Strom für alle herzustellen. Die Forschung zeigt auch, dass weniger als die Hälfte dieser Mittel an Investitionen fließt. Die Quellen dafür sind innerhalb der jeweiligen Länder private Investoren, ferner auch ausländische Investoren aus privaten Quellen sowie Mittel aus der Entwicklungs- und Klimaschutzhilfe, die aus den Industrieländern in die Entwicklungsländer gezahlt werden.
    Wir sehen, dass die Investitionen keineswegs schrittgehalten haben mit der Notwendigkeit, dieses Thema anzugehen, aber auch nicht schrittgehalten haben mit den Chancen, die sich bieten. Dabei könnte man sehr viel investieren in Unternehmen, die gleichzeitig netzunabhängig wie auch in herkömmlichen Stromnetzen Elektrizität bereitstellen könnten.
    Ein anderes Kapitel in dieser ganzen Geschichte bedeutet, dass vier Milliarden US-Dollar pro Jahr in sauberen Brennstoff und saubere Kochgelegenheiten investiert werden müssten. Dieses Thema saubere Kochmöglichkeiten ist ein wirklich stark unterfinanziertes Kapitel. Wir schätzen, dass etwa 32 Millionen Dollar nur in den Ländern, die wir untersucht haben, investiert werden. Sauberes Kochen für die drei Milliarden Menschen, die bisher keine Möglichkeit dazu haben, da sind die Investitionen auch nicht annähernd in der Größenordnung, die nötig wäre, um dieses so drängende Problem anzugehen.
    Ghanaische Frauen beim Kochen, bei der Zubereitung der traditionellen Speise Fufu, Kochbanane und Maniok, im Dorf Gomoa Odomase
    Viele Menschen - vor allem in Ländern südlich der Sahara - verwenden Holzkohle, oder sie hacken Bäume ab, oder nutzen andere Bioenergiequellen, um zu kochen (dpa / Thomas Schulze)
    Römermann: Sie haben gerade saubere Kochmöglichkeiten erwähnt. Warum ist das denn so ein wichtiges Problem?
    Kyte: Eine der Hauptursachen für Tod und Krankheit in den Ländern auf der Welt ist die Innenraum-Luftverschmutzung. Und eine der Hauptursachen dafür ist das Einatmen von Schwebstaub aus der Abluft von Kochherden in Innenräumen. Um nun diesen Zugang zu sauberem Kochen herzustellen, muss man dieses ganz wichtige Problem vor allem für Frauen und Kinder rings auf der ganzen Welt endlich angehen.
    Es ist aber auch ein Umweltproblem, denn viele Menschen - vor allem in Ländern südlich der Sahara - verwenden Holzkohle, oder sie hacken Bäume ab, oder nutzen andere Bioenergiequellen, um zu kochen. Das führt zu weiterer Wälderrodung und zu weiterer Umweltzerstörung in diesen Ländern. Der Zugang zu sauberen Kochstellen und zu den entsprechenden Techniken ist also ein ganz entscheidendes Thema der Entwicklungszusammenarbeit, aber auch ein wichtiges Gesundheitsthema und ein wichtiges Umweltthema.
    Mittel müssen in saubere Energietechniken geleitet werden
    Römermann: Die USA unter Donald Trump haben ja angekündigt, die Entwicklungshilfe stark zu reduzieren. Was bedeutet das denn für die Erreichung des Nachhaltigkeitsziels saubere Energie?
    Kyte: Die Verhandlungen zu dem entsprechenden Haushaltstitel laufen noch innerhalb des US-Kongresses sowie auch zwischen dem Kongress und der amerikanischen Regierung. Es ist also nicht klar, wo bei der Entwicklungshilfe welche Einschnitte durchgeführt werden sollen.
    Wir haben Hinweise, dass bestimmte Mittel weiterhin fließen werden, insbesondere im Bereich des Vorzeigeprojektes der USA, im Bereich Energie. Wichtig ist aber, dass diese Mittel sowohl der USA wie auch Europas, Japans und anderer Länder wirklich in saubere Energietechniken geleitet werden, die es ermöglichen, auf billige und rasche Weise diese ländlichen Räume und die Dörfer oder Gemeinschaften im Umkreis der Städte zu versorgen.
    Eine zentrale Energieerzeugung aus fossilen Energiequellen ist weder die billigste noch die schnellste Art, um diese Deckungslücke zu schließen. Hier ist Umdenken gefordert und wir brauchen alle Länder, damit sie sich weiterhin diese Problemstellung zu eigen machen und diese Lage anerkennen.
    Römermann: Das war Rachel Kyte. Sie leitet das UN-Programm "Nachhaltige Energie für alle".
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.