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StartseiteInformation und Musik"Man kann auch Auschwitz nicht umschminken“03.10.2018

Entfernung des Euthanasie-Triptychons im Kloster Irsee "Man kann auch Auschwitz nicht umschminken“

In der ehemaligen "Kreisirrenanstalt" im Kloster Irsee fielen zahlreiche Menschen dem NS-Euthanasie-Programm zum Opfer. Ein Triptychon der Künstlerin Beate Passow mit Fotos von Kindern erinnert an diese Verbrechen. Nun soll das Bild abgehängt werden. Für die Künstlerin ist das ein Versuch, die Vergangenheit zu verdrängen.

Von Michael Watzke

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Bildhauerin Beate Passow in ihrem Münchner Atelier (imago stock&people)
Die Bildhauerin Beate Passow kämpft für den Erhalt ihres Euthanasie-Triptychons im Kloster Irsee. (imago stock&people)
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Ein Gesprächs-Abend in der Akademie der Schönen Künste in München. Thema: "Was darf die Kunst?" Im Publikum ergreift eine Dame das Saal-Mikrofon.

"Mein Name ist Beate Passow, ich bin bildende Künstlerin."

Beate Passow kennt in München jeder, der sich mit bildender Kunst beschäftigt. Eines ihrer bekanntesten Werke ist ein drei-flügeliges Bild mit dem bitter-sarkastischen Titel "... möchte ich Sie noch höflich bitten, mir folgende Fragen zu beantworten".

"Das ist ein Triptychon, das ich seit zwanzig Jahren in Irsee in der 'Prosektur' habe. Es zeigt ein Kind, das in Irsee oder in Kaufbeuren – Irsee war eine Dependance von Kaufbeuren – der Euthanasie zum Opfer fiel."

Euthanasie-Verbrechen an unzähligen Kindern

Kloster Irsee ist heute eine Bildungseinrichtung des Bezirks Schwaben in Bayern. In der NS-Zeit begingen Ärzte hier Euthanasie-Verbrechen an unzähligen Kindern. In der sogenannten 'Prosektur' – einem kahlen Raum mit Waschbecken und Oberlicht - sezierten die Mediziner die Leichen der Kinder ohne Genehmigung. Viele der Kinder hatten zuvor grausame Menschenversuche erlitten, etwa Tuberkulose-Injektionen. In dieser 'Prosektur' hängt Beate Passows Bild.

"Das heißt, ich habe damals von Dr. Michael von Cranach, dem früheren Leiter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, einen Stapel von Fotos zur Verfügung gestellt bekommen. Und daraus habe ich ein Triptychon gemacht, das ein stark leidendes Kind zeigt, das von zwei Schwestern gehalten wird – eher gezwungen wird für ein Foto. Das hab‘ ich ausgesucht und zu einem Triptychon gemacht, und das hängt da zusammen mit dem Seziertisch."

Noch hängt es dort. Doch die Künstlerin fürchtet, dass ihr höchst emotionales, ja bedrückendes Werk bald aus der ehemaligen Anatomie des Klosters Irsee verschwindet - und damit aus der Öffentlichkeit. Denn, so Passow vor dem Münchner Publikum:

"Der Bezirkstags-Präsident hat gestern beschlossen, dass das Bild abgehängt wird. Ich wehre mich vehement dagegen und hoffe, dass Sie mich dabei unterstützen!"

Eine Fachkommission soll entscheiden

Die örtliche Kunstszene steht hinter Beate Passow in ihrem Kampf gegen den schwäbischen Bezirkstags-Präsidenten Jürgen Reichert. Der sagt, er habe noch keine Entscheidung zum Abhängen des Kunstwerks getroffen.

"Wir wollen eine Fachkommission errichten, wo tatsächlich unterschiedliche Sektionen und Fachvertreter mit dabei sind, die dann sagen: Wie gehen wir mit der Gedenkstätte um? Wir wollen das sehr verantwortungsbewusst und fundiert entscheiden."

Die Künstlerin Beate Passow hält das für eine Ausrede. Ein Ablenkungsmanöver.

"Das Schlimme dabei ist, dass Leute darüber entscheiden, deren Kenntnis von zeitgenössischer bildender Kunst dem einer Seegurke gleicht."

Ein Angriff auf Dr. Stefan Raueiser, den Leiter des Bildungs- und Kulturzentrums Kloster Irsee. Raueiser sagt, es gehe ihm im Streit um das Triptychon nicht primär um das Kunstwerk...

"... denn das Kunstwerk ist großartig. Meiner Ansicht nach wird hier keine Auseinandersetzung um Kunst geführt, sondern eine Auseinandersetzung um Menschen. Und vor allem um das Gedenken an diese Menschen. Um ein würdiges Opfergedenken."

Wer sind die Kinder auf den Fotos?

Raueiser versucht seit mehreren Monaten herauszufinden, welche Kinder auf dem meterhohen Triptychon abgebildet sind. Bisher hat er ein Kind zweifelsfrei identifiziert: ein siebenjähriger Junge aus dem Schwarzwald, dessen Mutter ihn 1941 wegen spastischer Lähmungen ins benachbarte Bezirksklinikum Kaufbeuren brachte. Der Junge starb 1943, wahrscheinlich, weil die Anstaltsleitung ihn auf Hungerkost gesetzt hatte. Stefan Raueiser  glaubt aber, dass auf dem dreiteiligen Triptychon mindestens noch ein anderes Kind abgebildet ist.

"Und hier weiß ich gar nicht, was das Schicksal dieses Jungen ist. Lebt der gar noch? Der ist ja um 1935 geboren. Mein Vater ist 1926 geboren und lebt noch. Das muss jetzt geklärt werden – und das ist der Grund, warum wir gesagt haben: Wir müssen die Gedenkstätte im Augenblick schließen."

Die Künstlerin Beate Passow überzeugt diese Argumentation nicht. Sie glaubt, dass ihr Triptychon, dessen leidende Kinder in ihrer Darstellung an den gekreuzigten Jesus erinnern, im Kloster Irsee als anstößig empfunden würde. Als Schandfleck, den man raushaben wolle.

"Man möchte einfach nicht die Wahrheit sehen. Das verstehe ich nicht. Man kann auch Auschwitz nicht umschminken. Ich meine, Euthanasie war kein Ponyhof. Die Menschen – Kinder vor allem – wurden einfach ermordet. Man hat sie verhungern lassen, man hat sie totgespritzt. Man kann es einfach nicht beschönigen. Und es gibt auch keinen Grund, es zu beschönigen. Es ist 73 Jahre her."

Stefan Raueiser:
"Es geht mir gar nicht darum, irgendetwas zu beschweigen! Es geht mir darum, an diesem Ort zu zeigen und zu informieren, was hier passiert ist. Das ist für mich das Wichtigste."

Wie dürfen Künstler in der Erinnerungskultur Opfer darstellen?

Der Streit um das Triptychon im Kloster Irsee wirft ein Schlaglicht auf ein grundsätzliches Problem: Wie dürfen Künstler in der Erinnerungskultur Opfer darstellen? Im Bundestag hängt der Birkenau-Zyklus von Gerhard Richter. Richter hat Fotos, die Auschwitz-Häftlinge heimlich gemacht hatten, stark verfremdet. Ein großartiges Kunstwerk - und aus der Opfer-Perspektive. Aber dürfen Künstler ohne Einverständnis der Opfer auch Bilder verwenden, die Täter gemacht haben? Viele Jahrzehnte lang lautete die Antwort auf diese Frage wie selbstverständlich: Ja. Denn die Bilder entlarven ja die Täter und zeugen vom Leid der Opfer. Heute ist diese Haltung in der Wissenschaft umstritten. Stefan Raueiser, der Leiter des Bildungs- und Kulturzentrums im Kloster Irsee, hat deshalb einen anerkannten Experten konsultiert: den Leiter der KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg, Dr. Jörg Skriebeleit.

"Den haben wir gebeten, ein Gutachten zu erstellen, wie heute in KZ-Gedenkstätten mit Opferbildern umgegangen wird, wie die Opfer heute dargestellt werden.  Was ‚state of the art‘ ist."

Dieser ‚state of the art‘ – also der Stand der Kunst – ist für Künstler möglicherweise ein anderer als für Historiker oder andere Wissenschaftler. Noch ist Skriebeleits Gutachten nicht in Irsee eingetroffen. Die Künstlerin Beate Passow macht sich nicht viel Hoffnung. Sie setzt auf die öffentliche Meinung. Denn:

"Juristisch hab‘ ich keine Chance. Denn wenn es weg ist, ist es weg."

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