Donnerstag, 09. Dezember 2021

Erdogans Leben als Graphic NovelDündar: "Die Macht hat ihn vergiftet"

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan als Schüler, als Fußballer, Student und politischer Führer. Der türkische Journalist Can Dündar erzählt in einer Graphic Novel das Leben des Machthabers. "Sein finales Ziel ist nicht die Demokratie", sagte der in Berlin lebende Autor im Dlf.

Can Dündar im Gespräch mit Susanne Luerweg | 25.10.2021

Can Dündar blickt lächelnd in Richtung des Betrachters.
Der türkische Journalist Can Dündar hat eine Graphic Novel über seinen ärgsten Feind geschrieben - "Erdogan" (imago / epd / Jürgen Blume)
Can Dündar lebt seit 2016 im Berliner Exil. Er musste aus der Türkei fliehen, weil Erdogan ihn und seine Arbeit als Chefredakteur der Zeitung "CumHuriyet" bedrohte. Seit vielen Jahren kritisiert er die Politik der Türkei, prangert die Missstände an. In der Graphic Novel "Erdogan" erzählt er nun das Leben Erdogans. Mehr als drei Jahre hat er zusammen mit dem Zeichner Mohamad Anwar an dem Werk gearbeitet und hat alle Fakten mehrfach geprüft.

Aggressionen und Ängste

Die aktuelle Eskalation, die Drohung Erdogans, Botschafter auszuweisen, weil sie sich gegen die Inhaftierung des türkischen Kunstmäzens Osman Kavala ausgesprochen haben, überrascht Dündar nicht. "Das ist für uns Normalität geworden, wir konnten uns ja jetzt in 20 Jahren an ihn als Präsidenten, an seine Aggressionen gewöhnen. Und ein Glück, merkt der Rest der Welt nun auch langsam, was für ein Präsident er ist."
Die Arbeit an der Graphic Novel sei hart und schmerzhaft für ihn gewesen, so Dündar, denn "ich beschäftige mich mit einer Person, die mein Leben zerstört hat, mein Land zerstört hat." Dennoch ist es ihm wichtig, objektiv zu bleiben, der Welt zu zeigen, welche Pläne Erdogan schon früh in seiner Karriere verfolgte. "Ich glaube, dass er noch nie ein Demokrat war. Er ist als Islamist aufgewachsen, er glaubt an diese Ideologie", so Dündar.

Produkt der westlichen Welt

Erdogan habe es immer gut verstanden, seine wahren Ziele zu verschleiern, besonders im Westen moderat aufzutreten. "Auf gewisse Art ist er ja auch ein Resultat der westlichen Welt. Am Anfang hat er ja alle denken lassen, dass er ein gemäßigter Muslim ist. Einer, der gut mit dem Westen zusammenarbeiten kann. Viele türkische Liberale haben das auch geglaubt. Aber das ist natürlich nicht wahr."
Langsam, aber sicher, realisiere jeder, dass Erdogan alles tun würde, um seine Macht zu erhalten. "Er spielt dieses Spiel sehr gut. Er weiß, wie er sich verhalten muss, um zu bekommen, was er will. Er hat keine Skrupel, sich als Demokraten darzustellen, für ihn ist Demokratie der Weg, um seine ganz eigenen politischen Ziele zu erreichen, auch wenn sein finales Ziel nicht die Demokratie ist."

Objektiv und faktenbasiert

Dündar erzählt in der Graphic Novel auch von Erdogans harter Kindheit, dem strengen Vater, der ihn genauso geschlagen hat wie später die religiösen Lehrer. Die Angst, Mitleid oder gar Verständnis mit Erdogan bei den Leserinnen und Lesern zu wecken, nimmt er in Kauf. "Ja, es ist natürlich möglich, dass Leute Mitleid mit ihm haben könnten, dass sie ihn als Opfer sehen könnten. Als Journalist muss ich diese Aspekte seines Lebens aber abbilden, ich kann mich davor nicht verstecken, ich muss da objektiv bleiben."
Autor: Can Dündar, Zeichnungen: Mohamed Anwar
Correctiv Verlag, Essen 2021
320 Seiten, 25 Euro