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StartseiteForschung aktuellEntscheidungshilfe für Geburtshelfer12.06.2020

Entbindung per KaiserschnittEntscheidungshilfe für Geburtshelfer

In Deutschland wird mittlerweile bei fast jeder dritten Geburt das Skalpell gezückt - und das Baby per Kaiserschnitt entbunden. Doch ist das fachlich immer sinnvoll? Eine medizinische Leitlinie soll Ärztinnen und Ärzten nun helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Von Christine Westerhaus

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OP-Schwester mit frisch entbundenem Kaiserschnittbaby (imago / Westend61)
Der Kaiserschnitt ist die weltweit häufigste Operation bei Frauen. Im Bild: OP-Schwester mit frisch entbundenem Kaiserschnittbaby. (imago / Westend61)
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Ein Kaiserschnitt kann für ein Baby lebensrettend sein. Zum Beispiel, wenn sich die Plazenta vorzeitig löst oder die Herztöne des Kindes unter der Geburt schwächer werden. Doch immer häufiger wissen Mütter schon, bevor die Wehen einsetzen, auf welchem Weg ihr Kind zur Welt kommen wird. Zum einen empfehlen die meisten Ärzte bei Mehrlingsgeburten oder einer Beckenendlage einen Kaiserschnitt.

Doch immer häufiger entscheiden sich Frauen auch bei einer ganz normalen Schwangerschaft für eine Schnittentbindung. Darauf deuten zumindest die Zahlen hin. Denn während 1991 nur etwa jedes sechste Kind per Kaiserschnitt zur Welt kam, war es 2018 fast jedes dritte Baby. In Ländern wie Brasilien werden sogar die Hälfte aller Kinder schnittentbunden.

Ein Arzt hält in einem Kreißsaal ein neugeborenes Baby in den Händen (Symbolbild) (imago / Westend61) (imago / Westend61)Geburtsmedizin braucht neue Antworten
Wehentropf, Rückenmarksnarkose, Kaiserschnitt – fast keine Geburt läuft heute mehr ohne Eingriffe ab. Diese Interventionskaskaden führen aber nicht zu gesünderen Kindern oder Müttern. Im Gegenteil.

Zahl der Kaiserschnitte ist von Klinik zu Klinik unterschiedlich

Auffällig ist auch, dass die Häufigkeit der Kaiserschnitte in den deutschen Geburtskliniken extrem unterschiedlich ist. Während in manchen Krankenhäusern nur jede zehnte Frau per Kaiserschnitt entbindet, sind es in anderen Kliniken fast 70 Prozent der Frauen. Gleichzeitig zeigt die Statistik, dass Geburtsstationen mit vielen Geburten eine niedrige Kaiserschnittrate haben als Kliniken mit weniger Geburten.

Eine geplante Schnittentbindung gilt oftmals als medizinisch unbedenklich und sicherer für Mutter und Kind als eine vaginale Geburt. Doch es gibt Studien, die Zweifel wecken: Sie zeigen, dass schnittentbundene Kinder später im Leben ein erhöhtes Risiko haben, Asthma oder Typ-II Diabetes zu entwickeln. Andere Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass diese Babys nach einem Kaiserschnitt länger brauchen, eine stabile Bakteriengemeinschaft in ihrem Darm zu etablieren, als vaginal entbundene. Und auch für die Mütter ist das Risiko für bestimmte Komplikationen erhöht.

Neue Leitlinie mit wissenschaftlichen Daten für die Beratung

Auf der anderen Seite gibt es Vorteile. Nach einem Kaiserschnitt leiden Frauen seltener an Inkontinenz. Es ist ein planbarer Routineeingriff, der von den Krankenkassen auch noch besser bezahlt wird als eine vaginale Geburt.

Doch wann sollten Gynäkologen einer Schwangeren einen Kaiserschnitt empfehlen und wann nicht? Darüber gibt es unter Medizinern unterschiedliche Ansichten. Die deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) hat deshalb jetzt eine S3-Leitlinie zum Kaiserschnitt entwickelt, die heute veröffentlicht  wird.

Darin haben die beteiligten Mediziner das Wissen zusammengetragen, das über die Vor- und Nachteile eines Kaiserschnitts bekannt ist. Solche Leitlinien helfen Medizinern dabei, Patientinnen und Patienten einheitlicher und besser beraten zu können.

Höchste wissenschaftliche Ansprüche

Solch eine S3-Leitlinie muss höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Achtzehn Fachgesellschaften und andere Institutionen aus der Medizin waren an ihrer Erstellung beteiligt – unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe DGGG. Dort koordinierte Prof. Frank Louwen das Projekt. Die Leitlinie solle bei der Entscheidung helfen, wann ein Kaiserschnitt medizinisch sinnvoll sei:

"Wir haben 2014, 2015 festgestellt, dass die Kaiserschnittraten in Deutschland kontinuierlich weiter steigen. Und gleichzeitig mussten wir feststellen, dass dadurch die geburtshilfliche Versorgung nicht besser, sondern schlechter wurde. Frauen und Kinder profitieren nicht prinzipiell von einem Kaiserschnitt, sondern gegenteilig: Die Erkrankungsraten erhöhen sich. Und mussten feststellen, dass in einigen Bereichen eine erhöhte Kaiserschnittrate so medizinisch nicht zu rechtfertigen ist."

Leitlinie nur für geplante Kaiserschnitte

Die Leitlinie wurde nur für den Fall eines geplanten Kaiserschnitts erarbeitet. Dabei zeichneten sich drei Situationen ab, in denen die Rate gesenkt werden könne. "Einmal Kaiserschnitt – immer Kaiserschnitt", diese Regel hatte einst im Kreißsaal gegolten. Zwingend sei sie jedoch nicht:

"Beim geplanten Kaiserschnitt finden wir in einem Viertel aller Fälle als Begründung, dass ein Kaiserschnitt in der vorangegangenen Schwangerschaft schon durchgeführt worden war. Diese Zahl ist deutlich zu hoch im internationalen Vergleich. Und wenn man da sehr genau nachschaut, dann ließe sich hier schon die Rate zumindest um ein Drittel reduzieren."

Ein Kaiserschnitt kann die Gesundheit von Mutter und Kind direkt nach der Geburt beeinträchtigen. Gesunde Kinder, die per Sectio zu Welt kommen, zeigten anschließend häufiger Atem- und Anpassungsstörungen als Kinder aus einer vaginalen Geburt. Sie müssten öfter auf der Kinderintensivstation behandelt werden und litten stärker unter Infektionsproblemen.

Spätfolgen bei Mutter und Kind

Aber auch Spätfolgen sind bekannt. Die Mütter müssten mit Komplikationen in der nachfolgenden Schwangerschaft rechnen. So könne etwa der Mutterkuchen in die Gebärmutterwand einwandern oder sich vor den Muttermund legen. Und auch die Kinder seien betroffen, sagt Frank Louwen:

"Das wissen wir seit etwa zehn Jahren, und das hat sich in allen Studien weltweit gezeigt, dass leider auch die Kinder von einem Kaiserschnitt in den Langzeitfolgen nicht prinzipiell profitieren, sondern im Gegenteil eine erhöhte Rate an allergischen Erkrankungen entsteht, auch an Typ I Diabetes, an Autoimmunerkrankungen. Also durchaus Komplikationen, die wir zunächst einmal gar nicht vermutet hatten vor zehn Jahren und die wir momentan registrieren müssen."

Ein Blick in die Zukunft

Dürfte sich die Kaiserschnittrate in Deutschland durch die S3-Leitlinie senken? Frank Louwen geht davon aus, dass es noch dauern werde, bis die Rate sinkt. Im Moment habe sie sich auf ungefähr dreißig Prozent stabilisiert. Dass sie nicht weiter gestiegen ist, liege auch daran, dass während der Arbeit an der Leitlinie Aufklärungsarbeit zur wissenschaftlichen Evidenz auf Fachkongressen geleistet wurde.

 "Wir sind schon glücklich, wenn wir in den nächsten Jahren die Zahl der Kaiserschnitte zunächst einmal halten können. Wenn wir es dann noch schaffen, die Kaiserschnittrate wieder in einen Normalbereich zu senken, dann wäre das schon ein großartiger Schritt nach vorne."

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