
Damit meint Lela Lähnemann eine Sprache, in der nicht nur Frauen und Männer ausdrücklich angesprochen werden, sondern auch all jene, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zugehörig fühlen.
"Es ist ein Zeichen der Wertschätzung", sagt Lela Lähnemann. "Es ist ja bekannt, dass Sprache einerseits Gesellschaft abbildet, aber andererseits auch Bewusstsein prägt."
Die rot-rot-grüne Landesregierung in Berlin hat sich die sogenannte gendergerechte Sprache zur Aufgabe gemacht. Das zeigt sich etwa im Koalitionsvertrag, in dem durchgehend der Genderstern verwendet wird.
Doch Lela Lähnemann fragt sich, warum diese Zeichen nicht Bestandteil des amtlichen deutschen Regelwerkes sind. Denn streng genommen ist es ein Rechtschreibfehler, wenn man das Gendersternchen oder den Unterstrich benutzt. Und so kam es zu der E-Mail, die Lela Lähnemann an den Rechtschreibrat geschrieben hat – mit der Bitte um Klärung.

Jedenfalls hat der Rechtschreibrat das Thema im Juni vertagt – auf die nächste Sitzung. Und die findet an diesem Freitag in Passau statt. "Die Frage, wie gestalten wir die geschriebene Sprache, die ja auch darstellt, wie Menschen die Welt sehen, ist eine nicht nur in Hochschulen diskutierte Frage, die an den Rat für deutsche Rechtschreibung herangetragen worden ist", sagt der Ratsvorsitzende Josef Lange. "Der Rat für die deutsche Rechtschreibung wurde 2004 gegründet, um nach den Diskussionen über die Rechtschreibreform die Wogen zu glätten. Seine Aufgabe ist es, die Entwicklung der deutschen Sprache zu beobachten, Zweifelsfälle zu klären und Vorschläge für das amtliche Regelwerk zu machen."
"Was im Augenblick passiert, ist eine politische Bewegung einer Pressure-Group, die der deutschen Sprache gefährlich werden kann", findet der Linguist Peter Eisenberg. Mit der Pressure-Group meint er vor allem Akteure der sogenannten Queer-Community, die für die Interessen von Menschen eintreten, die sich nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen.
Sprachwissenschaftler wie Peter Eisenberg argumentieren mit einer grammatischen Kategorie, und zwar dem sogenannten generischen Maskulinum. Das bedeutet, dass die Wortendung eines Substantivs zwar männlich ist – zum Beispiel bei Lehrer oder Bäcker – damit aber kein tatsächliches, also kein natürliches Geschlecht bezeichnet wird.
"Da wird immer gesagt, die Frauen seien mitgemeint. Das ist die völlig falsche, polemische Formulierung. Frauen sind bei 'Bäcker' überhaupt nicht gemeint", erklärt Eisenberg. "Das ist doch der Trick am generischen Maskulinum! Und Männer sind auch nicht gemeint. Sondern: Es sind Personen gemeint, die backen. Genauso bei Dichter und bei Maler. Der Trick ist doch gerade, dass niemand mit seinem Geschlecht gemeint ist. Sondern die reine Person, die rein über ihre Tätigkeit bezeichnet wird, nur die Tätigkeit interessiert."
Insofern eigne sich das generische Maskulinum sogar, um Diskriminierung zu verhindern – weil es eben gar keine Rolle spiele, ob Männer oder Frauen, Schwarze oder Weiße, Schwule, Lesben oder eben Menschen mit einem dritten Geschlecht gemeint seien. Nicht-Diskriminierung durch Nicht-Nennung – das sei die eleganteste und einfachste Form in der deutschen Sprache, sagt Eisenberg.
"Ja, das wird immer von altmodischen Linguisten behauptet", kontert Luise F. Pusch, selbst Linguistin und Mitbegründerin einer feministischen Sprachwissenschaft: "Aber stellen Sie sich vor, bei ‚die Studierenden‘: Das Wort ‚Student‘ kommt aus dem Lateinischen. Das Ursprungswort ist ‚studens‘, das wird mit ‚studierend‘ übersetzt. Studens heißt studierend!" Das seien also Scheinargumente.
Luise Pusch will, dass Frauen in der Sprache gleichberechtigt genannt werden – damit sie im Bewusstsein der Sprecher, Leser, Hörer und Schreiber vorkommen. In den 80er-Jahren machte sie Furore mit ihrem Buch über "Das Deutsche als Männersprache". Über Peter Eisenberg, den Befürworter des generischen Maskulinums, sagt sie: "Wir sind eigentlich fast befreundet."
Das klingt überraschend – immerhin vertreten die beiden absolut gegensätzliche Standpunkte. Doch kennen sie sich seit vielen Jahren. Erst kürzlich saßen sie in Berlin gemeinsam auf einem Podium und stritten miteinander. Er liebt das generische Maskulinum. Sie hält es für ein Relikt patriarchalischer Gesellschaften: "99 Sängerinnen und ein Sänger sind zusammen 100 Sänger. Das ist unsere Grammatikregel", sagt die Linguistin Pusch. "Das bedeutet dann, die Frauen verschwinden einfach. Die Grammatik hilft uns gar nicht. Die ist von Männern für Männer gemacht worden."
Und deshalb sei es doch fair, wenn in den nächsten 200 Jahren erst einmal nur noch weibliche Personenbezeichnungen benutzt würden. Also das generische Femininum: "Wir reden von S tudentinnen und Lehrerinnen und die Lehrer und Studenten sind herzlich mitgemeint. Also das Femininum ist jetzt die neutrale Form."Femininum als neutrale Form?
Luise Pusch fordert das in provokanter Absicht: Es gehe hierbei vor allem um ein "Einfühlungstraining" für die Männer.
Tatsächlich wurde diese Idee mancherorts aufgegriffen. Die Universität Leipzig zum Beispiel hat vor einigen Jahren ihre Grundordnung im generischen Femininum formuliert. Dort heißt es zum Beispiel: "Die Dekanin wird (…) aus dem Kreis der dem Fakultätsrat angehörenden Professorinnen gewählt."
Doch die Linguistin Luise Pusch weiß: Das generische Femininum wird sich in einer breiten Öffentlichkeit wohl kaum durchsetzen.

Doch nicht das Binnen-I hat es nun auf die Tagesordnung des Rechtschreibrates geschafft – sondern der Genderstern, der erst sehr viel später aufkam. Luise Pusch ist damit nicht zufrieden: "Der Genderstern gefällt mir nicht, weil er das Wort zerreißt. An einer Stelle, wo wir Feministinnen es gern zusammenhalten wollen."
Die Befürworter des Gendersterns lehnen hingegen das Binnen-I ab, weil es die klassische Einteilung in männlich und weiblich festschreibt: "Die Beschränkung auf das Binäre - entweder du bist Mann oder du bist Frau – das ist das, woran trans- und intergeschlechtliche Menschen leiden", sagt Lela Lähnemann, die in der Berliner Senatsverwaltung arbeitet und sich eine Öffnung der deutschen Rechtschreibregeln für Gendergap und Genderstern wünscht.
"Und ich finde es sehr schade, dass von mancher feministischen Seite nicht gesehen wird, dass diese Öffnung für weitere Geschlechter auch eine Chance bietet auch für die Frauenemanzipation", so Lähnemann.
Luise Pusch kann diesem Argument nichts abgewinnen: "Das war wahrscheinlich gut gemeint mit dem Genderstern."
Nicht mal gut gemeint, sondern gefährlich: So sieht es der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg. Er kritisiert, dass einzelne Gruppen versuchten, den Sprachgebrauch zu verändern. Er spricht von einem Gewaltakt und der Forderung nach einer Unterwerfungsgeste: "Politische Sprachvorschriften, wie sie der Berliner Senat anstrebt, sind das Kennzeichen autoritärer Regimes. Die haben in einer Demokratie prinzipiell nichts zu suchen. Ich habe eine ganz große Furcht, dass diese rigorose Vertretung partikularer Interessen unserer Gesellschaft schweren Schaden zufügt."

Im Grundsatzprogramm der AfD heißt es, die "Gender-Ideologie" marginalisiere naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Vielen Politikern und Anhängern der AfD ist alles, was mit Gender zu tun hat, ein Dorn im Auge.
So mokierte sich etwa der brandenburgische Landtagsabgeordnete Steffen Königer von der AfD über gendergerechte Sprache, indem er eine Rede hielt, die nur aus Anreden bestand: "Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren, sehr geehrte Schwule, sehr geehrte Lesben, sehr geehrte Androgyne, sehr geehrte Bi-Gender…"
Der Linguist Peter Eisenberg will sich von Vertretern der AfD oder des neurechten Milieus allerdings nicht vereinnahmen lassen. Im Gegenteil. Er spricht von Beifall von der falschen Seite: "Und die AfD hat schon versucht, mich einzufangen. Ich habe denen erklärt, dass ich erstens nicht dasselbe mache wie sie, wenn sie genau hingucken."
Er vertrete völlig andere Positionen, nämlich die der freien Rede, so Eisenberg: "Und ich werde mich als Alt-Linker, Aufgeklärter, Alt-Sozialist, der seine Sprache mit Zähnen und Klauen verteidigt, niemals einer so autoritären Struktur unterwerfen können."
Und die Linguistin Luise Pusch sagt: "Also, wenn die AfD das kritisiert, dann sollten wir eigentlich stolz auf unseren Standpunkt sein, finde ich. Offensichtlich haben wir da einen Nerv getroffen."
Keine Frage: Der Nerv ist getroffen und die Debatte in vollem Gange. Dort, wo viel geschrieben wird, zum Beispiel an den Hochschulen, gibt es Leitfäden für das gendergerechte Formulieren. Der Genderstern ist seit etwa zwei Jahren häufiger zu sehen; das haben Forscher am Institut für deutsche Sprache in Mannheim beobachtet. Das Binnen-I scheint heute seltener benutzt zu werden als noch vor einigen Jahren.
Was aber heißt das nun für das amtliche Regelwerk und zum Beispiel für den Deutschunterricht in der Schule? "Das ist nämlich die Frage, ob es tatsächlich realistisch ist, das Gendersternchen oder das Binnen-I oder andere Formen der geschlechtergerechten oder geschlechterneutralen Rechtschreibung aus den Schulen herauszuhalten", sagt Anatol Stefanowitsch. Er ist Sprachwissenschaftler und Professor am Institut für Englische Philologie an der Freien Universität Berlin.
"In der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler kommen diese Formen ja vor, und zwar mit steigender Tendenz und insofern sind die präsent und müssten deshalb auch in irgendeiner Form behandelt werden", so Stefanowitsch.
Seit Jahren beschäftigt er sich mit geschlechtergerechter Sprache, kürzlich hat er ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: "Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen". Das generische Maskulinum hält er für überholt – die Sprache von heute müsse zur gesellschaftlichen Wirklichkeit passen. Einer Wirklichkeit, in der Frauen, Männer und alle anderen gleichgestellt sind – auch sprachlich.
Zeichen wie das Gendersternchen oder der Unterstrich seien interessante Möglichkeiten, um geschlechtergerecht zu schreiben. Trotzdem sieht er es kritisch, dass der Genderstern nun zum Thema im Rechtschreibrat geworden ist: "Irgendwo haben diese Formen ja auch etwas Anarchisches, und wenn ich die jetzt zu einem Teil der amtlichen Rechtschreibung mache, nehme ich ihnen teilweise auch dieses Anarchische, dieses subversive Potenzial."
Es sei problematisch, "dass jetzt eine dieser Ideologien zur Pflicht gemacht würde, in Schulen oder privilegiert würde im behördlichen Sprachgebrauch, indem die entsprechende Form plötzlich einen amtlichen Segen bekäme."
Auch dieser Aspekt dürfte die 41 Mitglieder des Rechtschreibrates beschäftigen, wenn sie sich zu ihrer turnusmäßigen Sitzung treffen.
Der Vorsitzende Josef Lange will dem Votum des Rates nicht vorgreifen. Doch rät er zur Gelassenheit: "Wenn man weiß, dass im letzten Jahrhundert, im 20. Jahrhundert, sich der Wortschatz der deutschen Sprache um ein Drittel ausgeweitet hat, dann zeigt das, dass die Entwicklung der Sprache längerfristig ist. Und man nicht kurzatmig im Sinne einer Schnappatmung auf jede Änderung, die sich in zwei bis drei Jahren andeutet, mit einer Änderung des Regelwerkes reagieren darf."