Mittwoch, 10. August 2022

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Engagement für Individualität in der Bildung

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des alternativen Nobelpreises findet die Tagung "Bildung neu denken" statt. Dort arbeiten Nobelpreisträger, Studierende und Professoren daran, die westliche Bildung wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Von Nina Treude | 17.09.2010

    "Wir haben nicht nur in Deutschland, sondern in Europa einen massiven Einfluss von Interessengruppen, von Lobbyeinrichtungen und ähnlichen internationalen Organisationen, wie der OECD, die Bildung letzten Endes wie eine Ware behandeln und es wird auch immer mehr unter diesem Fokus diskutiert. Das heißt, die schleichend sich etablierende Meinung, das man Bildung auch mit Kriterien messen kann, die aus der Ökonomie stammen und nicht etwa aus der Pädagogik."

    Jochen Krautz ist Professor an der Alanus Hochschule und leitet einen der Workshops im Rahmen der Tagung Bildung neu denken, die aktuell an der Hochschule stattfindet. Als Autor des Buches "Ware Bildung", setzt er sich für mehr Individualität im Studium ein. Gemeinsam mit den internationalen Nobelpreisträgern will er konkret die Probleme der westlichen Hochschulpolitik ansprechen und Alternativen finden.

    ""Für mich bedeutet das, darüber nachzudenken, worum es in der Bildung wirklich geht. Ist das was öffentlich diskutiert wird tatsächlich das, worauf Bildung zielt. Oder was ist mit den grundsätzlichen Zielen, wie Vernunftfähigkeit, Selbstständigkeit, Mitmenschlichkeit und vor allem Verantwortung und wo sind die jenseits von Schlagworten? Und ich erhoffe, mit den Preisträgern aus der ganzen Welt diese Frage auf einem anderen Level zu diskutieren und auch mit deren Blick auf das, was wir hier im Westen tun und deren Erfahrungen hier zu einer Besinnung zu kommen."

    Die zehn Nobelpreisträger teilen die Meinung von Jochen Krautz. Junge Menschen sollen nicht nur aus ökonomischen Gründen studieren, sondern auch in ihrer individuellen Entwicklung gefördert werden. Sulak Sivaraksa aus Thailand bekam den Nobelpreis, weil er sich unter anderem besonders für die Förderung kultureller Integrität eingesetzt hat. In Bezug auf die westliche Bildungspolitik sieht er dringenden Handlungsbedarf.

    "Die westliche Bildung befindet sich in einer Krise. Sie hilft den Menschen nicht, sich darüber klar zu werden, was in jedem einzelnen steckt. Es gibt keine spirituelle Dimension der Bildung. Sie ist vollkommen materialistisch. Diese Hauptrichtung der Bildung ist falsch. Aber mit dem Willen es besser zu machen, wenn wir zusammenarbeiten, gibt es eine Alternative. Das ist kein leichtes Vorhaben, aber es ist machbar. Nicht mit Wettbewerb, sondern mit Zusammenarbeit."

    Diese Chance sehen auch die Studierenden, die unter der aktuellen Studiensituation leiden. Durch die Bolognareform ist nur noch ein Studium unter erschwerten Bedingungen möglich, das wenig Platz für Individualität bietet. Die Alanus Hochschule bemüht sich um ein alternatives Konzept, das verschiedene Lerninhalte miteinander verbindet. Daher ist sie der ideale Ort für die Tagung. Architekturstudent Eliot Wilson kommt aus New York und ist von seiner Hochschule in den USA an die Alanus Hochschule gewechselt, weil sie ihm ein vielfältigeres Studium ermöglicht.

    "Ich studiere Architektur, habe aber auch Philosophiekurse, Bewegungskurse, Schauspielkurse. Dass man tatsächlich versucht, den Mensch ganzheitlich zu bilden und nicht nur: 'Ok, du bist Architekt, du musst das und das lernen und dann kannst du das.' Und das ist auch genau, warum ich hier bin. Ich will nicht nur wissen, ich will ein Mensch sein. Solche Veranstaltungen sind sehr wichtig, weil die genau diese Gedanken provozieren und initiieren und ich hoffe, dass vieles daraus entstehen kann."

    Junge Studierende wie Eliot schöpfen durch die Tagung "Bildung neu denken" neue Motivation. Genau das will Marcelo da Veiga, der Rektor der Alanus Hochschule, erreichen. Er sieht die akuten Probleme im deutschen Hochschulbetrieb und will Alternativen aufzeigen. Durch die Tagung sollen die vielfältigen Kompetenzen der Teilnehmer konkret genutzt werden, um Lösungen zu finden. Denn lange kann es mit dem aktuellen System nicht mehr weitergehen, findet Marcelo da Veiga.

    "Bildung neu denken ist eine konstante Herausforderung. Das heißt, man kann sich nicht auf historisch etablierten Standards ausruhen, sondern muss die Bereitschaft entwickeln, immer wieder neu zu fragen, was braucht der Mensch um sich zu entwickeln und was braucht der Mensch um zu sein. Viel zu viel werden Bildungsgüter heute daran gemessen, ob sie der Wirtschaft etwas bringen. Dass eine Gesellschaft, die auf ständiges Wachstum setzt auf einem endlichen Planeten nicht weiterkommen wird, beziehungsweise an ihren Endpunkt kommen wird, das wissen wir."

    Mehr Wettbewerb unter den Hochschulen, weniger Einfluss von wirtschaftlichen Interessengemeinschaften und Raum für individuelle und ganzheitliche Bildung. Das wollen die Teilnehmer der Tagung erreichen. Professor Jochen Krautz benennt erste Schritte, um diesen positiven Wandel zu ermöglichen.


    "Das erste müsste sein, eigentlich, dass etwa, wenn wir die Hochschulen betreffen, die Bolognareform gestoppt wird, gegebenenfalls zurückgenommen wird, dass man mal wieder anfangen kann darüber nachzudenken, wie soll eigentlich ein Studium aussehen. Wenn Politiker behaupten das sei nicht möglich, ist das eine schlichte Lüge, denn es war immerhin in zehn Jahren möglich das System umzukrempeln."