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StartseiteForschung aktuellWarum Großbritannien alle Bohrungen stoppt06.11.2019

Erdbebengefahr durch FrackingWarum Großbritannien alle Bohrungen stoppt

Ökologisch, billig, effektiv: Noch 2012 war Boris Johnson glühender Fracking-Anhänger. Doch am vergangenen Samstag stoppte der britische Premierminister vorläufig die Arbeiten am einzigen aktiven Fracking-Standort - denn die ausgelösten Erdbeben könnten zu stark werden.

Dagmar Röhrlich im Gespräch mit Ralf Krauter

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Der einzige aktive Fracking-Standort in Großbritannien befindet sich in Kirkham in Nordengland. Dort bohrt die Firma Cuadrilla Resources Limited bohrt nach Öl und Gas. (imago images / ZUMA Press)
In Kirkham in Nordengland gab es bislang noch einen aktiven Fracking-Standort in Großbritannien. Doch mit den Bohrungen ist es jetzt auch dort vorbei. (imago images / ZUMA Press)
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In der Woche zuvor hatte die mit dem Projekt befasste befasste Regierungsbehörde, die Oil and Gas Authority, einen Bericht veröffentlicht. Das Ergebnis: Das Fracking könnte inakzeptable Konsequenzen für die Menschen haben, die dort leben. Es geht dabei um Risiken wie Grundwasserverschmutzung und durch die durch das Fracking ausgelösten Erdbeben.

Kleinere Erdbeben nur bis zu einem Grenzwert akzeptabel

Beim Fracking wird ein Gemisch von Wasser, Sand und Chemikalien in den Untergrund gepresst, um im Gestein Risse zu erzeugen, die den Weg frei machen für Öl und Gas. Dass dabei kleine Erdbeben auftreten, ist normal. Diese Beben sollen möglichst winzig bleiben, nicht zu spüren sein. Doch in der Realität kam und kommt es immer wieder zu stärkeren Beben, selbst zu solchen, bei denen Gebäude beschädigt werden können. So hat Fracking in Kanada 2016 ein Erdbeben der Stärke 4,8 ausgelöst.

Um so etwas zu verhindern, wird eine Art Ampelsystem eingesetzt. Wenn die Erschütterungen stärker werden als ein zuvor festgesetzter Grenzwert, werden die Arbeiten unterbrochen, damit die Erde erst einmal zur Ruhe kommen kann. In Großbritannien liegt dieser Grenzwert bei einer Magnitude von 0,5.

In Nordengland mehrfach Grenzwerte überschritten

2011 hatte die Firma Cuadrilla Resources Limited dort das erste Mal gefrackt und dadurch wurden Beben mit Magnituden 1,5 und 2,3 ausgelöst. Die sind zwar immer noch harmlos, doch die Arbeiten wurden abgebrochen. Und auch bei dem neuen Versuch in 2018 wurde der Grenzwert überschritten – insgesamt sechsmal. Unter anderem ereignete sich im August ein Erdbeben der Stärke 2,9, sodass die Arbeiten wieder ausgesetzt wurden. Cuadrilla soll sich dann darum bemüht haben, dass die britische Regierung den Grenzwert lockert - in den USA liegt er meist bei 2.0.

Beben der Magnitude 3,5 bis 4,5 möglich

Die Auswertung der Daten ergab, dass eine bis dato unbekannte Störung durch den Untergrund verläuft. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn der Untergrund wird überall von zahllosen, meist unbekannten Störungen durchzogen. Die von der Oil and Gas Authority in Auftrag gegebenen Gutachten ergaben, dass das Fracking in dieser Region so starke Erdbeben auslösen könnte, dass Gebäudeschäden nicht ausgeschlossen werden können. Eine Studie geht davon aus, dass Beben der Magnitude 3,5 möglich sind, eine andere geht bis 4,5: Allerdings sei das eine unwahrscheinliche Entwicklung, heißt es.

Fracking soll bei Beweis der Unbedenklichkeit weitergehen

Durch das Moratorium werden zwar vorläufig keine Genehmigungen für Fracking-Projekte mehr erteilt. Die britische Energieministerin Andrea Leadsom betont aber immer noch das "riesige Potenzial" des Frackings. Es soll aber nur weitergehen, wenn es "überzeugende Beweise" für die Unbedenklichkeit gebe. Kritiker von Boris Johnson und seiner Regierung halten seinen Schritt ohnehin für ein Wahlkampfmanöver, denn er hat sich davor immer fürs Fracking stark gemacht.

Industrie könnte den Aufwand als unangemessen einschätzen

In Schottland sind Fracking-Aktivitäten bereits 2013 gestoppt worden – und die schottische Regierung scheint daran auch nichts ändern zu wollen. In Wales gilt seit 2015 ein Moratorium. Auch Nordirland ist dagegen. Weil es nun in Nordengland innerhalb von zehn Jahren zwei Moratorien gab, könnte es durchaus sein, dass die Industrie sich fragt, ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohnt. Denn während ein Gutachten des Britischen Geologischen Dienstes 2013 zu dem Schluss kam, dass in den Gesteinsschichten unterm UK genügend Schiefergas liegt, um das Land – beim heutigen Verbrauch – 50 Jahre lang mit Gas zu versorgen, kamen Geologen der University of Nottingham zu einem anderen Ergebnis. Die hatten zur Abschätzung ein neues Verfahren angewandt, und danach würde das Schiefergas nur für fünf bis sieben Jahre reichen.

Fracking-Verbot in Deutschland

In Deutschland ist das Fracking zum Fördern von Schiefergas bis auf weiteres verboten. Nach den Befunden aus Großbritannien eine kluge Entscheidung. Es laufen derzeit lediglich vier Erprobungsmaßnahmen zu Forschungszwecken. Sie sollen die Daten liefern, damit die Entscheidung über ein Verbot zum 31.12.2021 aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen überprüft werden kann.

Boris Johnsons Plädoyer für Fracking im Telefgraph 2012

Interim report of the scientific analysis of data gathered from Cuadrilla’s operations at Preston New Road

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