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StartseiteKalenderblattErste Gehversuche28.12.2005

Erste Gehversuche

Vor 60 Jahren wurde in der amerikanischen Besatzungszone der freie Reiseverkehr zugelassen

Mai 1945, der Krieg war zu Ende, Hitler-Deutschland besiegt. Von Anfang an schränkten die Alliierten den Bewegungsraum für die Zivilbevölkerung stark ein. Im Laufe des Jahres 1945 wurden die Beschränkungen gelockert, am Ende jenes Jahres durften die Bürger wieder frei reisen.

Von Georg Gruber

Man brauchte Passierscheine für jede Zone. (AP Archiv)
Man brauchte Passierscheine für jede Zone. (AP Archiv)

"Im amerikanischen Armeegebiet ist es verboten, sich ohne besondere Erlaubnis der Militärregierung weiter als 6 Kilometer von seinem Wohnort bzw. Wohnsitz zu entfernen."

Eine Bekanntmachung der amerikanischen Militärregierung vom 13. April 1945, kurz vor der endgültigen Kapitulation. Die Städte in Deutschland sind zerbombt, viele Straßen, Schienenwege und Eisenbahnbrücken zerstört. Die Siegermächte USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich schränken in den ersten Monaten der Besatzung die Mobilität der Zivilbevölkerung stark ein:

"Eisenbahnen, Privatfahrzeuge, Fahrräder und Privatkrafträder dürfen ohne besondere Erlaubnis nicht benutzt werden."

In der britischen Zone darf man sich im Mai in einem Umkreis von 30 Kilometer bewegen. In Bayern, das zur amerikanischen Zone gehört, wird der Bewegungsradius erst Mitte Juni auf 20 Kilometer ausgeweitet. Dazu Erich Kästner:

"Der Frieden macht die ersten Gehversuche. Er lernt laufen. Wie ein kleines Kind."

Dies notiert Erich Kästner dazu in sein Tagebuch.

"Wir dürfen an den Gehversuchen teilnehmen. Vor ein paar Tagen wurde die Spazierzone erweitert."

Trotz Reisebeschränkungen sind die Straßen voller Menschen: Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, entlassene Kriegsgefangene und Evakuierte, die sich auf den Weg in ihre Heimat machen.

"Vorbei an total zerstörten Städten und durch liebliche Landschaft, die kaum eine Spur von Zerstörung zeigt, zieht ein Strom von Emigranten."

schildert der britische "Economist", Juni 1945. Die Zonengrenzen verlaufen wie unsichtbare Mauern quer durchs Land. Ein Zeitzeuge erinnert sich:

"Vor allen Dingen war der Verkehr zwischen der französischen und der britisch-amerikanischen Zone verhältnismäßig schwer, weil die sich eingeigelt haben. Die wollten auch mit den anderen Alliierten wenig zu tun haben."

Man braucht Passierscheine für jede Zone. Der Journalist Dolf Sternberger schreibt in einer Reportage im Sommer 45, dass man am Schalter eines Bahnhofes nie wissen könne, ob man seinen Zielort überhaupt erreiche.

"To go home; so steht es auf allen Zetteln, welche die Wandernden vorzeigen, um ihre Anweisung auf Glückseligkeit zu erhalten. Wer aber keinen Zettel hat mit jener ergreifenden Aufschrift - to go home - den schickt der junge Mann am Schalter zum Bürgermeister, dass er sich einen hole. Hundert Versuche, heimzukehren."

"Die hingen wie die Trauben auch draußen an den Zügen."

Erinnert sich eine Zeitzeugin.

"Und wenn sie innen einen Platz in einem Güterwagen ohne Fenster und ohne Luft, nur mit der Tür zum belüften, gefunden hatten, dann konnten sie froh sein und wie viel Stunden sie unterwegs sein werden, das wusste kein Mensch."

Viele Städte erlassen Zuzugsverbote, wegen Wohnraum- und Brennstoffmangel, auch für Familien und Einzelpersonen, die früher dort gewohnt hatten. Manche Städte machen Ausnahmen bei Soldaten, die aus Gefangenschaft zurückkehren und bei Bauhandwerkern und Architekten. Die Mobilität blieb also eingeschränkt, auch wenn die Reisebeschränkungen im Laufe des Jahres gelockert wurden. Am 28. Dezember 1945 wird schließlich der freie Reiseverkehr innerhalb der gesamten amerikanischen Zone zugelassen, viele Städte, wie z.B. München erlassen aber auch danach noch Zuzugsbeschränkungen. Zum Jahreswechsel beschließt der Alliierte Kontrollrat für eine Reihe deutscher Berufsgruppen den freien Reiseverkehr von Zone zu Zone. Die "Süddeutsche Zeitung" meldet:

"Pässe - mit beschränkter Gültigkeit - erhalten: Geistliche, Ärzte, Techniker für Wiederaufbauprojekte, Vertreter für Zwischenzonenhandel und Geschäftsleute, deren Tätigkeit eine Reise in zwei oder mehrere Zonen erfordert."

Dennoch konstatiert der amerikanische General Lucius D. Clay im Mai 1946:

"Nach einem Jahr Besatzung bilden die Zonen hermetisch abgeschlossene Gebiete mit fast keinerlei freiem Austausch an Gütern, Personen und Ideen."

Im August 1946 heben Amerikaner und Briten die Reisebeschränkungen zwischen ihren Zonen auf. Die Franzosen sperren sich noch. Dauerhaft bestehen bleiben sollte jedoch nur die Grenze zur sowjetischen Zone - bis zum November 1989.

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