
Die eigenen biologischen Grenzen überwinden, schwimmen, laufen oder Gewichte stemmen mit allem, was sonst nicht erlaubt ist: EPO, Steroide, Anabolika, Wachstumshormone. Das ist das Konzept der Enhanced Games. Sie werden auch Dopingspiele genannt.
40 Sportlerinnen und Sportler sollen mit getunten Körpern in Wettkämpfen vorführen, was mit leistungssteigernden Substanzen möglich wird. Das Ziel der Veranstalter: Übermenschen erschaffen, eine „Superhumanity“.
Die Enhanced Games tragen auch den Libertarismus in den Sport. Die Bewegung fordert maximale individuelle Freiheit und radikale Deregulierung.
Hohe Prämien für die Teilnehmer
Für diejenigen, die teilnehmen, locken Prämien in Höhe von insgesamt 25 Millionen US-Dollar. Wer einen Rekord aufstellt, bekommt dafür eine Million – so das Versprechen.
Für die Showveranstaltung in Las Vegas (am 24. Mai) waren die meisten der 40 angekündigten Athletinnen und Athleten seit Jahresbeginn in einem Trainings- und Forschungscamp in Abu Dhabi. Dort haben sie ihre Körper wochenlang „enhanced“, optimiert mit einer Dopingkur, medizinisch begleitet. Die Daten sollen für Studien genutzt werden.
Aus Deutschland macht der Schwimmer Marius Kusch mit. Seine größten Erfolge hatte er bei den Kurzbahneuropameisterschaften 2019 in Glasgow, wo der Schmetterlingsschwimmer Gold gewann. Drei Jahre später bei den Kurzbahnweltmeisterschaften in Melbourne holte er Bronze. Bei den Olympischen Spielen in Tokio kam er auf den 23. Rang.
Seine Teilnahme begründete er damit, die Möglichkeit zu haben, seine Leistungen und Fähigkeiten jetzt kapitalisieren zu können. Der finanzielle Anreiz ist für die Athleten angesichts der Millionenprämien verlockend. Denn die wirtschaftliche Lage vieler Leistungssportler ist eher prekär.
Peter Thiel gehört zu den Investoren
Die Köpfe hinter dem Projekt sind der frühere Leistungsschwimmer Aaron D'Souza aus Indien, dreifacher Goldmedaillengewinner bei den Südasienspielen 2006 und 2010. Außerdem der deutsche Unternehmer, Filmemacher und Investor Christian Angermayer.
Zu den Finanziers gehören der Sohn von US-Präsident Donald Trump, Donald J. Trump junior, und US-Investor Peter Thiel. Er gilt als Verfechter des Transhumanismus. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Menschheit biologische Grenzen mithilfe von neuen Technologien und Substanzen überwinden kann.
Eine solche Studie wird am Schluss des Tages keine große Aussage bringen. Das ist so für mich ein bisschen mehr ein Feigenblatt. Man will dem Ganzen wissenschaftlichen Anstrich geben.
Sportmediziner Wilhelm Bloch
Thiel und andere arbeiten daran, das unregulierte freie Spiel der Kräfte an den Finanzmärkten durchzusetzen. Staatliche Kontrolle wie etwa die Börsenaufsicht soll abgeschafft werden. Der libertäre Gedanke soll sich auch im Sport als Ideologie festsetzen: Nahezu alles soll erlaubt sein, um den Supermenschen zu kreieren.
Mit einer Show wie der in Las Vegas ist das nicht mehr nur eine theoretische Debatte. Bei den Enhanced Games stehen Athletinnen und Athleten gewissermaßen Modell für diese Ideologie: Mit den Sportlern lässt sich zudem Geld verdienen: Ein PR-Video arbeitet mit Symbolen des alten Griechenlands: Zu sehen sind muskuläre Körper in Schwarz-Weiß. Auf der Homepage werden die dazugehörigen Arzneimittel von der Enhanced Company vertrieben.
Begleitende Studie ohne Aussagewert
Den wissenschaftlichen Anspruch der begleitenden Studie zweifeln Experten wie der Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule und der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel an. Beide haben sich das Protokoll der Studie angeschaut.
Bloch: „Da werden x Substanzen verwendet, wird nicht gesagt in welchen Konzentrationen, in welchen Wirkungen und so weiter. Eine solche Studie wird am Schluss des Tages keine große Aussage bringen. Das ist so für mich ein bisschen mehr ein Feigenblatt. Man will dem Ganzen wissenschaftlichen Anstrich geben.“
Leistungssteigerung bringt Risiken mit sich
Wie viel lässt sich aus einem Körper überhaupt noch herausholen? Ist menschliche Leistungssteigerung mithilfe von Technologien grenzenlos? Wilhelm Bloch ist skeptisch. Mit einer maximalen Optimierung könnten Sportler die 100 Meter in 8,5 Sekunden laufen, so der Sportmediziner. Das würden Simulationen zeigen. Aber damit werde der Körper zugleich komplett aus dem Gleichgewicht gebracht, warnt Bloch. Die Leistungssteigerung sei nur ein kurzfristiger Effekt, die Folgen könnten dauerhaft sein.
Welche Risiken ein solches Körpertuning mit sich bringt, hat Andreas Krieger am eigenen Leib erfahren. Das anerkannte DDR-Dopingopfer wurde 1986 als Heidi Krieger Kugelstoß-Europameisterin. Für den kurzen Moment des Triumphes bezahlt er noch heute mit seiner Gesundheit. Deshalb warnt er eindringlich vor leistungssteigernden Substanzen. „Kein Mensch weiß, wie Mittel in einem Körper wirken, was mit diesem Sportler passiert, was dann später ist. Es gibt keine Sicherheit.“
Krieger wurde in der DDR ohne sein Wissen gedopt. Auch wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Enhanced Games das wissentlich tun, zweifelt er daran, dass sie vollständig über die Risiken aufgeklärt sind.
Wilhelm Bloch ist es ein Anliegen, dass hier keine Manipulation stattfindet. „Manchmal muss man den Menschen auch vor sich selbst schützen“, sagt der Sportmediziner. Denn es würden Dinge auch aus einer „nicht vollständigen Wissenslage heraus“ getan. Die Gesellschaft habe hier den Auftrag, für das Gemeinwohl zu sorgen.
Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel befürchtet, dass die Enhanced Games bei der Jugend gut ankommen könnten. Mit den kurzen Videoclips auf TikTok, Instagram oder anderen Kanälen würden die Botschaften des grenzenlosen Leistungsversprechens in die jungen Köpfe dringen.








