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StartseiteAus Religion und GesellschaftWer, wenn nicht ich!21.08.2019

Entscheidende MomenteWer, wenn nicht ich!

Alles stehen und liegen lassen, eigene Pläne verwerfen, wie ein Samariter helfen. Es gibt Menschen, die das können. Wie gelingt es, genau den Moment wahrzunehmen,in dem man gebraucht wird?

Irene Dänzer-Vanotti

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Auf der Suche nach der Richtung: Rechts oder Links? (imago stock&people)
Zuschauer bleiben oder etwas tun - eine Entscheidung von Sekunden und das Ergebnis eines langen Lernprozesses. (imago stock&people)

"Dann ist man aber irgendwo in der Fremde und völlig hilflos und dann kommt plötzlich jemand, bringt dir das Essen, organisiert Dinge, trägt dich, und passt auf dich auf – also ich weiß nicht, ob ich ohne Renata hier sitzen würde",

sagt Christoph Sapp, und Karl Peter Hasenkamp ergänzt:

"Ich sagte mir, auf philosophischer oder genereller menschlicher Basis, wenn man etwas erkannt hat, und etwas sinnvoll ist, dann kann man nicht dabei stehen bleiben, das zu erkennen und zu kommunizieren. Dann gibt es den Punkt, dass man dran ist. Und das habe ich gemacht!"

Eine Bestimmung haben und diese erfüllen

Joachim Raack ist Psychotherapeut: "Das ist dann diese Vorstellung, dass es etwas Schicksalhaftes hat. Es ist irgendwie kein Zufall, dass ich hier bin. Ich habe eine Bestimmung und wenn ich so handle, dann erfülle ich die Bestimmung und das ist natürlich eine sehr befriedigende Erfahrung, nicht nur für den, dem geholfen wird, sondern auch für den, der handeln kann."

Christoph Sapp erzählt: "Ich war 2014 in Indien und hatte schon so vier Wochen Krankheitszeit hinter mir. Das, was man so kennt: Durchfall, aber auch einen Harnwegsinfekt, ich hab einen Kreislaufzusammenbruch zwischendurch gehabt und lag dann an so einem Hauptbahnhof in Kalkutta ein paar Stunden."

Christoph Sapp  (Christoph Sapp)Christoph Sapp wurde während einer Indien-Reise schwer krank. Eine Unbekannte rettete ihm das Leben. (Christoph Sapp)

Christoph Sapp ist zu dem Zeitpunkt 23 Jahre alt, hat bereits ein Studium hinter sich und will ein paar Monate frei sein, Indien kennenlernen – und sich selbst in ungewöhnlichen Situationen erfahren. Auf dem Boden am Hauptbahnhof von Kalkutta aber, hat diese Erfahrung keine sanfte Seite. 

 Du liegst auf dem Boden und es interessiert keinen

"Da laufen hunderte, tausende Leute rum und es interessiert keinen. Also, ich stell mir vor, wenn sowas in Deutschland passieren würde und da liegt einer auf dem Boden, dann würde irgendeiner auf die Idee kommen, zu helfen oder wenigstens zu fragen, was ist da los, aber da … Die gucken da dann ganz interessiert 'Was macht dieser weiße Typ da?', aber helfen … das ist egal. Die sind dann eher so Zuschauer."

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das Jesus erzählt:

Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

Das Bild zeigt einen Obdachlosen, der in der Fußgängerunterführung sitzt, die unter dem Kaiser-Friedrich-Ring zum Hauptbahnhof Wiesbaden führt. Ein Passant läuft vorbei. Die Szene spiegelt sich verzerrt in der spiegelnden Wandverkleidung der Unterführung. (imago/Michael Schick)Ein Mensch sitzt am Ausgang eines Bahnhofs (imago/Michael Schick)

Um Christoph Sapp kümmert sich in Kalkutta auch niemand. Irgendwann kann er sich aufrappeln, in einen Zug schleppen und in die Berge fahren - nach Darjeeling. Die Höhe könnte ihm gut bekommen, hofft er. Aber zu seiner Schwäche kommen jetzt noch Gliederschmerzen. Seine Lage wird bedrohlich:

"Nach sechs Tagen hatte sich die so ausgewachsen, dass ich Entzündungen in den Sprunggelenken, Knien, Hüften, Ellbogen und Handgelenken hatte - und zwar so schmerzhaft, dass ich mich in meinem eigenen Bett nicht mehr selber drehen konnte."

Christoph Sapp ist schwer krank.

Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn.  

Sein Zustand wird lebensbedrohlich.

Eine Italienerin in Indien half

"Und in der Zeit hat mir eine Frau geholfen, Renata. Italienerin, Rentnerin, die ihre Rente in Asien, also in Indien, verbringt, weil die für Italien nicht reicht, aber für Indien ganz okay."

Renata begleitet ihn in zwei Krankenhäuser, bis die Diagnose gestellt wird: Christoph Sapp hat eine Autoimmunkrankheit als Reaktion auf eine Salmonellenvergiftung. Dagegen gibt es Medikamente. Renata bleibt bei ihm, bis sie anschlagen.

Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn.  

"Das ist ein Gleichnis, das Jesus spricht, um darauf hinzuweisen, wer ist der Nächste, wer ist derjenige, der auf mich angewiesen ist? Wie zeigt sich die Liebe zum Nächsten?" - der evangelische Theologe Frank Vogelsang, und führt an:

"Es gibt ein Wort, das im Zentrum dieses Gleichnisses steht: esplagchniste und das kann man so übersetzen, indem man sagt, es geht einem ans Herz oder es geht einem an die Nieren. In der Luther-Übersetzung heißt es, ‚es jammerte ihn‘! Das heißt, es ist eine sehr unmittelbare Reaktion, die stattfindet. Da wägt keiner ab, da stellt Keiner Argumente auf und hat Pro und Contra, sondern er erkennt im Moment, dass er reagieren muss und tut das dann auch."

Der Samariter ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goss darein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein.

Die Frau, die Christoph Sapp das Leben gerettet hat, handelte wie der Samariter. Auch sie ließ alles stehen und liegen, verwarf ihre eigenen Pläne für diese Tage, und begleitete den deutschen Studenten in ein entlegenes Krankenhaus:

"Das ist aber dann wieder unten am Fuße des Himalaya gewesen, so vier Autostunden entfernt. Da ist Renata dann mitgekommen und hat dann auch viel organisiert. Also als die Anmeldung da war, hat sie sich um die Formalitäten gekümmert, während ich in der Notaufnahme neben so einer verblutenden Frau dann irgendwie lag – das war wirklich alles ziemlich dramatisch – und sie ist dann auch die erste Nacht da geblieben im Krankenhaus.

So gehe hin und tue desgleichen!

Die meisten Menschen finden allerdings gar keine Gelegenheit, "desgleichen" zu tun. Natürlich sind alle in ihren Familien, im Beruf und im Freundeskreis unverzichtbar und werden von ihren Nächsten gebraucht. Existenzielle Momente, in denen der Einzelne aufgefordert ist zu handeln, in denen es womöglich um Leben und Tod geht, und in denen ein ferner Nächster Hilfe braucht, scheinen selten.

"Die Polizei kommt gleich!" 

Manche machen die permanente Aufmerksamkeit zu ihrem Beruf: Rettungssanitäter, Ärztinnen oder Polizisten. Die meisten Menschen aber sehen sich nur in sehr besonderen Augenblicken damit konfrontiert, dass es jetzt auf sie ankommt, dass sie so ergriffen sind, dass sie gar nicht anders können, als etwas Entscheidendes für andere zu tun und ihre eigenen Pläne bei Seite zu schieben.

"Es war ja erst ein Rumsen, dass etwas runterfällt. Ich wohn‘ Hochparterre, alle müssen an meiner Wohnungstür vorbei. Ich erkenne die Leute am Schritt und da war klar, da ist irgendetwas ganz anders als sonst."

Manuela Droste aus Wuppertal kommt der Lärm im Treppenhaus komisch vor. Sie schaut zur Sicherheit nach. Noch ahnt sie nicht, wie sehr sie gleich gebraucht werden wird.

"Ich bin jetzt nicht - Wohnungstür auf! Und runtergerannt! – nee, da bin ich erstmal langsam gucken gegangen. Und dann sah ich halt, durch das Geländer, dass mein Nachbar von hinten gewürgt wurde und dass ihm Mund und Nase zugehalten wurden. Und da war klar, das wird er nicht alleine schaffen."

"Da habe ich natürlich zuerst mal gedacht, ich muss diesen Täter beeindrucken. Er ist erwischt, er wurde gesehen: Anbrüllen. Schreckminute und ruf die Polizei– hier ist ein Überfall."

Der Täter zückt eine Waffe und richtet sie auf Manuela Droste. Die zieht sich für einen Moment zurück. Ihre Tochter hat inzwischen die Polizei gerufen. Dann aber geht die Mutter von drei Kindern wieder auf den Treppenabsatz, außerhalb der Schusslinie. Sie schreit den Täter an. Die Polizei kommt gleich! Endlich rennt er weg.

Die eigene Komfortzone verlassen

Manuela Droste ist ein Mensch, der bemerken will, dass er gebraucht wird. Egal, ob sie gerade in der Küche steht und spült, während im Treppenhaus etwas passiert oder ob sie in alltäglichen Situationen mit fremden Menschen ins Gespräch kommt, für sie da sein kann.

"So ist es seit vielen Jahren, dass ich mich um alles kümmere. Es ist sowieso mein Charakter, auf Mitmenschen zu achten."

Damit schult sie ihre Aufmerksamkeit. Diesen Moment wahrzunehmen, in dem man gebraucht wird, ist Übungssache.

Es geht darum, immer wieder von sich selbst abzusehen, die eigene Komfortzone zu verlassen, zunächst mit der Wahrnehmung und den Gedanken und dann auch im Handeln.

"Ich glaube, es gibt so Momente, wo sozusagen das Ich, man könnte auch sagen der Verstand, wie ein bisschen zur Seite tritt und dann kommt eine Inspiration oder eine Motivation in uns auf, etwas zu tun, was wir uns in dem Moment auch gar nicht erklären können. Ich glaube, dass man das ein Stück weit trainieren kann, dass man offen sein kann für diese Stimme, die sich da in uns äußert."

Unendlicher Gedankenprozess

Der Kölner Psychoanalytiker Joachim Raack sieht Menschen in einer Verbindung mit der größeren Welt, die sie umgibt. Er arbeitet nach den Prinzipien von Carl Gustav Jung. Mitgefühl, oder wie Joachim Raack sagt, Ergriffen-Sein ist die Brücke von der eigenen zur größeren Welt:

"Das ist eben die Fähigkeit, sich wirklich ergreifen zu lassen und das braucht eben diese Offenheit und das braucht diese Fähigkeit, aus dem unendlichen Gedankenprozess, in dem wir eigentlich immer verwickelt sind, auch ein Stück loszulassen. Und das bedeutet ja auch, aus dieser Ich-Verhaftung, aus der Isolierung eigentlich mit der Umwelt herauszutreten und in wirklichen Kontakt zu treten. Und in diesem wirklichen Kontakt kann ich dann gar nicht anders, als sozusagen das Richtige zu tun."

Karl-Peter Hasenkamp sieht sich immer wieder auf der Autobahn gefordert: "Es gab Stop-and-go-Verkehr und jedes Mal, wenn die Lastwagen anfuhren, qualmten die aus ihren Auspuffrohren so, dass ich fast nichts sah. Und dann fragte ich mich, wer denkt eigentlich darüber nach, das Volumen zu ermitteln, was aus allen Auspuffrohren der gesamten Welt, aller Autos, aller LKWs, aller Schiffe und aller Fabrikschlote (kommt), wer denkt eigentlich darüber nach?"

Es sind die 1980er Jahre. Karl Peter Hasenkamp aus der Umgebung von Düsseldorf ist Banker mit Sinn für große Zahlen und der Einsicht, dass nichts auf der Erde je verschwindet. Das Gas aus den Auspuffrohren muss irgendwo her kommen, irgendwo hin gehen und, selbst wenn es nicht mehr sichtbar ist, einen Effekt haben.

"Man kann da sozusagen nie zu viel machen."

Gegen den Klimawandel - 20 Jahre zu früh

In den 90er Jahren gelangt die Vorstellung von einem Wandel des Klimas in die politische Debatte.

Kohlendioxyd, CO2, das bei der Verbrennung von Öl, Kohle und Gas frei wird, nachdem es Jahrtausende lang gebunden in den einstigen Wäldern in den Tiefen der Erde lag - dieses Gas legt sich wie ein Ring um die Erde, verursacht, dass diese die Sonnenwärme nicht mehr abstrahlen kann und sich mithin aufheizt. Alle Menschen, findet Karl Hasenkamp, sind an diesem Prozess beteiligt, die Reichen mehr als die Armen. Deshalb seien alle gefordert, etwas dagegen zu tun:

"Derjenige, der Schmutz auf die Erde wirft, hat eigentlich die Verpflichtung diesen Schmutz wieder aufzuheben. Und derjenige, der C02 emittiert, hat die physikalische und moralische Verpflichtung, dieses C02 wieder zu beseitigen."

Und das sei möglich, indem man Bäume pflanzen lässt, um Kohlendioxyd  aus der Atmosphäre zu binden. Es wird vom Gas wieder zu Blatt und Holz. Er eröffnet 1993 eine Waldagentur mit dem ersten CO2-Rechner in Deutschland.

In Nicaragua: Ein Kleinbauer steht auf Holzleiter an Baumstämmen gelehnt, Serebó (Schizolobium amazonicum),stickstofffixierende Baumart, verbessert  die Bodenfruchtbarkeit (©  PRIMAKLIMA e.V. )Kleinbauer in Nicaragua: Serebó (Schizolobium amazonicum), eine stickstofffixierende Baumart, verbessert die Bodenfruchtbarkeit (© PRIMAKLIMA e.V. )

"Primaklima wurde von mir gegründet."

Aber: Hasenkamp kommt mit seinem Konzept zu früh. 20 Jahre lang versucht er eisern andere Menschen davon zu überzeugen, ihren einen Beitrag zum Klimawandel auszugleichen. Meist ist das vergeblich. Immerhin hat die Organisation Primaklima die Jahre weitgehender Missachtung überstanden und ist heute, da von der Klimakrise die Rede ist, gefragt.

"Mehr als 15 Millionen Bäume sind gepflanzt worden und die Fläche ist etwa 80 Quadratkilometer. Also ein zehn Kilometer breiter Streifen, acht Kilometer lang, vielleicht auch schon zehn Kilometer. Und die Zahl der Tonnen an CO2, die darin verschwunden oder aufgespalten sind in Kohlenstoff und Sauerstoff, liegt geschätzt bei 800.000 Tonnen CO2."

Wenn der Impuls eines entscheidenden Moments zu einer Aufgabe für viele Jahre, womöglich für ein ganzes Leben wird, braucht man einen langen Atem und die Kraft, sich immer wieder von der Überzeugung und Begeisterung des Beginns anfeuern zu lassen.

Karl Peter Hasenkamp: "Ich sagte mir, auf philosophischer oder genereller menschlicher Basis, wenn man etwas erkannt hat, und etwas sinnvoll ist, dann kann man nicht dabei stehen bleiben, das zu erkennen und zu kommunizieren. Dann gibt es den Punkt, dass man dran ist. Und das habe ich gemacht!"

Eine Sekunde verändert die europäische Nachkriegsordnung

Entscheidende Momente. Menschen mit Führungsaufgaben, etwa Politiker, Künstler, Geistliche oder Manager, sind darauf eingestellt, dass ihre Worte, Urteile und Taten zählen. Selten aber wird das so deutlich, wie in jener Sekunde, in der eine Geste die Nachkriegsordnung in Mitteleuropa neu justiert.

"Als er nach vorne gegangen ist, hat er das noch nicht gewusst. Und dieses hat jeder gefühlt, der das gesehen hat."

Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 07.12.1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau. (dpa)Willy Brandt kniet am 07.12.1970 in Warschau vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto (dpa)

Walter Scheel ist als Außenminister mit Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau am 7. Dezember 1970. Nebeneinander gehen sie zu dem Mahnmal an der Stelle des jüdischen Ghettos, wo während der Besatzung Deutsche tausende Menschen quälten, deportierten, töteten. Willy Brandt kniet nieder. Verharrt.

Später sagt er: "Das war etwas so, aus allem übrigen schrecklichen Rahmen noch mal Herausfallendes, dass ich fand, ich konnte dann letztlich nichts anderes tun, als ein Zeichen zu setzen, ich bitte, als einer, der nun nicht zu den wildesten Anhängern Hitlers gehörte, um es mal so zu sagen, ich bitte für mein Volk um Verzeihung, bete auch darum, dass man uns verzeihen möge."

Eine Geste darf nicht auf Beifall zielen

Seine Geste öffnet die Tür für einen neuen Blick auf die Deutschen und hilft einem großen Teil der deutschen Gesellschaft, sich selbst wieder zu achten. Sie strahlt weit über den Augenblick und Brandts eigenes Leben hinaus.

Dabei hatte er sie nicht geplant, nicht durch viele Abwägungen verwässert, nicht überlegt, ob sie richtig oder falsch sei. Um wirkungsvoll zu sein, darf solch eine Geste nicht auf Beifall zielen.

Fast noch unwahrscheinlicher ist die Inspiration eines Mannes, der in den 70er Jahren einfach ein Privatmann war, von Beruf Journalist, Fernsehen schaute, in schwarz-weiß, wie alle anderen auch. In einem Radio-Interview erzählte er:

"Ich sah diese Bilder, im Fernsehen, von Menschen, die hinausgehen in das Südchinesische Meer, ganz ausgerüstet auf Fischer- und Flussbooten und wusste, diese Menschen sind in unmittelbarer Gefahr zu ertrinken."

Christel und Rupert Neudeck bei der Verleihung des Erich-Fromm-Preises im April 2016. (picture alliance / dpa/ Marijan Murat)Christel und Rupert Neudeck bei der Verleihung des Erich-Fromm-Preises im April 2016. (picture alliance / dpa/ Marijan Murat)

Rupert Neudeck lässt sich von diesen Bildern anrühren, mitreißen.

"Und ich wusste für mich, ich musste jetzt unbedingt etwas tun. Ich wusste nicht was, ich wusste nicht wie, ich wusste nicht wann, ich wusste nicht mit wem. Ich wusste nur eins, ganz klar, eindeutig, unmissverständlich, ich muss etwas tun."

Rupert Neudeck und seine Frau Christel wachsen über sich hinaus.

Sie chartern ein Schiff, die Cap Anamur, und retten in den kommenden Jahren 11.000 Menschen. Neudeck, der 2016 gestorben ist, verband radikale Freiheit in Denken und Handeln mit tradierten, tiefen Überzeugungen.

Kurz vor der Rettung durch das deutsche Hilfsschiff Cap Anamur treibt ein Fluchtboot, das nahe am Kentern ist, mit 38 Fl (dpa / picture alliance / Scharsich)Kurz vor der Rettung durch das deutsche Hilfsschiff Cap Anamur treibt ein Fluchtboot im Chinesischen Meer. (dpa / picture alliance / Scharsich)

Vielleicht ist das die magische Mischung, die es braucht, damit ein Mensch tatkräftig hilft, wo so viele andere wegschauen.

Er sagte: "Es ist schon eine große Gunst für mein Leben gewesen, dass ich über meine Eltern und meine Erziehung das Samariter-Gleichnis kannte, in dem alles zusammengefasst ist. Und da steht drin, nur der ist dem, der da auf dem Südchinesischen Meer in Gefahr ist zu ertrinken, der Nächste, der versucht, etwas für ihn zu tun. So habe ich dieses Gleichnis eigentlich immer wieder übersetzen können."

Gute Taten, neue gute Taten

Unbekannt ist, ob der Mann, dem der Samariter half, später Anderen etwas Gutes tat.

Ungeachtet dessen, dass er eigentlich gerade keine Zeit dazu hatte, dass zu Hause jemand auf ihn wartete, dass es scheinbar gerade gar nicht passte. Christoph Sapp, dessen Leben die italienische Rentnerin Renata rettete, versorgte eine Frau, die vor seinen Augen angefahren wurde, mit Erster Hilfe.

Er hofft, dass gute Taten neue gute Taten hervorbringen:

"Wenn sich dieses gegenseitig Segen-Sein so fortpflanzen würde, wäre das sehr schön. Ich kann mir das gut vorstellen."

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