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StartseiteKalenderblattEnttäuschung für Pazifisten15.06.2007

Enttäuschung für Pazifisten

Die zweite Haager Friedenskonferenz blieb hinter den Erwartungen zurück

Am 15. Juni 1907 begann in der niederländischen Hauptstadt Den Haag eine Friedenskonferenz. Es war die zweite nach 1899. Sie setzte sich eine umfassende Sicherung des Friedens zum Ziel, doch das Thema Abrüstung wurde gar nicht behandelt, die Frage nach der Einrichtung eines obligatorischen Schiedsgerichts vertagt.

Von Volker Ullrich

Die Schrecken des Krieges sollte die Konferenz verhindern - vergeblich. (AP)
Die Schrecken des Krieges sollte die Konferenz verhindern - vergeblich. (AP)

"Nun geht's in die historische Feier. Auffahrt in den Binnenhof. Der Hof voller Equipagen. Steigen eine schmale Stiege zur Tribüne hoch. Schon voll von Delegierten-Damen... Erwartungsvoll! Alle Delegierten kommen endlich herein - ohne Uniformen -, und um 3 Uhr beginnt die Zeremonie, die auch weiter nichts ist als solche. Zwei Reden mit Phrasen, und leider friedensleugnenden Phrasen, und dann ist's aus."

So beschrieb die österreichische Pazifistin Bertha von Suttner in ihrem Tagebuch am 15. Juni 1907 die Eröffnung der zweiten Friedenskonferenz in Den Haag, zu der sich 250 Delegierte aus 44 Staaten eingefunden hatten. Acht Jahre zuvor, vom Mai bis Juli 1899, hatte am selben Ort die erste Friedenskonferenz stattgefunden. Damals war sie von Bertha von Suttner, die seit dem Erscheinen ihres Buches "Die Waffen nieder!" 1899 zur wichtigsten Stimme der internationalen Friedensbewegung zählte, als ein weltgeschichtliches Ereignis begrüßt worden:

"Es ist das erste Mal, seitdem Geschichte geschrieben wird, dass die Vertreter der Regierungen zusammenkommen, um die Mittel zu suchen, der Welt einen dauernden, wahrhaften Frieden zu sichern."

Doch die Ergebnisse waren schon damals weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Auf eine Begrenzung der Rüstungen konnten sich die Regierungen nicht verständigen; nicht einmal ein Moratorium für die Entwicklung neuer Waffen wurde beschlossen. Wohl wurde ein Schiedsgericht zur Schlichtung internationaler Streitfälle eingerichtet, doch die Teilnahme daran blieb freiwillig. Was der deutsche Kaiser Wilhelm II. von der neuen Institution hielt, machte er unmissverständlich deutlich:

"Aber ich werde in meiner Praxis auch später mich nur auf Gott und mein scharfes Schwert verlassen...! Ich scheiße auf die ganzen Beschlüsse!"

In der Zeit zwischen der ersten und dem Beginn der zweiten Haager Friedenskonferenz waren die Aussichten für die Friedensbewegung noch düsterer geworden. Der forcierte Anspruch des wilhelminischen Deutschlands auf einen "Platz an der Sonne" und der damit einhergehende Bau einer großen Schlachtflotte hatten das Wettrüsten angeheizt und die internationalen Spannungen verschärft. Als Reaktion darauf hatte England 1904 ein Bündnis mit Frankreich geschlossen und war 1907 im Begriff, sich mit Russland zu verständigen. Seitdem standen sich in Europa zwei feindliche Bündnissysteme gegenüber: die Triple-Entente England, Russland, Frankreich und der Dreibund Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. Angesichts dieser Entwicklung verwundert es nicht, dass die Frage einer Rüstungsbeschränkung bereits vor der zweiten Haager Konferenz aus dem Themenkatalog ausgeklammert wurde.

"Nur wenn 'Abrüstungsfrage' total ausgeschaltet wird, werde ich die Konferenz beschicken, sonst nicht!"

So hatte Wilhelm II. die deutsche Position klargestellt. Aber auch die anderen Großmächte waren nicht bereit, Abstriche an ihren Rüstungsprogrammen hinzunehmen. Lange debattierte man in Den Haag über eine Umwandlung des Schiedshofes in einen ständig tagenden Internationalen Gerichtshof, dessen Beschlüsse obligatorisch sein sollten. Am Ende blieb es bei einer unverbindlichen Absichtserklärung. Fortschritte wurden hingegen bei der Weiterentwicklung der 1899 verabschiedeten Haager Landkriegsordnung erzielt, die unter anderem Regeln für den Umgang mit Kriegsgefangenen und Beschränkungen beim Einsatz bestimmter Waffen festlegte. Doch diese Beschlüsse richteten sich nicht auf die Verhinderung eines Krieges, sondern auf seine "Humanisierung", wie der zeitgenössische Euphemismus lautete. Für Bertha von Suttner hatte sich damit die Friedenskonferenz in eine "Kriegsgebrauchskonferenz" verkehrt, und in ihrem Tagebuch machte sie kurz vor Ende der Tagung im Oktober 1907 aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl:

"Dumme verstockte Menschheit. Im Haag wehren sie sich gegen die Konsequenzen des erwachten Pazifismus. Laut müssen die Völker werden. Die Wahrheit muss man den Leuten sagen, die ganze Wahrheit."

Die Wahrheit war, dass die dritte Haager Friedenskonferenz, die für 1915 vorgesehen war, nicht mehr stattfinden konnte. Denn im August 1914 trat ein, wovor die Pazifisten unermüdlich gewarnt hatten: die Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Bertha von Suttner hat sie nicht mehr erlebt. Sie starb 71-jährig am 21. Juni 1914, wenige Tage bevor die tödlichen Schüsse in Sarajewo fielen.

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