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StartseiteCorsoSensibler Deutschpop über Leben und Tod03.08.2019

Enno Bunger "Was berührt, das bleibt"Sensibler Deutschpop über Leben und Tod

Enno Bunger arbeitet auf: Mit Hilfe von Indiepop, Folk und Rap erzählt der ostfriesische Musiker von seinen tragischen Erlebnissen der letzten Jahre. Bei der Bewältigung der Schicksalsschläge spielte die Musik eine ganz besondere Rolle.

Von Christiane Rebmann

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Enno Bunger singt auf der Bühne (imago stock&people (Xi Schiffler / Future Image))
Enno Bunger live auf dem MS Dockville Festival (imago stock&people (Xi Schiffler / Future Image))
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Eigentlich hätte er einen Psychotherapeuten gebraucht, sagt Enno Bunger über die vergangenen Jahre. Letzten Endes hat er dann das, was er verarbeiten musste, in sehr intime Lieder gepackt. Wenn er also im Song "Bucketlist" auf seinem neuen Album "Was berührt, das bleibt" davon singt, dass man Dinge, die einem schon lange am Herzen liegen, nicht aufschieben sollte, weiß er, wovon er spricht.

Zwei harte Schicksalsschläge

"Innerhalb kürzester Zeit sind zwei Menschen, die mir sehr sehr nah stehen, zum einen die Freundin meines besten Freundes und Schlagzeugers Nils, dessen Freundin Lena an Blutkrebs erkrankt mit einer nicht so guten Prognose und sieben Monate später meine Freundin, die Frau, die ich liebe, Sarah Maldoon, die auch Songwriterin ist, an Krebs erkrankt. Beide in einem Alter, Mitte 20 gerade, was mich einfach umgehauen hat, dass man so früh schon mit sowas konfrontiert wird und da durch muss."

Gemeinsam mit Freundin Sarah fasste er den Moment, als seine Welt zum zweiten Mal ins Wanken geriet, im Song "Stark sein" zusammen.

"Wenn man in einem Raum sitzt und Angst hat. Man weiß nicht, was los ist. Man hat Angst davor, dass der Arzt reinkommt und einem irgendwas Schlimmes sagt. Und man denkt: Ne, das wird schon alles gut werden. Und dann sieht man aber an dem Blick des Arztes, dass es ernst ist. Dieses Gefühl möchte ich nie wieder haben. Und trotzdem wollte ich diese Erfahrung in einem Lied festhalten."

Existentielle Situationen

Der 32jährige, der Bob Dylan und Bruce Springsteen, aber auch The National und Sufjan Stevens verehrt, schafft es, bei der Schilderung so existentieller Situationen nicht ins Pathetische abzurutschen. Das hat auch mit der behutsamen Instrumentierung aus Piano, Keyboards, Gitarre, Bass, Horn und Streichern zu tun und damit, dass er seinen Fundus aus Stilmitteln erweitert hat.

"Ich habe das große Glück, dass ich mich bei meiner letzten Platte "Flüssiges Glück" von dem Genre des Indiepop oder des Indiefolk emanzipiert habe. Indem ich auch angefangen habe, den Sprechgesang für mich zu entdecken. Dass ich so ein bisschen auch die Melodieverhaftung aufgegeben habe, dass ich in Strophen jetzt immer eine Melodie haben muss. Wenn ich viel Text habe, wie in dem Lied "Ponyhof", kann ich durch das Rappen eben sehr viel mehr Inhalte packen. Und wenn man dann den Refrain singen kann, hat der umso mehr eine Aufmerksamkeit und eine neue Gewichtung. Und dadurch, dass ich mich auf der letzten Platte mehr mit elektronischer Musik auseinandergesetzt habe und zum Teil auch einfach alle Genreschubläden verlassen habe, dass ich jetzt, je nachdem, welchen Text ich gerade schreibe, mir das Genre für den Song aussuche."

Mit Wortwitz und relativ stilsicher bewegt er sich durch das Album. Und wenn man bei manchen Zeilen aufzuckt und denkt, oh bitte nicht! - dann kriegt er im nächsten Satz gerade mal so eben noch die Kurve. In "Ponyhof" zum Beispiel, einer Ode an die Freundschaft mit seinem Schlagzeuger Nils Dietrich.

Das Stück entstand aus der Trauzeugenrede, die er auf der Hochzeit seines Drummers Nils und dessen Freundin Lena hielt. Die junge Braut erlitt kurz nach der Feier einen Rückfall und starb. Auch damit musste sich der Musiker aus Leer in seinen Liedern auseinandersetzen.

"Ich breche sie auch mal auf mit Ironie. Aber dann ist mir wichtig, dass ich eben nicht die Melodie so stadiongroß mache, sondern sie ein bisschen kleiner halte. Dadurch habe ich das Gefühl: Es ist ein bisschen ehrlicher, als wenn ich das jetzt so überdramatisch groß aufziehe, mit so großen gesungenen Melodien. Ich bleibe dann eher in einem erzählerischeren Modus, der fast schon sich reflektierend wirkt."

Es ist wichtig, das Lachen nicht zu verlieren

Es ist wichtig, das Lachen nicht zu verlieren, sagt der dunkelblonde, bärtige Musiker und appelliert an Eltern, ihren Kindern wichtige Werkzeuge für die Krisenbewältigung in die Hand zu geben.

"Wenn ihr Kinder habt, bitte gebt ihnen einen Zugang zu Kunst, zu Musik, zu Sport, dass sie irgendwo ein Ventil haben, dass sie irgendwo hin können mit ihren ganzen Gefühlen. Erwachsene unterschätzen auch oft, wie emotional Kinder und Jugendliche sind. Ich hatte zum Beispiel mit 14 schon heftigste Suizidgedanken. Von denen bin ich jetzt weit, weit entfernt bin. Aber ich hatte damals ein unglaublich gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Trotzdem habe ich nie mit ihnen darüber gesprochen. Und die Musik hat mir geholfen, damit klarzukommen. Das ist für mich das größte Heilmittel, was ich mir vorstellen kann."

Trotz der großen Gefühle, die hier verarbeitet werden, ist Enno Bunger mit "Was berührt, das bleibt" ein wahrhaft berührendes, musikalisch und textlich ausgewogenes Album gelungen. Mit Wortwitz und sicherem Gespür für Überzeichnetes wehrt er alle Kitschanflüge ab.

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