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StartseiteSonntagsspaziergangAuf den Spuren von Jane Austen20.09.2015

EnglandAuf den Spuren von Jane Austen

Die britische Schriftstellerin der Regency-Epoche - Jane Austen - ist Kult. Sie zog 1801 mit ihren Eltern nach Bath, einem damals mondänen Kurort; der auch für zwei ihrer Romane den Schauplatz stellt. Dorthin pilgern Fans, um an den Orten der Romane Szenen nachzustellen und selbst genähte Regency-Kostüme auszuführen.

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann

Parade am Zirkus von Bath (Regina Kusch)
Parade am Zirkus von Bath (Regina Kusch)

In Bath spürt man zuweilen noch den Hauch von "Merry Old England" und der Ära des Regency, in der die Frauen schlichte, lange Empire-Kleider und große Federhüte trugen, in der die vornehme Gesellschaft in den Salons die Gedichte Lord Byrons deklamierte und 1815 den Sieg bei Waterloo über Napoleon feierte.

Im Begrüßungsvideo des Jane Austen Centers lädt Adrian Lukis die Besucher auf eine Entdeckungsreise durch die Welt der Schriftstellerin ein, die einige Jahre in Bath gelebt hat.

Jane Austen ist heute eine der meist gelesenen Autorinnen der Welt und hat mit Elizabeth Bennet und Mr Darcy das neben Romeo und Julia berühmteste Liebespaar der englischen Literatur geschaffen, in ihrem Roman "Stolz und Vorurteil".

Adrian Lukis war in der populären BBC Verfilmung von 1995 Mr Wickham, den Bösewicht und Gegenspieler des Traummannes Mr Darcy.

Er wisse gar nicht, ob er ein typischer Jane-Austen-Charakter sei, aber egal, wohin er gehe, er werde immer als Wickham-Darsteller erkannt. Das könnte daran liegen, dass Buch und Film in den Schulen auf dem Lehrplan stehen, vermutet Adrian Lukis. Er findet es amüsant, wenn ihn auch nach 20 Jahren Leute auf der Straße als Mr Wickham ansprechen. Aber was soll's, schließlich gebe es Skurrileres im Leben, als ein Jane-Austen-Darsteller zu sein. Und außerdem mache es viel Spaß.

Jane Austens Romane wurden mehrfach verfilmt

Jane Austen ist Kult. Ihre sechs Romane sind allesamt mehrfach mit prominenten Darstellern verfilmt worden und immer finden ihre Heldinnen am Ende den Richtigen. Jane Austen selbst fand ihn nicht und blieb deshalb unverheiratet. Sie lebte zunächst auf dem Land und zog 1801 mit ihren Eltern nach Bath, dem damals mondänsten Kurort Englands. Zwei ihrer Romane spielen dort.

In Bath vertrieb sich die vornehme englische Gesellschaft die trüben Wintermonate und kurierte nebenbei das eine oder andere Zipperlein. Aus drei unterirdischen Quellen wird seit der Römerzeit heißes Thermalwasser geschöpft. Zu Jane Austens Zeiten geschah das mit einer mechanischen Pumpe, die noch von Hand bedient wurde, erzählt die Architekturhistorikerin Moira Rudolf auf ihren Stadtspaziergängen.

"Wir stehen hier an den heiligen Quellen des römischen Bades. Die Römer gingen hier nicht ins Wasser, die Therme war der Göttin Minerva geweiht. Wenn man genau hinsieht, erkennt man einige Sockel unterhalb der Wasseroberfläche. Auf denen standen früher goldene Statuen. Als Jane Austen in Bath lebte, 1801-1806, saß man in Badekleidern bis zur Brust im heißen Wasser, allerdings höchstens 15 Minuten. Denn die Wassertemperatur hat konstant 46,5 Grad Celsius."

Viele Kurgäste besuchten diese Topadresse der Bäderwelt, um sich von Völlerei und Alkoholexzessen zu erholen. Dazu mussten sie schon früh am Morgen galonenweise Heilwasser trinken, das in der repräsentativen Brunnenhalle, in der sich heute ein Restaurant befindet, gereicht wurde.

"Früher war diese große Halle leer, denn was tun Leute nach dem Bad? Sie repräsentieren. Sie nutzen die Brunnenhalle als eine Art Indoor-Promenade. Natürlich um zu sehen und gesehen zu werden, Kontakte zu pflegen und Bekanntschaften zu schließen. Und um danach wieder ein bisschen mehr als nötig zu essen und zu trinken und dann die Kur fortzusetzen."

In Austens Frühwerk Northanger Abbey begleitet die junge Catherine Morland ihren gallenkranken Nachbarn und dessen Frau nach Bath in der Hoffnung, dort einen Heiratskandidaten zu finden. Gleich nach dem ersten Tanz verliebt sie sich in den jungen Geistlichen Henry Tilney

Wieder wurde Catherine in ihrer Hoffnung auf eine Begegnung mit ihrem Tanzpartner enttäuscht. Er war nirgends zu finden; alles Suchen nach ihm war bei den Vormittagsunterhaltungen ebenso erfolglos wie in den Abendgesellschaften; weder bei den Bällen in großer Abendtoilette noch bei denen in zwangloser Kleidung war er zu sehen, weder unter den Fußgängern noch unter den Reitern oder vormittäglichen Kutschenfahrern. Sein Name stand nicht im Gästebuch der Brunnenhalle, und mehr konnte sie in ihrer Neugier nicht tun.

"In der Brunnenhalle war auf einem gewaltigen Tisch ein großes Buch ausgelegt und in diesem Buch waren alle Ankünfte und Abreisen in Bath aufgelistet. Und in vielen Fällen auch ihre Adressen und die Krankheiten, an denen sie litten. Zum Beispiel: Dr. Bottomley logiert am Circus, er leidet an Gicht. Eine gute Möglichkeit für Ärzte und auch für Quacksalber, Patienten in der Stadt zu finden und ihnen ihre Dienste anzubieten."

Ende des 18. Jahrhunderts kamen im Kurbetrieb zum Teil recht fragwürdige dafür aber um so kostspieligere Methoden zum Einsatz: Der "Perkins Tractor" beispielsweise, ein einfacher Metallstab, der in der Lage sein sollte, Krankheiten aus dem Körper herauszuziehen. Jane Austens älterer Bruder Edward glaubte fest daran.

"Elektrisch geladene Stangen wurden über der Haut hin und her bewegt. Das soll einen höchst stärkenden Effekt gehabt haben, und danach wurde gebadet. In einem Brief schrieb Jane an ihre Schwester Cassandra, dass sie von dieser Elektrobehandlung nichts hielt und bezeichnete ihren Bruder als Hypochonder. Gegen seine Blässe empfahl sie Spaziergänge und frische Luft. Immerhin, Edward wurde 75 Jahre alt und Jane nicht einmal 42. Er hatte elf Kinder und war nicht ernsthaft krank."

Die Fremdenführerin Angela Nutbrown erinnert daran, dass Jane Austen eine begeisterte Spaziergängerin war. Ihre Wege lassen sich noch heute nachvollziehen, weil die Heldinnen in ihren Romanen sie auch gehen.

Bath ist von sieben Hügeln und schönen Wäldern eingerahmt. Wegen des Kurbetriebes waren Mitte des 18. Jahrhunderts in der Stadt viele Parks angelegt worden, mit englischem Rasen und Kieswegen aus dem Granulat der umliegenden Steinbrüche. Die häufig gerundeten Plätze und die Prachtstraßen sind eingefasst von hochherrschaftlichen Häusern aus Sandstein, deren Fassaden von ionischen Säulen dominiert werden.

"Als Lady Russell ... an einem regnerischen Nachmittag in Bath einfuhr und ihr Wagen durch die langen Straßenzüge von der Alten Brücke zum Camden Place rollte, umbrandet von dem Zischen anderer Kutschen, dem schwerfälligen Rumpeln der Fuhrwerke, dem Plärren der Zeitungsverkäufer, kam kein Wort der Klage von ihr. Ihre Stimmung hob sich unter ihrem Einfluss; und wie Mrs Musgrove empfand sie, wenn sie es nicht sagte, dass nach so langer Zeit auf dem Lande nichts wohltuender sein konnte, als ein bisschen Frieden und Frohsinn ringsum."

 Gruppenbild mit Möwe in Lyme Regis. (Regina Kusch)Gruppenbild mit Möwe in Lyme Regis. (Regina Kusch)

Gut 200 Jahre lang prägten bei schlechtem Wetter Sänften das Stadtbild

In den engen und hügeligen Gassen der mittelalterlichen Altstadt war mit Kutschen allerdings kaum ein Durchkommen. Heute ist dort überall Fußgängerzone, aber damals schickte es sich für Damen nicht, durch die Stadt zu laufen.

"Welche Möglichkeiten hatten Frauen zu Jane Austens Zeiten sich, ohne männliche Begleitung fortzubewegen, fragt Angela Nutbrown auf Ihrem Stadtspaziergang."

In einer Sänfte. Da war man geschützt, auch vor unziemlichen Blicken und Ansprache. Doch bequem war das nicht, betont Angela Nutbrown. Denn die Frauen mit ihren Federhüten und hohen Frisuren wurden in den engen Sänften ganz schön eingepfercht und durchgeschüttelt. Bei Regen war es innen feucht und stickig. Regenschirme, die seit den 1780ern verkauft wurden, waren übrigens gar nichts für Damen. Die Gestänge aus Walknochen oder Bambus, mit Segeltuch überzogen, waren viel zu schwer. Bei schlechtem Wetter wurde das Stadtbild von Bath deshalb gut 200 Jahre lang von Sänften beherrscht. Auch die eingebildeten und tatsächlich kranken männlichen Kurgäste ließen sich so zu den Badehäusern schleppen.

Die Träger hatten Lizenzen und Kennnummern, wie heute Taxifahrer. Sie trugen Uniformen und standen in Schlangen vor den Theatern, um die Leute nach der Vorstellung abzuholen. Sie wurden nach Entfernungen bezahlt und von den Behörden kontrolliert. Wer in einer Sänfte saß, war auf die Gnade des Trägers angewiesen. Die bewegten sich sehr schnell, oft ruckelig, und schubsten die Fußgänger beiseite. Und gelegentlich fiel auch schon mal ein Fahrgast aus der Sänfte.

Um an den gut 100 Kilometer von Bath entfernten Badeort Lyme Regis zu gelangen, bewegt sich die Reisegesellschaft in Jane Austens Roman "Persuasion - Verführung" mit der Kutsche. Einen ganzen Tag braucht sie für die Strecke, die der Bus heute in einer guten Stunde schafft. Viele Originalschauplätze sind in dem Fischerdorf an der Südküste Englands aber nicht mehr erhalten, erzählt die Stadthistorikerin Natalie Manifold einer Gruppe von Austen-Fans.

"Hier ist das alte Lyme Guesthouse, das zu Jane Austens Zeiten das Postamt war. Damals konnte man Briefe kostenlos absenden und der Empfänger musste zahlen. Es ist übrigens sehr wahrscheinlich, dass Jane Austen ihre Briefe aus Lyme an ihre Schwester Cassandra genau hier eingeworfen hat, denn das ist einer der ältesten Briefkästen des Landes."

"In einem Brief beschrieb sie, wie Damen damals schwimmen gingen. In hölzernen Badekarren ließen sie sich von Pferden ins Wasser ziehen. Als Sichtschutz wurde eine Markise herunter gelassen, bevor sie über eine Leiter in langen Gewändern ins Wasser steigen und die Wellen genießen durften. Aber nicht länger als eine Viertelstunde, sonst sei es der Gesundheit nicht förderlich. Jane Austen blieb ein bisschen zu lange im Wasser und hat sich erkältet."

Touristen auf Jane-Austen-Pfaden suchen in Lyme ein anderes Vergnügen. An der Mole, die genauso aussieht wie vor 200 Jahren, spielen sie für ihre Handykameras eine bekannte Szene aus der BBC-Verfilmung von "Verführung" nach.

"Der Wind wehte so stark, dass es oben auf dem neu gebauten Stück Mole zu ungemütlich für die Damen war. Darum kam man überein, ruhig und vorsichtig die steilen Stufen hinabzuklettern. Alle, außer Louisa. Sie musste springen und sich von Kapitän Wentworth auffangen lassen. Er redete dagegen, ihn dünkte der Aufprall zu heftig. Sie lachte und sagte: 'Mein Entschluss steht.' Er streckte seine Hände aus, sie sprang eine halbe Sekunde zu früh los vor, sie schlug auf dem Pflaster des Sockels auf und lag leblos da."

Der September ist für Jackie Herring der heißeste Monat des Jahres. Denn nach endlos langen Vorbereitungen und zahllosen Proben beginnt dann in Bath das Jane-Austen-Festival, das sie seit acht Jahren leitet.

"Die Besucherzahlen steigen ständig, erzählt sie, dieses Jahr wurden über 3.000 Tickets verkauft. Dann werden Plätze, Parks und Straßen Baths zu Bühnen, auf denen die Regency-Zeit wiederauflebt. Aus aller Welt kommen Frauen und Männer in Empire-Kostümen zum traditionellen Sonntagsspaziergang vor den monumentalen Fassaden rund um den so oft gefilmten Platz, den Zirkus."

2014 Rekord für die größte Parade von Menschen in Regency-Kostümen

"Letztes Jahr haben wir den Weltrekord geholt für die größte Parade von Leuten in Regency-Kostümen." 550 Menschen sind gekommen, erzählt Jackie Herring stolz. 2009 hatten sie schon einmal eine Bestmarke aufgestellt. Zwischenzeitlich hatte ihnen aber eine Gruppe aus Kentucky den Rekord weggeschnappt. Jetzt haben sie ihn sich zurückgeholt.

Diese Besucherin aus Dänemark trägt ein kleingeblümtes Kleid, rote Blüten auf weißem Grund, und ein kurzes Spencer Jacket aus Taft, alles selbst genäht, auch die Haube. Und natürlich geht eine Lady nicht ohne Regenschirm aus.

Ihr Kleid sei ganz ähnlich, ergänzt ihre britische Freundin. Aber weil ich eine reife Frau ist, trägt sie keine Haube, sondern einen Hut mit einer großen Straußenfeder.

"Wir gehören zur Regency Dancing Group stellt sich dieser Herr vor. Die Damen nähen alle Kleider, gesteht er, er trage sie nur. Und er genieße das."

Die Amerikanerin, die mit ihrem holländischen Mann angereist ist, hat in Indien promoviert und dort auf dem Markt Regency Schnittmuster gefunden, nach denen sie ihr schwarzes, kleingeblümtes Kleid genäht hat. Dazu ein weißes Seidenunterkleid und einen indischen Schal im Paisleymuster, das man in der Regencyzeit getragen hat. Und eine original Georgianische Brosche, 200 Jahre alt.

"Eine Krawatte zum grauen Mantel und enge Hosen in hohen Stiefeln."

Der Gast aus Wales hat einen roten Rock angelegt und weiße Leinenhosen. Dazu den Hut eines Captains, Stiefel und eine Muskete. Er stellt einen Soldaten dar, wie er vor 200 Jahren ausgesehen hat. Wir sind eine kleine Einheit, verrät er, und werden nachher noch ein wenig marschieren. Erst kürzlich haben sie für Filmaufnahmen die Franzosen in Waterloo besiegt und letzte Woche in einem historischen Schauspiel Protestierende festgenommen.

Wenn hunderte von kostümierten Flaneuren aus Hauseingängen strömen und entlang den restaurierten georgianischen Fassaden lustwandeln, wirken die parkenden Autos plötzlich wie aus der Zeit gefallen. Niemand würde sich ernsthaft wundern, wenn plötzlich Elisabeth Bennet und Mr Darcy um die Ecke spazierten.

Und dann taucht tatsächlich Mr Wickham auf. In einem Smoking. Er habe sich verkniffen, sich noch einmal in das Wickham-Kostüm hineinzuzwängen, entschuldigt sich Adrian Lukis für sein Outfit. Aber alle anderen sähen doch wunderbar aus. Und er hoffe, dass der Rekord für immer in Bath bleibe.

"Ja, warum kommen so viele Leute zu so einem Festival? Ich glaube, was sie verbindet, ist ihre Liebe zu Jane Austen. Sie ist sehr unterhaltsam und witzig und beobachtet die menschlichen Charaktere mit Genauigkeit und Vergnügen. Sie beschreibt in ihren Büchern detailgetreu das Regency-Zeitalter. Natürlich sind es alles Liebesgeschichten und wir leben in zynischen Zeiten. Aber es gibt diese romantische Sehnsucht in der menschlichen Seele, dass man den richtigen Menschen und die große Liebe findet. Und das tun die Leute ja auch tatsächlich. Und Jane Austens Prosa ist herrlich, immer ein Happy End, immer in gutem Englisch geschrieben. Einfach brillant. Mich wundert es gar nicht, dass sie die Leute immer noch verzaubert."

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