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StartseiteSonntagsspaziergangErfüllte Träume30.01.2011

Erfüllte Träume

Das Ökodorf Sieben Linden in der Altmark

Früher wurde sie die "Wiege Preußens" genannt: Die Altmark im Norden Sachsen-Anhalts, das einstige Kernland von Brandenburg. Inmitten einer Vielzahl teils naturbelassener Landschaften hat sich eine ganz besondere Dorfgemeinschaft gegründet: Das Ökodorf Sieben Linden.

Von Kirsten Pape

"Solidarische lokale Ökonomie": Für einen einheitlichen Tagessatz kann sich jeder die benötigten Nahrungsmittel aus den Lagerräumen holen. (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)
"Solidarische lokale Ökonomie": Für einen einheitlichen Tagessatz kann sich jeder die benötigten Nahrungsmittel aus den Lagerräumen holen. (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)
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"Ich leb' hier weil es immer ein Traum von mir war so zu leben, ... in 'nem selbst organisierten Zusammenhang, wo Leben und Arbeiten an einem Ort ist, der irgendwie ne politische Ausstrahlung hat, das war mein Traum und den hab ich mir erfüllt."

"Wir sind Teil ..eines Netzwerkes von Menschen, die die Welt auf eine Art verändern wollen, und da sind wir nicht alleine. Wir machen das auf unsere Art dass wir sagen wir wollen ein ganzheitliches ökologisches Leben führen, wir sind aber mit ganz vielen Projekten vernetzt die das auf ihre Art tun, wir wissen voneinander, das gibt mir einfach Hoffnung, das das doch möglich ist, weil es schon auch ganz viele Momente gibt, wo ich die Hoffnung ein bisschen verliere."

Knapp hundert Menschen , Bewohner und Besucher, singen mit zum Auftakt des jährlichen Kulturfestivals im Ökodorf Sieben Linden. Es ist bitterkalt im großen Veranstaltungszelt auf dem sogenannten "Dorfplatz", – und deswegen hockt man gemeinschaftlich unter dicken Wolldecken. Für die Gäste eher ungewöhnlich, für die Sieben Lindener ganz normal – es ist die ökologischste Art, sich zu wärmen.

Diesmal ist das Festival der Stille gewidmet – und damit einer Qualität, die zwar alle zu schätzen wissen, die aber manchmal auf der Strecke zu bleiben droht im Alltag der umtriebigen Aktivisten.

Einer von ihnen ist Jörg Zimmermann, Miterbauer des ökologischen Vorzeigehauses "Club 99".

"Wir stehen jetzt hier vor unserem ersten Haus, es ist das erste überhaupt in Deutschland genehmigte Strohballenwohnhaus, was wir komplett von Hand und ohne Maschinen und mit viel ehrenamtlicher Hilfe von Menschen ,das Haus haben wir in dreieinhalb Jahren aufgebaut und nur recycelte Materialien und Materialien aus der Gegend verwendet."
Woran wir uns orientieren ist diese Studie aus den 90er-Jahren von BUND und Misereor zukunftsfähiges Deutschland . Die haben geschrieben dass wir Bundesdeutsche unseren Konsum, unseren Ressourcenverbrauch um 90 Prozent reduzieren müssten wenn für alle auf der Welt der gleiche Wohlstand da sein sollte.""

Wer nach Sieben Linden zieht, tut das mit dem Ziel, sich selbst und seine Fähigkeiten in den weiteren Aus- und Aufbau des Dorfes einzubringen.
125 Bewohner hat das Ökodorf zur Zeit, 300 Menschen sollen es mal werden, die in der ostdeutschen Altmark in nach strengsten ökologischen Kriterien selbst gebauten Häusern leben und arbeiten. Durch Zukauf von Land und Wald ist das Projekt von einst 25 auf mittlerweile 81,5 ha angewachsen – mit eigenem Seminar- und Gästebetrieb, Waldkindergarten, und Netzwerkzentrale für Ökodörfer auf der ganzen Welt .

Ihre profunden Kenntnisse über den Bau von Niedrigenergiehäusern mit Strohballen, Holz und Lehm vermitteln die Sieben Lindener sogar in Seminaren über den von ihnen gegründeten Fachverband Strohballenbau. Gabi Bott führt gerne Besucher über den Platz:

"Jetzt stehen wir hier am alten Weiher, das ist einer unserer heiligen Plätze, die wir hier haben in Sieben Linden....das ist ..so der Platz der alten Weisheit, der ganz viel Ruhe ausstrahlt, der alte Weiher , ein Platz wo man herkommt um Jahreszeitenrituale die wir ja hier abhalten in der Gemeinschaft zu feiern oder auch mal sich zu zurückzuziehen"

Bislang stehen acht Häuser auf dem Gelände, das eine wahre Pracht bietet an Gärten, Pflanzen, Bäumen und Wiesen- und Rückzugsflächen. Der Platz wirkt friedlich. Immer wieder gibt es bei einem Spaziergang, der lange dauern, kann, etwas zu staunen und zu bewundern. Den kleinen Tierfriedhof zum Beispiel, den die fast 40 Kinder im Ökodorf selbst angelegt haben für tote Mäuse oder Vögel, die sie im Wald gefunden haben. Kunstvoll selbst geschnitzte Holzbänke, Skulpturen, Bronzeplatten mit spirituellen Botschaften oder das sehr einladende "Globolo":

"Das Globolo ist ein runder Platz mit einem Wandelgang aus Robinien ..und auf dem Platz stehen ein paar Jurten und der Platz ist der Gemeinschaft, der Gastfreundschaft , der Stille und der Heiterkeit gewidmet.Die Jurten stehen im Sommer hier, im Winter werden sie abgebaut weil die nicht gedämmt sind, die haben jeweils eine Feuerstelle in der Mitte, und da treffen wir uns zum Meditieren, Mantrensingen, Zusammensein ..."

Der nächste Ort, Poppau, ist 3km vom Ökodorf entfernt. "In Poppau steht ein alter Stein. Hier soll der Erde Mitte sein", heisst es auf einer Anzeigetafel. Von Poppau aus fährt ein Bus alle zwei Stunden 30 km zum nächsten Regionalbahnhof in Salzwedel oder Oebisfelde, bis Wolfsburg zum ICE-Anschluss sind es 50 Km. Dennoch gibt es nur wenige Autos, die gemeinschaftlich geteilt und möglichst nicht benutzt werden.

"Wir sind ja hier das am dünnsten besiedeltste Gebiet Deutschlands, wenn man mit dem Navigationsgerät kommt, sagt der vorne an der Ecke : Sie verlassen jetzt das digitalisierte Gebiet. Trotzdem hab ich das Gefühl wir sind der Mittelpunkt der Welt, weil wir so viele schöne Gäste kriegen, die ganz weite Wege machen, vor allem für den Ecovillage Design Kurs, die kommen aus Australien bis Südafrika, Norwegen bis Peru."

Nicht nur der an Lungenkrebs erkrankte Wolf Müller ist stolz auf das von ihm mit aufgebaute Ökodorf. Sieben Linden ist Teil eines weltumspannenden Netzwerks ähnlicher Projekte und Gemeinschaften, die neue Wege gehen im Umgang mit den natürlichen Ressourcen – und mit sich selbst. Gabi Bott lebt seit zehn Jahren wie viele andere auch selbst gewählt in einem der zahlreichen Bauwagen auf dem Dorfgelände. Die sind – neben einem Mietshaus namens "Strohpolis" das Zuhause all derer, die noch nicht bauen wollen oder das auch gar nicht vorhaben.

"Es gab von Anfang an die Idee wir sind das Dach, Ökodorf Sieben Linden, und unter diesem Dach gibt es verschiede Gruppen, Nachbarschaften, Lebensgemeinschaften ... Tatsache ist, dass es Menschen gibt die sich zusammen finden, weil sie eine ähnliche Werthaltung sich selbst oder dem Leben gegenüber haben und die miteinander teilen, ... sei es jetzt Thema Heilung, generationenübergreifendes Wohnen, ohne Strom zu leben oder einfach nur gemeinsam ein Haus zu planen, zu bauen, drin zu wohnen und den Alltag zu teilen, also es gibt da ganz viele Varianten.

Das Dorf verfügt über einen geschlossenen Wasserkreislauf: Auf dem ungeteerten Gelände stehen zwei Brunnen, deren Wasser in einer Filteranlage gereinigt und ins eigene Trinkwassernetz eingespeist wird. Danach wird es in eine Pflanzenkläranlage geleitet, dort wieder gereinigt und zur Bewässerung der großen Gärten genutzt, in denen die Ökodörfler ihr Gemüse und Obst anbauen. Ihren Energiebedarf für das Heizen der Häuser und Bauwagen haben die Sieben Lindener durch die gute Dämmung im Vergleich zum Bundesdurchschnitt um ein Drittel reduziert. Geheizt wird mit Holz, Sonne und Erdwärme. Das Brennholz kommt zum großen Teil aus dem eigenen Wald.

Insgesamt verbrauchen die Ökodörfler nach einer Studie der Universität Kassel durch ihre Art zu leben nur etwas mehr als ein Viertel an Energie, Wasser und Fläche als der Durchschnittsbürger in Deutschland.

Ihr Engagement zeigt Wirkung. Zum monatlichen Sonntagscafe kommen jedes mal zahlreiche Besucher aus der Region um die alten Hansestädte Salzwedel und Gardelegen . Die zahlreichen Seminare für interessierte Gäste, Mitarbeits- und, unter anderem, sogenannte "Einmachwochen", in denen die Sieben Lindener das viele Obst der alten sachsen-anhaltinischen Alleen in ihrem Umkreis pflücken und verarbeiten, sind gut gebucht. Nicht nur Klaus Heitmann, einen Bauunternehmer aus dem Nachbardorf Poppau konnten die Sieben Lindener von ihrer Art zu bauen – und miteinander zu leben, überzeugen.

""Draußen geht es nur über die Preisspirale. Geiz ist geil ist draußen. Vom Bauablauf her, vom miteinander Bauen ist es hier entspannter, netter, und hier ist man nie einsam. Man kann sich zurückziehen, und man kann halt auch sagen ich fühl mich einsam. Ich brauch jemand zum Erzählen. Was man ja auf dem Dorf vielleicht noch hat, in der Stadt kaum. Da muss man immer Wege in Kauf nehmen, hier nicht. "

Ihre ökonomische Grundlage beschreiben die Sieben Lindener gerne als "solidarische lokale Ökonomie". Das Land gehört allen. Der Grundbesitz und die Infrastruktur werden in Form der "Siedlungsgenossenschaft Ökodorf eG" von allen gemeinsam finanziert.

Es gibt eine gemeinschaftliche Versorgung. Für einen einheitlichen Tagessatz von 5 Euro 80 pro Tag, den man anwesend ist, kann sich jeder die benötigten Nahrungsmittel aus den Lagerräumen holen beziehungsweise im Gemeinschaftshaus drei mal am Tag frisch zubereitete Biomahlzeiten genießen. Das Essen der derzeit fast 40 Kinder, die im Ökodorf leben, wird aus dieser Kasse von allen solidarisch mit finanziert. Auch sämtliche biologischen Wasch, Körperpflege – und Reinigungsmittel sind über diese Haushaltskasse abgedeckt. Eva Sützl ist im Ökodorf für die Finanzen zuständig:

"In dem Ursprungskonzept ist der Gedanke drin, wir brauchen überhaupt kein Geld, wir steigen hier aus, wir entziehen dem Kapitalismus den Boden...das ist in der Realität nicht so...Wir entziehen dem Gedanken den Boden es ist wichtig viel Geld zu verdienen und sich darüber zu definieren. Wir zeigen man kann auch mit wenig Geld glücklich sein. Mein Ziel wäre nicht mehr ganz auszusteigen. Mein Ziel wäre schon wenn alles zusammenkracht sind wir auf einer Ebene wo wir miteinander können...finden wir andere Wege unser Leben zu organisieren, also Selbstversorgung usw., also dass wir nicht abhängig von dem Geldsystem werden."

Grundsätzlich ist in Sieben Linden jeder für die Finanzierung seines oder ihres Lebensunterhalts selbst verantwortlich. Im Dorf gibt es zahlreiche Verdienstmöglichkeiten als Angestellter oder Selbstständiger - unter anderem im Büro, im Seminarbetrieb, dem riesigen Garten, aus dem 70 Prozent des Dorfbedarfs an Gemüse und Obst und Kräutern gedeckt werden, oder dem eigenen Lebensmittelladen, der Naturkost vom Feinsten anbietet.

Corinna Felkel hat in ihrem alten Job in einer Verwaltung eine Beförderung abgelehnt. Kurz danach beschloss sie, ins Ökodorf zu ziehen.

"Ich hab die Erfahrung gemacht, egal wie viel ich verdient habe, ich hatte immer die gleichen Ausgaben und daran hab ich auch gemerkt, dass die Dinge die mir wirklich wichtig sind, dass die gar kein Geld kosten: Zwischenmenschliche Beziehungen, Erlebnisse in der Natur. Die meisten von uns sind ja mit dem bundesdeutschen Auge geguckt verarmt, wir leben unter dem Mindesteinkommen, 7,800 Euro. Ich zeig damit dass wir eigentlich arm sind aber wenn du hier rumfragst , wird's keinen einzigen Menschen geben, der auf der Ebene sagen würde ich fühl mich arm und das find ich schon mal sehr wichtig, zu sehen dass das nichts mit dem Geld zu tun hat ob ich mich arm oder reich fühle ."

Sogenannte "Achtsame Kommunikation" zählt zu den Grundtugenden im Ökodorf. In einem nicht immer leichten Prozess hat die Gemeinschaft gelernt: Wer vertrauensvoll und offen miteinander leben will, muss bereit sein, sich zu öffnen, er oder sie muss zuhören und Feedback geben können. Dazu benutzen die Sieben Lindener unter anderem gewaltfreie Kommunikation und begleiten und unterstützen sich bei Konflikten mit einem Coach.

Der 19 Jahre alten Corrie Eicher aus Siegen gefällt diese doch recht andere Art, miteinander umzugehen, als im "normalen Leben draußen". Sie macht in Sieben Linden zusammen mit neun anderen Jugendlichen ein freiwilliges ökologisches Jahr :

"Das kann man wirklich sagen zum Umgang der Menschen, wirklich sehr liebevoll. Ich kenn hier kaum so was wie Stress, die meisten Menschen sind ziemlich gelassen und haben wirklich ne tolle Lebenseinstellung."

Egal wen man fragt im Ökodorf - ihre ganz besondere Art des Umgangs miteinander ist für alle der tragende Pfeiler ihrer Gemeinschaft. Natürlich leidet jeder immer mal wieder unter der vielen Arbeit, dem Gruppendruck, den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie im richtigen Leben. Doch der gemeinsam in langen Prozessen erarbeitete Zusammenhalt macht das Leben in Sieben Linden für alle zu etwas ganz Besonderem.

"Also ein Wir-Gefühl gibt es, in allen Unterschiedlichkeiten und Reibereien gibt es so ein Verbundenheitsgefühl. ..fühlen wir uns alle mit diesem Ökodorf und diesem Projekt was wir hier machen wollen, identifiziert und auch mit der Gruppe."

Im Ökodorf werden Kinder geboren, möglichst zuhause - und in einem der vielen Rituale, die die Gemeinschaft und ihr Chor feiern, begrüßt.
Und es wird gestorben - auch das ein Akt, den die Sieben Lindener mit viel Mitgefühl und Akzeptanz begleiten. Der 67jährige Wolf Müller ist an Lungenkrebs erkrankt. Er wird von allen liebevoll betreut und wünscht sich :

"Wenn´s so weit ist, in einem Tag, einem Monat, einem Jahr, in fünf Jahren, whenever es soweit ist, dass ich im Kreis sitze ... und atme mit denen..und ich hör dann auf zu atmen und ihr atmet dann weiter durch. Und das muss total nüchtern sein, mit Leichtigkeit, das wünsch ich mir und ich bin ganz fest davon überzeugt, dass das dann eintritt."

Sie wollen nicht gegen etwas sein, sondern ganz bewusst für eine andere Welt, ein anderes Miteinander arbeiten. Das ist das Credo der Öko-Dorfbewohner. Sich selbst sehen sie als ein Modell dafür, dass und wie man auch anders miteinander und mit der Erde umgehen kann.

"Wir sind da an was ganz Wichtigem dran, weil wir inspirieren die Menschen die hierherkommen, das ist die Ebene, wo sich wirklich was bewegen kann. Aber sowie ich dann rausgehe, ich bin hier in der Regionalinitiative aktiv, dann wird das schon so viel schwieriger die Menschen zu erreichen, wo ich sie auch so gut verstehen kann ... in ihrer Angst um Arbeitsplätze, oder ... dem Alltag in dem sie stecken, und da dran die Brücke zu schlagen das ist so schwierig ...

Weil ich will ihnen ja nix aufdrücken oder ihnen allen sagen ihr müsst es jetzt so machen wie wir. Aber ich würde so gerne in den Menschen das Gefühl regen, dass wir was verändern können und das wir die Träume die wir haben von einem besseren Leben für uns und unsere Kinder das wir die umsetzen können, auch wenn ... uns immer weisgemacht werden soll dass es so weitergehen muss wie bisher. "


Mehr zum Thema:
www.siebenlinden.de

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