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StartseiteEine WeltErdöl und Sardinen14.09.2013

Erdöl und Sardinen

Tansania und Malawi streiten sich um den Malawisee

Der Lake Malawi, Afrikas drittgrößter See, bildet die Grenze zwischen Malawi und Tansania. Bislang galt er als malawisches Territorium. Dass Tansania die Grenze jetzt neu ziehen will, hat mit Öl zu tun – und mit Helgoland.

Von Benno Müchler

Will den Grenzstreit mit Tansania nach Den Haag bringen: Malawis Präsidentin Joyce Banda (picture alliance / dpa / Jock Fistick)
Will den Grenzstreit mit Tansania nach Den Haag bringen: Malawis Präsidentin Joyce Banda (picture alliance / dpa / Jock Fistick)

Es geht auf einem Gepäckträger ins Dorf Chakwera. Im Norden Malawis an der Grenze zu Tansania ist das Fahrrad das Transportmittel der Wahl. Jeromy Chakwera sitzt auf einer wackeligen Holzbank im Schatten unter einem großen Mangobaum. Seine Hände sind lehmig. Er hat eben Ziegel geformt. Was vor drei Monaten passierte, regt ihn immer noch auf.

"Seitdem unsere Väter und Großväter hier leben, ist so etwas noch nie geschehen. Man hat unsere Jungs in Kyela eingesperrt. Wir mussten verhandeln, um sie wieder frei zu kriegen."

Der Dorfvorsitzende weist ein paar hundert Meter weiter die Schotterstraße hinunter. Die führt zum Malawi-See. Christopher Kumwenda sitzt vor dem Haus seiner Eltern. Seine Mutter flicht aus Strohhalmen einen Korb. Seine jüngeren Geschwister spielen mit Hundewelpen im Staub. Kumwenda ist einer von acht Fischern, die vor einem Vierteljahr von tansanischen Beamten verhaftet worden waren.

""Wir sind wieder einmal ausgefahren. Plötzlich kam Wind auf. Die Wellen haben uns abgetrieben. Wir versuchten gegenzusteuern, aber dann ging uns der Sprit aus. Wir wurden ans tansanische Ufer getrieben und sahen dort viele Männer. Keine Ahnung, ob das Sicherheitsleute der tansanischen Regierung waren. Sie waren bewaffnet. Und als sie auf uns zukamen, rannten wir davon. Sie haben einige von uns verhaftetet. Andere haben es geschafft, erst mal zu entwischen."

Letztlich entkommt aber nur Kumwenda. Alle anderen wurden festgenommen, weil sie auf Territorium gefischt hätten, das Tansania seit einem Jahr als sein Staatsgebiet bezeichnet. Dort werden die Fischer verdächtigt, aus dem Nachbarland Malawi geschickt worden zu sein, um Tansania zu provozieren.

Dem glücklich entkommenen Fischer Kumwenda ist dieser Streit um den See eigentlich egal. Er wirft seine Netze unbeeindruckt weiterhin so aus wie vorher. Sein Vater allerdings zweifelt keinen Augenblick, wer im Recht ist und wer nicht.

"Der Malawisee gehört Malawi. Davon bin ich überzeugt. Seit meiner Jugend habe ich im See gefischt. Mein Sohn hatte Pech, dass ihm das Benzin ausging."

Der Streit um den Malawisee hat eine lange Vorgeschichte, in die sogar das deutsche Kaiserreich verwickelt ist. Das Stichwort lautet: deutsch-britischer Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890. Er legte unter anderem fest, dass der gesamte See zum heutigen Malawi gehört. Während die beiden ersten Staatspräsidenten Malawis und Tansanias dies vor über fünfzig Jahren noch anerkannten, erhob der amtierende tansanische Staatspräsident Jakaya Kikwete vergangenes Jahr neue Ansprüche auf den See und bezeichnete die alte Grenzziehung als unfair.

Aktueller Auslöser des aufflammenden Streits sind vermutlich Erdöl-Vorkommen im östlichen Teil des Sees nahe Tansania. Ende 2011 begann allerdings das bettelarme, ressourcenschwache Malawi damit, diese Vorkommen zu erkunden. Tansania seinerseits beruft sich heute auf internationale Seerechte und will einen neuen Grenzverlauf durch den See. Und dann würde das Öl Tansania gehören. Henry Chingaipe leitet das Institute for Policy Research and Social Empowerment, ein unabhängiges, malawisches Institut für Politikforschung. Und gibt sich erstaunt:

"Es ist wirklich verwunderlich, warum dieses Thema vor Kurzem wieder belebt worden ist, obwohl es doch eigentlich langfristig gelöst zu sein schien. Ich weiß nicht, was Tansania dazu bewogen hat."

Bislang hat Tansania seine Ansprüche noch nicht begründet. Entsprechende Anfragen an die einschlägigen Behörden sind bislang unbeantwortet geblieben. Außer den Erdöl-Feldern kämen auch noch andere Gründe in Betracht: etwa die Sorge um die Qualität des Trinkwassers und der Erhalt der Fischgründe, aber auch Stimmungsmache im Vorfeld der tansanischen Kommunalwahlen im nächsten Jahr. Doch auch die amtlichen Stellen in Malawi halten sich bedeckt: Informationsminister, Moses Kunkuyu, verweist lediglich auf die Kommission der Staatengemeinschaft des Südlichen Afrika, SADC. Sie soll in offiziellem Auftrag eine Lösung in diesem Streit finden und ihren Bericht bis Ende September vorlegen. Bliebe selbst dieser Schlichtungsversuch erfolglos, plane man, den Grenzstreit dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorzulegen, kündigte Malawis Präsidentin Joyce Banda schon jetzt an.

Am Grenzübergang in Songwe hoffen die Menschen vor allem auf eine friedliche Lösung. Denn Politiker auf beiden Seiten haben schon laut über eine militärische Lösung nachgedacht. Rebecca Kaumba sind gerade frische Sardinen und Buntbarsche geliefert worden, die sie vor sich auf dem Boden in zwei Blechschalen ausgebreitet hat und nun zum Verkauf anbietet. In Afrikas drittgrößtem See werden knapp 170.000 Tonnen Fisch vermutet. Er ist damit die Einkommensgrundlage für weit über eine halbe Million Menschen an seinen Ufern. "Wenn das Problem ungelöst bleibt", fürchtet Rebecca Kaumba, "verlieren wir unsere wichtigste Einnahmequelle." Neben ihr betreibt der 27-jährige Ian Mukhondia einen Kiosk. Auch er ist skeptisch:

"Ich finde, wir Malawier sind bei dem Streit im Unrecht. Wir sind solange gut miteinander ausgekommen. Wir haben Geschäfte gemacht, wir konnten die Grenze ohne Visa passieren. Wir haben uns als ein Volk verstanden. Mit diesem Streit setzen wir das alles aufs Spiel."

Ein ranghoher, malawischer Beamter am Grenzübergang, ist ähnlicher Ansicht, will aber anonym bleiben. Malawi, meint er, sollte die Ölbohrungen besser bleiben lassen. Denn sie würden sowohl die Wasserqualität, die Fischbestände als auch die Beziehungen zu Tansania ziemlich beeinträchtigen. Und deshalb sei eine Zukunft ohne Erdöl sicherlich von weitaus größerem Nutzen.

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