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StartseiteKultur heuteWeniger Raubkunst in der Sammlung Gurlitt als erwartet26.05.2020

Ermittlungen abgeschlossenWeniger Raubkunst in der Sammlung Gurlitt als erwartet

Von einem Nazischatz war die Rede, als 2012 in der Wohnung von Cornelius Gurlitt rund 1.300 Kunstwerke sichergestellt wurden. Nun sind die Untersuchungen abgeschlossen: 14 Werke wurden als NS-Raubkunst identifiziert. Das Ergebnis ist enttäuschend, sagte die Kulturjournalistin Nicola Kuhn im Dlf.

Nicola Kuhn im Gespräch mit Jörg Biesler

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Auf einer Video-Wand an der Bundeskunsthalle erscheint in Bonn (Nordrhein-Westfalen) die Ankündigung für Ausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt".  (Oliver Berg / dpa)
Suche im Museum: Eine Ausstellung 2017/18 in Bonn (unser Foto) und Bern sollte die Herkunft von Werken aus Gurlitt-Besitz klären (Oliver Berg / dpa)
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Das sei kein gutes Ergebnis, sagte die Tagesspiegel-Redakteurin Nicola Kuhn, die 2016 ein Buch über den Fall Gurlitt veröffentlicht hat, im Deutschlandfunk: "Nur 14 Werke, die als Raubkunst identifiziert werden konnten und über 1.000 Werke, bei denen man nicht letzte Gewissheit hat: Das ist natürlich ein frustrierendes Ergebnis."

Keine gesetzliche Grundlage

Schon bald nach den Beschlagnahmen in München und Salzburg vor acht Jahren waren die deutschen Behörden unter massiven öffentlichen Druck geraten: Für die Aktionen bei dem damals 79 Jahre alten Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt hatte es nach Meinung von Juristen nicht nur keine gesetzliche Grundlage gegeben. Es bestanden schon damals auch keine konkreten Hinweise auf eine illegale Herkunft der meisten Bilder.

Zwar hatte Gurlitts Vater im Auftrag der Nazis jene "entartete Kunst" verkauft, die das Regime 1937/38 aus deutschen Museen beschlagnahmt hatte. Dabei handelte es sich aber um öffentlichen Besitz – und nicht um Werke aus privaten Sammlungen. Ein nie widerrufenes Gesetz hatte diese staatlichen Konfiszierungen als rechtmäßig erklärt.    

Ein grünes Namensschild auf dem mit schwarzen Buchstaben Cornelius Gurlitt zu lesen ist. Das Schild ist an einen braunen Holzhintergrund (vermutlich eine Tür) geschraubt. (dpa/picture alliance/Barbara Gindl) (dpa/picture alliance/Barbara Gindl)

Der Fall Gurlitt ging 2012 weltweit durch die Schlagzeilen. In der Wohnung des 79 Jahre alten Privatiers Cornelius Gurlitt und in seinem Haus in Salzburg beschlagnahmten die Behörden damals rund 1.300 Kunstwerke unter anderem von weltberühmten Malern wie Cézanne, Courbet, Monet und von deutschen Expressionisten wie Heckel, Marc und Kirchner. Dass Gurlitts Vater Hildebrand im Auftrag der Nationalsozialisten beschlagnahmte Kunstwerke aus deutschen Museen verkauft hatte, reichte für den Verdacht, dessen Sohn könne auch NS-Raubkunst besitzen: Werke, die nach 1933 vor allem jüdischen Sammlerinnen und Sammlern geraubt oder abgepresst worden waren. Eine gesetzliche Grundlage für die Beschlagnahme gab es nicht, deshalb geriet die Bundesrepublik schnell unter Druck. Die wissenschaftliche Untersuchung der Bilder, der Cornelius Gurlitt schließlich zustimmte, wurde nun offiziell beendet. Die nur 14 als Raubkunst identifizierten Werke wurden an die Erben der einstigen Besitzerinnen und Besitzer zurückgegeben.

Desaster für die Regierung

Vielleicht seien deshalb bewusst zu hohe Erwartungen in die Erforschung des Kunstfundes geschürt worden, sagte Nicola Kuhn im Deutschlandfunk:

"Die Bundesregierung stand tatsächlich vor einem Desaster. Es gab einen internationalen Skandal. Man musste sich irgendwie behelfen und hat, glaube ich, am meisten selbst gehofft, dass man das Ding quasi aus der Welt schaffen könnte oder zumindest besser da stehen könnte."

Gurlitt stimmte schließlich einer Untersuchung seines Besitzes zu und vermachte die als unbedenklich eingestuften Werke kurz vor seinem Tod dem Kunstmuseum Bern. Eventuell gefundene Raubkunst sollte an die legitimen Vorbesitzer zurückgegeben werden.

Weiterhin große Verpflichtung

Von einer Kapitulation wolle sie aber trotzdem nicht sprechen, so die Kulturjournalistin: "Ich denke, das ging nicht anders. Man hat sich wissenschaftlich bemüht, und die Quellenlage ist schlecht. Es ist schlecht möglich, alle Papiere, die zu erbringen wären, tatsächlich zu bekommen. Man muss sich einfach vorstellen, was das für Bedingungen waren, unter denen die Verkäufe stattgefunden haben. Händler, die in der Zeit agiert haben, haben sehr gerne die Spuren verschleiert und wollten die Quellen obskur lassen."

Trotzdem seien die Versuche, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen und dafür viel Geld auszugeben, richtig gewesen, so Kuhn in "Kultur heute":

"Wir sind da in einer großen Verpflichtung, dem ganzen auf der Spur zu bleiben und nicht die Waffen zu strecken. Die Arbeit geht garantiert noch weiter und viel viel länger noch, als wir uns das damals vorstellen konnten. Es gibt noch viele andere Sammlungen, die verloren gegangen sind von Familien, die ihre Besitztümer noch suchen."

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