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StartseiteKalenderblattErnst Bloch und das "Noch-nicht'"08.07.2010

Ernst Bloch und das "Noch-nicht'"

Geburtstag des Philosophen jährt sich zum 125. Mal

Philosophieprofessor Ernst Bloch machte die Hoffnung zu seinem Leitthema. Für den DDR-Marxismus der späten 50er war das allerdings zu viel Unruhe, Bloch wurde zwangsemeritiert. Noch im Alter von 76 Jahren wagte er den Neuanfang in der Bundesrepublik. "Das Prinzip Hoffnung" - so der Titel seines Hauptwerkes - steht so exemplarisch auch für das Leben des Philosophen.

Von Michael Opitz

Ernst Bloch eckte mit seinen Thesen in der DDR an und wagte mit 76 Jahren einen Neuanfang in der Bundesrepublik. (AP)
Ernst Bloch eckte mit seinen Thesen in der DDR an und wagte mit 76 Jahren einen Neuanfang in der Bundesrepublik. (AP)

"Die Philosophen, von denen ich etwas lernen kann, die sind schon fast 100 Jahre tot."

So selbstbewusst ging Ernst Bloch als Student mit geistigen Größen um. Zwei Autoritäten ragten für den am 8. Juli 1885 in Ludwigshafen Geborenen besonders heraus:

"Ich kenne nur Karl May und Hegel."

Bloch wäre wohl Komponist geworden, hätte es da nicht diese philosophische Begabung gegeben. In München beginnt er 1905 Philosophie zu studieren, wobei er sich besonders in Hegels Schriften vertieft.

"Die Phänomenologie des Geistes, die habe ich erotisch gelesen. Wie ich damals noch geschrieben habe: 'Die geistliche Nachtigall singt darin'. In diesem Park und in der Wildnis. Und habe sie in dieser Weise verstanden, wie ich sie nie mehr verstanden habe."

Bereits als junger Philosoph interessiert er sich für das "Utopische" und das "Noch-nicht". Das "Mögliche", das, was noch nicht ist, wird zum Zentrum seines Denkens. Seine Aufmerksamkeit richtet sich auf die Vielzahl von Möglichkeiten, die in historischen Augenblicken aufgehoben sind, von denen sich aber nur eine durchsetzt. Die Frage, was aus den anderen, unrealisiert gebliebenen Möglichkeiten wird, lässt Bloch nicht los.

"Ich versuchte schon in meinem ersten Buch, das 'Geist der Utopie' heißt, diese Kategorie des Utopischen nicht aufzubessern, sondern zu substantiieren."

Das Buch findet bei Blochs Freunden große Anerkennung. Doch den entscheidenden Satz, der zum Drehpunkt seines Denkens wird, findet Bloch nicht bei den Philosophen:

"Etwas fehlt, was das ist, weiß man nicht – steht in 'Mahagonny' – einer der tiefsten Sätze von Brecht, in zwei Worten. Was ist das Etwas? Es darf nicht ausgepinselt werden, dann stelle ich es als seiend dar, es darf aber auch nicht so eliminiert werden, als ob dass nicht wirklich, im praktischen Sinn, das wäre, dass man sagen könnte: es geht um die Wurst."

Bloch, der sich gegen den heraufkommenden Nationalsozialismus wendet, orientiert sich politisch links. Als der Faschismus 1933 dennoch Realität wird, ist er als Jude gezwungen, Deutschland zu verlassen. Er emigriert zunächst in die Schweiz, wo 1934 sein Buch "Erbschaft dieser Zeit" erscheint. Vier Jahre später geht er in die USA und beginnt dort mit der Arbeit an seinem Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung". Doch für das Buch, das ursprünglich "Träume vom besseren Leben" heißen sollte, findet sich in den USA kein Verleger. Obwohl sich nach dem Krieg die Möglichkeit bietet, es in Deutschland zu veröffentlichen, zögert Bloch zunächst, ob er in das Land zurückkehren soll, aus dem er vertrieben wurde. Schließlich nimmt er 1948, im Alter von 64 Jahren, den Ruf der Leipziger Universität an, die ihm den Lehrstuhl für Philosophie angeboten hatte.

Für eine kurze Zeit ist seine Karriere "atemberaubend". Doch Mitte der fünfziger Jahre fällt Bloch in der DDR in Ungnade. Zwar kann sein dreibändiges Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung" noch in dem Land erscheinen, in das er Erwartungen gesetzt hatte, doch die parteipolitischen Gralshüter der sozialistischen Lehre unterstellen seiner undogmatischen Marxismusauffassung Revisionismus. Blochs Hoffnungs-Idee scheitert in der DDR an der politischen Realität.

"Hoffnung ist nicht Zuversicht. Wenn sie nicht enttäuschbar wäre, dann wäre sie keine Hoffnung; das gehört zu ihr. Denn dann würde sie ausgepinselt sein und würde sich herunterhandeln lassen und würde dann kapitulieren, sagen: das ist das, was ich erhofft habe. Also, Hoffnung ist kritisch, Hoffnung ist enttäuschbar, Hoffnung aber nagelt doch immerhin eine Flagge an den Mast."

Im Sommersemester 1957 wird seine Emeritierung erzwungen. Der Hoffnungsphilosoph, der inzwischen auch ins Visier der Staatssicherheit geraten ist, soll isoliert werden. Als sich Bloch 1961 in Oberbayern aufhält, erreicht ihn am 13. August die Nachricht vom Bau der Mauer. Sein Bleiben in der Bundesrepublik macht er davon abhängig, ob es gelingt, seine in Leipzig lagernden Manuskripte in den Westen zu schmuggeln. Das Vorhaben glückt und Bloch wagt im Alter von 76 Jahren einen Neuanfang. 1961 hält er seine Antrittsvorlesung an der Tübinger Universität, wo er bis ins hohe Alter lehrt. Schriftsteller wie Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Uwe Johnson oder Heiner Müller suchen das Gespräch mit dem Philosophen, der am 4. August 1977 stirbt.

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