Samstag, 04. Dezember 2021

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Ergebnisse des Banken-Stresstests"Die Banken haben alle ihre Hausaufgaben gemacht"

Die Ergebnisse des europaweiten Banken-Stresstests werden nach Einschätzung von Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon Fortschritte bei den Geldhäusern zeigen. "Die Institute sind insgesamt widerstandsfähiger geworden", sagte Fahrenschon im Deutschlandfunk. Kritik übte er an den Kriterien des Stresstests, der Probleme der Branche in Italien möglicherweise zu wenig berücksichtige.

Georg Fahrenschon im Gespräch mit Christoph Heinemann | 29.07.2016

Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.
Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. (Imago / Sepp Spiegl)
Christoph Heinemann: Staatsknete für Banken? Tempi passati! Die Institute und ihre Eigentümer sollten künftig zur Kasse gebeten werden, wenn Geldhäuser in Schwierigkeiten geraten würden, das war eine Lehre aus der weltweiten Finanzkrise von 2008 und nach der nach wie vor bestehenden griechischen Schuldenkrise. So weit die Theorie! In der Praxis richtet sich der Blick gegenwärtig neben den Folgen auch auf Italien. Auf 360 Milliarden Euro, das ist mehr als ein Jahresbundeshaushalt, werden die so bezeichneten faulen Kredite beziffert, geliehenes Geld, das nicht zurückgezahlt werden kann. Insbesondere die älteste Bank der Welt Monte dei Paschi di Siena sitzt auf dem Trockenen. Bankenpleiten haben die unangenehme Wirkung drohender Domino-Effekte. Das wissen auch die Fachleute der EBA. Diese europäische Bankenaufsichtsbehörde stellt heute Abend das Ergebnis des jüngsten Fitness- oder Stresstests für die Geldinstitute, die großen in Europa, vor und dann wissen wir, wie robust die sind, die europäischen Banken, im Falle einer neuen Finanzkrise.
Und am Telefon ist Georg Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, guten Morgen!
Georg Fahrenschon: Grüß Gott, guten Morgen!
Heinemann: Herr Fahrenschon, Sie stammen aus Bayern, dort gibt es heute Zeugnisse. Und bleiben wir in diesem Bilde, wir haben gerade gehört, es soll keiner durchfallen, aber sind einige Banken versetzungsgefährdet?
Fahrenschon: Also, ich glaube, alle haben gut gearbeitet, das ganze Jahr durch. Wenn man im Schulbeispiel bleibt, jetzt sogar zwei Jahre lang. Die Institute sind insgesamt widerstandsfähiger geworden, das heißt, sie haben alle ihre Hausaufgaben gemacht. Und ich bin der festen Überzeugung, das wird sich auch in den Ergebnissen des Stresstests niederschlagen. Natürlich wird man Unterschiede sehen, das ist auch notwendig, um auch Schwachstellen aufzuspüren. Aber – und das ist der Unterschied zum Zeugnis am Ende des Schuljahres – so ein Stresstestergebnis ist nur ein Baustein im Gesamtbild, das sich die Aufsicht macht. Man sollte es also nicht überbewerten.
Heinemann: Welche Schwachstellen meinen Sie?
Fahrenschon: Ja, wir sehen natürlich schon, dass die Banken in ganz Europa unterschiedlich schnell vorangekommen sind und auch vorangehen, Risiken in den eigenen Bankbilanzen abzubauen, sich durch Kapitaleinlage wirklich zu stärken oder vor allen Dingen auch Gewinne, die erwirtschaftet werden, in der Bank zu belassen, um darüber auch eine höhere Eigenkapitalbasis zu schaffen. Da unterscheiden sich die Banken in ganz Europa. Die deutschen sind da meines Erachtens durchaus vorbildhaft, weil sie das Signal verstanden haben und jetzt von einer deutlich höheren Eigenkapitalbasis und deutlich Risiko-averser, also -minimierender im Markt unterwegs sind.
Heinemann: Gilt das auch für Probleminstitute wie die Deutsche Bank?
Fahrenschon: Auch die Deutsche Bank kommt vorwärts. Man liest ja, dass sie sich sehr viel mit der eigenen Aufstellung auseinandersetzt. Das kann natürlich der Sparkassenverbandspräsident als Schlechtester kommentieren, da eigne ich mich nicht als Kronzeuge.
Heinemann: Gut. Jetzt schauen wir uns mal die Aufgabenstellung an. Das Szenario, das zugrunde liegt diesem Stresstest, heißt Wachstumseinbruch, aber mit steigenden Zinsen. Aus den Niederungen des Studios gesehen sind wachsende Zinsen weit und breit nicht in Sicht. Ist das Ergebnis des Stresstests Datenmüll?
Fahrenschon: Also, wenn man genau hinsieht, da haben Sie recht, gibt es ein paar Auffälligkeiten, die Fragen lostreten. Es ist zum Beispiel auffallend, dass man irgendwie Italien mehr Möglichkeiten zubilligt als der deutschen Wirtschaft, das ist überraschend, Deutschland soll sich mit einem wirtschaftlichen Einbruch von mehr als drei Prozent in zwei Jahren hintereinander auseinandersetzen, während Italien ganz ordentlich auf der Nulllinie bleibt. Da hat man irgendwie den Eindruck, dass da eine Optimierung auch durchgeführt wurde. Deshalb wäre uns wichtig: Wir brauchen bei dieser Art von Prüfung ein klares methodisches Grundgerüst. Das hätte einerseits den Vorteil, dass die Automatismen und auch die Erhebung zu verbessern ist, und zum Zweiten würde man dann nicht den Eindruck gewinnen können, dass da leichte Interessenskonflikte mit im Spiel sind. Das macht es ein bisschen unangenehm.
Heinemann: Welche Interessenskonflikte, Entschuldigung?
Fahrenschon: Na, die Europäische Zentralbank ist einerseits natürlich für die Notenbanken und für die Krisenpolitik mitverantwortlich, andererseits trägt sie auch jetzt Verantwortung bei der Auswahl der Stresstestszenarien. Wenn in Italien die Arbeitslosigkeit weniger stark zunimmt als in Deutschland, dann stellt man sich einfach Fragen. Ich glaube, dass auch in diesem Zusammenhang man sich jetzt mit der Frage auseinandersetzen sollte, Notenbanken Notenbankenaufgaben zuweisen und die Aufsicht aus der Notenbank rauszunehmen, da gehört sie institutionell nicht hin. Wenn wir also über die Welt nach dem Brexit auch institutionell in Europa reden, ist das für mich eine gute Chance, die Aufsichtsfragen aus der Europäischen Zentralbank wieder rauszunehmen, um da klare Aufgaben zu schaffen.
Heinemann: Das Testszenario stammt ja aus dem Hause eines anderen Italieners, nämlich Mario Draghi, Sie haben ihn schon genannt. Ist das, sagen wir mal, ein sehr italienischer Bankenstresstest?
Fahrenschon: Ja, also gut, Fakt ist, dass einfach verschiedene Dinge auffallen. Die großen italienischen Banken haben in den letzten sieben Jahren insgesamt mehr Geld ausgeschüttet, als sie zur Stärkung der Kapitalbasis einbehalten haben. Das ist ein offenes … Das ist noch nicht mal ein Geheimnis, das ist ein offenes Faktum. Wir haben sehr viel mehr, dreimal so viel im Vergleich in Deutschland über alle Institute auch an guten Ergebnissen einbehalten und unsere Kapitalbasis gestärkt. Ich glaube, dass man an dieser Stelle schon sagen muss, wir müssen jetzt einfach Kurs halten. Diejenigen, die von hohen Dividenden profitiert haben, die müssen dann auch in die Verantwortung genommen werden, wenn die wirtschaftliche Situation wieder eintrübt.
Heinemann: Herr Fahrenschon, jetzt noch mal auf die Bewertungsgrundsätze angesprochen: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sagen Sie ja – jetzt mal etwas kondensiert –, die Bankenaufseher testen an der Realität vorbei. Warum?
Fahrenschon: Ja, auffallend ist einfach, dass die Szenarien – und über die muss man einfach auch gemeinsam reden – schon völlig unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen in ganzen Nationalstaaten in Europa hinterlegen. Da stellen sich für mich die Fragen, ob man das nicht mehr angleichen muss. Denn wir merken ja mittlerweile, dass die europäische Wirtschaft zwar unterschiedliche Ausprägungen hat, aber im Großen und Ganzen schon sehr gemeinschaftlich interagiert. Ich kann eben nicht ausschließen, dass das Design dieser Stresstests die italienischen Probleme etwas abschwächt, und das wäre ein verheerendes Signal. Umso wichtiger wäre eben, dass wir auch methodische Grundgerüste für neue Stresstests geben, und wir müssen aufhören mit institutionellen Verquickungen. Aufsichtsfragen haben nichts bei der Notenbank zu suchen, das hilft uns überhaupt nichts. Solche Verquickungen führen eben nicht zu mehr Stabilität, sie führen am Ende auch nicht zu mehr Handlungsfähigkeit, sondern sie führen zu berechtigten Fragen.
Heinemann: Auf den Punkt gebracht: Bei diesem Stresstest wird gepfuscht!
Fahrenschon: Ja, Stresstests sind insgesamt ein gutes Instrument, man kann daran auch die Widerstandsfähigkeit von Kreditinstituten bestimmen und auch außergewöhnliche Belastungen untersuchen. Aber wir merken einfach, dass in der Projektion schon Unterschiede zwischen der Entwicklung in Deutschland und der Entwicklung in anderen europäischen Staaten gemacht wird, und das löst Fragen aus.
Heinemann: Die Bundesbank und die Finanzaufsicht BaFin wollen ja auch die kleineren Institute unter die Lupe nehmen. Hoffen Sie, dass für die Sparkassen, für Ihre Sparkassen besser getestet wird?
Fahrenschon: Auch eine spannende Auffälligkeit, dass die Zinssituation bei dem aktuellen Stresstest für die Großbanken, die international engagiert sind, völlig ausgeklammert wird und man jetzt sich quasi in der Not sieht, noch einmal eine extra Zinsszenario-Abfrage zu machen. Stellt sich auch die Frage, warum wir solche Doppelarbeiten loslösen. Für das Sparkassenwesen kann ich ganz klar sagen: Wir operieren ja aus einer sehr starken Position heraus, Sparkassenvorstände sind schon von ihrer Anlage her sehr vorsichtige Kaufleute, wir haben also die Zinsentwicklung kommen sehen, haben Vorsorge geschaffen, wir glauben, dass wir auch mit dieser Abfrage noch mal deutlich machen können, wie stabil und wie solide auch das Geschäftsmodell der regional verankerten Sparkassen wirkt.
Heinemann: Sie haben keine Sorgen vor diesem Stresstest und befürworten ihn?
Fahrenschon: Nein, mir macht viel mehr Sorgen, wenn wir uns die Zinsentwicklung ansehen, wie die Kunden, wie die Menschen, wie die privaten Haushalte getroffen sind. Das kann man aber in einem Stresstest nicht abbilden.
Heinemann: Geht von Italien eine neue Finanzkrise aus?
Fahrenschon: Ja, ich … Es ist nicht meine Aufgabe darüber zu spekulieren. Unabhängig von dem Stresstest sind natürlich auch Probleme einzelner italienischer Banken wirklich hinlänglich bekannt. Für uns entscheidend ist, dass die von den dortigen Verantwortlichen gelöst werden. Wenn man in der Vergangenheit bereit war, viel Geld auszuschütten, dann muss man jetzt auch diejenigen, die davon profitiert haben, mit in die Verantwortung ziehen. Ich glaube, das ist offensichtlich. Was auf keinen Fall eintreten darf: Wenn jetzt auf einmal andere Banken in ganz Europa für die Versäumnisse in Italien zur Kasse gebeten werden würden.
Heinemann: Wobei das ja heute die "Frankfurter Allgemeine" berichtet, dass nämlich für die italienischen Banken keine staatlichen Gelder vorgesehen sein sollten. Georg Fahren…
Fahrenschon: Ja, aber da ist natürlich schon das Problem, dass wir irgendwie merken, dass so eine europäische Einlagensicherung einfach an ihre Grenzen stößt. Das ist glaube ich ein gutes Beispiel dafür, weshalb wir in der Einlagensicherungsdebatte wirklich dafür plädieren, die Verantwortung in den jeweiligen Ländern zu belassen, da gehört sie hin.
Heinemann: Georg Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!
Fahrenschon: Gerne, auf Wiederhören!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.