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StartseiteKalenderblattErster Diener des göttlichen Wortes10.07.2009

Erster Diener des göttlichen Wortes

Vor 500 Jahren wurde Johannes Calvin geboren

Johannes Calvin ist in Deutschland sehr viel weniger bekannt als Martin Luther. Als Reformator wirkte er im 16. Jahrhundert hauptsächlich in Genf. Seine strengen Lehren fassten schließlich weltweit Fuß. Heute feiern die Evangelische Kirche in Deutschland und der Reformierte Bund in Berlin mit einem Festakt den 500. Geburtstag Johannes Calvins.

Von Anna Gann

Eine Calvin-Statue in Genf, Schweiz (AP)
Eine Calvin-Statue in Genf, Schweiz (AP)

Im Sommer 1536 kam der junge Gelehrte Johannes Calvin ins eidgenössische Genf. Eigentlich wollte er nur übernachten und unerkannt wieder entschwinden. Doch er hatte seine Rechnung ohne Guillaume Farel gemacht, der kurz zuvor die Reformation nach Genf gebracht hatte. Der enttarnte ihn als Verfasser des bekannten theologischen Handbuches "Christianae Religionis Institutio":

"Farel [gab sich] in dem unglaublichen Eifer um die Ausbreitung des Evangeliums alle Mühe, mich zurückzuhalten ... - durch eine furchtbare Verwünschung, gleich als ob Gott selbst vom Himmel seine starke Hand auf mich gelegt hätte."

Als Sohn eines kirchlichen Vermögensverwalters war Johannes Calvin am 10. Juli 1509 im französischen Noyon geboren worden. Er studierte an bedeutenden humanistischen Universitäten Frankreichs die freien Künste und Jura. Umfassendes theologisches Wissen eignete er sich im Selbststudium an, wandte sich nach einem Bekehrungserlebnis der Reformation zu und floh 1534 aus Paris.

Calvin wirkte zunächst als Prediger, später auch als Geistlicher. Als er die Stadt Genf zu einer Art Gottesstaat umwandeln wollte, wurde er 1538 mit Farel ausgewiesen, konnte aber drei Jahre später zurückkehren. Nun erhob der Rat der Stadt die strenge Kirchenordnung, die der Reformator entworfen hatte, zum Gesetz. Sie verzahnte religiöse und politische Macht eng miteinander. Zur sogenannten "Kirchenzucht" legte sie fest:

"Die Gemeindeältesten und Pfarrer überwachen den Lebenswandel der Bürger und überprüfen regelmäßig deren Rechtgläubigkeit. Bei Verstößen gegen die kirchliche und bürgerliche Ordnung verhängen sie Kirchenstrafen, zum Beispiel den Ausschluss vom Abendmahl. Wenn diese Sanktionen nicht fruchten, beantragen sie beim Rat die weltliche Bestrafung."

Abweichler und Andersgläubige schickte der neue theokratische Staat in die Verbannung oder in den Tod - für Calvin notwendige Maßnahmen, um Irrtum und Gottlosigkeit auszumerzen. Dem Machtanspruch des Papstes setzte er das Ideal der vollkommenen Gottesherrschaft in einer "Gemeinde der Erwählten" entgegen. Wer zu den Erwählten gehört, so seine Lehre, das sei von Gott vorherbestimmt.

"Prädestination, also Vorherbestimmung, nennen wir Gottes ewige Anordnung, durch die er bei sich festgelegt hat, was mit jedem einzelnen Menschen nach seinem Willen geschehen soll. Denn ... für die einen wird das ewige Leben, für die anderen wird die ewige Verdammnis im Voraus angeordnet."

Genf wurde zur zentralen theologischen Ausbildungsstätte und zum Zufluchtsort für evangelische Glaubensflüchtlinge. Calvin selbst trug mit zahlreichen Schriften dazu bei, seine Ideen in Europa auszubreiten. Durch eine umfangreiche Korrespondenz suchte er insbesondere Regierende anderer europäischer Länder für die Reformation zu gewinnen. Seine Psalmensammlung für den Gemeindegesang ist bis heute als "Genfer Psalter" bekannt.

Johannes Calvin starb am 27. Mai 1564. Seine reformerische Bewegung fasste weltweit Fuß. In Frankreich, seiner Heimat, wurden die Anhänger Hugenotten genannt. Mit den Katholiken führten sie bis ins 17. Jahrhundert hinein blutige Glaubenskriege. In England entwickelte sich der Puritanismus, der später von Einwanderern nach Nordamerika gebracht wurde.

Weltweit gibt es heute über 75 Millionen Reformierte, die sich auf den Genfer Reformator berufen. Verschiedene Phasen der Erneuerung seit dem 19. Jahrhundert haben dem Calvinismus seine moderne Ausprägung gegeben. Der bedeutendste Vertreter im 20. Jahrhundert war der Schweizer Theologe Karl Barth, der 1934 auch Mitbegründer der "Bekennenden Kirche" in Deutschland war.

"Calvin war kein Held und eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Er wollte, ohne je Spuren eines besonderen prophetischen Sendungsbewusstseins zu zeigen, nur eben der erste Diener des göttlichen Wortes in der christlichen Gemeinde der Stadt Genf sein."

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