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Entrückte StaatenLänder am Rande der Legitimität

Manche Staaten sind so entrückt, dass sie auf keiner Karte zu finden sind. Sie wurden entweder nie anerkannt oder in Kriegen erobert. Der Geograf Nick Middelton setzt sich in seinem Buch "Atlas der Länder, die es nicht gibt" mit ihrem Schicksal auseinander. Dabei vereint er launige und skurrile Geschichten mit ernsthaften politischen Konflikten.

Von Catrin Stövesand | 08.08.2016

Frauenhände halten einen Globus (01.06.2012).
Der Geograf Nick Middelton zeigt Länder, die nur im Bewusstsein der Menschen existieren, die dort leben - anerkannt sind sie nicht. (dpa / picture-alliance / Angelo Cavalli)
Auch wenn das noch nichts mit dem Inhalt zu tun hat: Es ist ein schönes Buch, ein schön gestaltetes Buch. Die einzelnen Kapitel über die Länder und Regionen beginnen jeweils mit einer roten Doppelseite. Darauf finden sich die Flagge, die wichtigsten Informationen - Einwohnerzahl, Fläche, Hauptstadt, Sprache - und der Umriss des Landes als Ausschnitt - als Guckloch auf die folgende Seite. Und dort ist dann jeweils eine Karte abgedruckt.
Zum Inhalt: Nick Middleton befasst sich mit Grenzen, mit auf Karten eingetragenen Linien, die seit jeher beweglich sind, die sich manchmal ganz auflösen. An anderer Stelle entstehen zahlreiche neue Grenzen, wie etwa nach dem Ende der Sowjetunion. Der britische Geograf von der Uni Cambridge lenkt den Blick auf das, was diese Linien bedeuten, wie sich eine Region gegen eine andere abgrenzt, was das für die Identität der Einwohner heißt, und wie auch nationale Identität letztlich immer in Bewegung ist.
"Parallel zu den fortschreitenden Grenzziehungen verdichtet sich die globale Kommunikation in einem nie gekannten Maße, und die Globalisierung mindert die Bedeutung von Staatsgrenzen. Für Handel und Finanzwirtschaft wird unser Planet immer durchlässiger, auch wenn das nicht unbedingt für Migrationsbewegungen gilt. Nationalregierungen verlieren an Einfluss, während neue Machtstrukturen entstehen."
Nationale Identität bleibt wichtig
Gemeint sind multinationale Gemeinschaften wie die EU, aber auch Konzernstrukturen. Dennoch oder gerade deshalb bleibe nationale Identität wichtig, betont Middleton. Das gelte umso mehr für Regionen, die nicht als Staaten anerkannt sind. Was aber definiert einen Staat? Wessen Anerkennung ist ausschlaggebend? Middleton zeichnet die Schwierigkeiten anhand von Beispielen nach. Israel etwa, das zwar Mitglied der Vereinten Nationen ist, aber von mehr als 30 anderen Mitgliedsstaaten nicht anerkannt wird. Auch die allgemein gültigen Kriterien wie festgelegtes Territorium, Regierung und Beziehungen zu anderen Staaten sind keine verlässliche Richtschnur:
"So kann das international anerkannte Somalia seit Ausbruch des Bürgerkriegs 1990 das eigene Territorium nicht kontrollieren, während der Norden, Somaliland, sehr wohl Recht und Gesetz walten lässt. Seit einer Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1991 erfüllt Somaliland wesentliche Kriterien der Staatlichkeit: Es verfügt über ein Parlament, eine eigene Währung, eigene Fahrzeugnummernschilder und sogar den biometrischen Personalausweis. Im Gegensatz zu seinem chaotischen Nachbarn wird es international jedoch nicht anerkannt."
Bei seinen Recherchen auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion ist der Geograf auf die bekannten umstrittenen Gebiete wie Transnistrien oder Abchasien gestoßen. Aber auch auf Länder, die weitgehend unbekannt sind oder die es gar nicht mehr gibt. Zirkassien etwa, dessen Hauptstadt einst Sotschi war.
"Als das Osmanische Reich zerfiel, eroberte Russland Zirkassien. Die letzten aufrechten zirkassischen Krieger wurden 1864 in Sotschi massakriert - genau eineinhalb Jahrhunderte vor den Olympischen Winterspielen. Es folgte ein düsteres Kapitel in der Geschichte dieser Region, gekennzeichnet von Vertreibung und Ausrottung der Zirkassen. Manche beschreiben diese Vorgänge als ‚Migrationsbewegung‘ oder ‚Exilierung‘, andere als ‚Völkermord‘. Jedenfalls fielen ihnen gut eine Million Zirkassen zum Opfer."
50 Länder, die nur von wenigen Staaten anerkannt werden
Middleton hält mit seiner Sicht der Dinge nicht hinter dem Berg. Die Fakten, die er zusammengetragen hat, wären überzeugend genug. Da seine Haltung zugleich für eine leichte Lektüre sorgt, sieht man ihm die fehlende Zurückhaltung nach. Stellenweise ist sie auch vergnüglich, etwa wenn er mit etwas Schadenfreude schildert, dass sich die Bewohner von Christiania, der selbstverwalteten Kommune im dänischen Kopenhagen, bis 2018 entscheiden müssen, ob sie der Regierung das von ihnen bewohnte Gelände abkaufen.
"Was als Sieg der Kommunarden verstanden werden kann, ist zugleich die Rache des Kapitals."
Der britische Geograf hat sich in seinem Kompendium auf 50 Länder beschränkt. Willkürlich ausgewählt, wie er sagt. Gemeinsam haben sie, dass sie keinen Sitz in der UN-Generalversammlung haben und nur von wenigen anderen Staaten anerkannt sind. Der Leser erfährt viel Interessantes, auch sicher viel Neues. Dass die "Isle of Man" z.B. schon 1881 das Frauenwahlrecht eingeführt hat. Oder dass die Kokosinseln noch bis zu den späten 70ern von einer Industriellen-Familie beherrscht wurden, bevor dieser das Geld ausging.
Natürlich gibt es auch Kapitel über Tibet und Katalonien. Die meisten Länder, die es nicht gibt, sind aber echte Entdeckungen für den Leser. Wie etwa Atlantium, ein gebietsunabhängiger Staat, der in Australien entstanden ist. Die Bürger können an beliebigen Orten leben. Auch wenn das Ganze eher aus einer Laune entstanden ist: Mittlerweile sind es etwa 2.000 Bürger in mehr als 100 Ländern.
"Entscheidend für ihre Staatszugehörigkeit ist lediglich ihr freier Wille. Es handelt sich also um einen gebietsfreien, transnationalen, interkulturellen Staat. Die Staatsangehörigen von Atlantium sind also wahre Weltbürger."
Ein Buch für Neugierige und Besserwisser
Der "Atlas der Länder, die es nicht gibt" ist ein Buch für Neugierige, vielleicht auch für Besserwisser, jedenfalls für alle, die etwas für gehobene Allgemeinbildung übrig haben. Ein Buch, das man immer mal wieder zur Hand nimmt. Was war nochmal mit Zirkassien passiert? Es vereint launige und skurrile Geschichten mit ernsthaften politischen Konflikten, mit Epochen von Diktaturen, mit Kolonialgeschichte und mit den manchmal schmutzigen Machenschaften von Konzernen.
Und es ist ein gelungener Überblick, um über die Bedeutung von Ländern, Staaten und Nationen einmal mehr nachzudenken, über das viel beschworene Ende des Nationalstaates und auch über die Krise der EU. Wer es detaillierter will, kann parallel den "Atlas der unentdeckten Länder" von Dennis Gastmann lesen - wobei hier die Reportage und das persönliche Reisejournal im Vordergrund stehen.
Nick Middleton: "Atlas der Länder, die es nicht gibt."
Quadriga Verlag, 232 Seiten, 32,00 Euro.