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StartseiteSport am WochenendeEs brodelt weiter21.11.2009

Es brodelt weiter

Weitere Fragezeichen um Olympia-Bewerbung von München für 2018

Münchens Olympiabewerber haben die Eckpunkte der Offerte für die Winterspiele 2018 verabschiedet. Nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen demonstriert man Einigkeit. Getreu dem Motto des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB): Der Sport möge "mit einer Stimme" sprechen. Doch unter der Oberfläche brodelt es weiter.

Von Jens Weinreich

Thomas Bach, IOC-Vizepräsident und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (AP Archiv)
Thomas Bach, IOC-Vizepräsident und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (AP Archiv)

Eine Große Koalition von Sport und Politik ist sich einig: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) und DOSB-Präsident Thomas Bach (FDP) verabschiedeten auf der Gesellschafterversammlung der Olympia GmbH die Eckdaten für das erste umfassende Bewerbungsdokument.
DOSB-Chef Bach behauptet eine aktuelle Zustimmungsrate von 82 Prozent für die Pläne. Horst Seehofer sagt:

"In allen Umfragen ist die ganz große Mehrheit der Bevölkerung hinter dieser Olympiabewerbung. Und deshalb, glaube ich, handeln wir im Interesse der ganz, ganz überwiegenden Mehrheit der bayerischen Bevölkerung."

Zwischen 2,9 und 3,5 Milliarden Euro soll das Abenteuer kosten - in beiden Etats, dem reinen Organisations- und dem Infrastrukturetat. Detaillierte, nachprüfbare Posten liegen der Öffentlichkeit allerdings nicht vor.

In den Lokalparlamenten von München, Garmisch-Partenkirchen, Oberammergau und Berchtesgaden gab es zuletzt erbitterte Diskussionen - doch Mehrheiten stimmten für die "Eckpunkte" der Bewerbung.
SPD-Mann Ude bezeichnete Abgeordnete, die Fragen stellten, und Olympiakritiker als "unseriös", "unqualifiziert" und als "radikale Minderheiten".

Es brodelt weiter.

Im Entwurf des Bewerbungsbuches, das dem Deutschlandfunk vorliegt, heißt es: "Bislang sind keine offiziellen Oppositionen bekannt." Es werde Wert auf Transparenz und die Einbindung von NGOs in Fachkommissionen gelegt.

Nur: Etliche dieser Gruppen haben sich aus der Fachkommission Umwelt, um die geht es vor allem, längst verabschiedet. Vor längerer Zeit schon der Bund Naturschutz - zuletzt etwa der "Verein zum Schutz der Bergwelt". Auch dieser Verein kritisiert, unseriös vereinnahmt und zu Mitautoren eines angeblichen "Umweltkonzeptes" gemacht worden zu sein. Die Bewerbung sei "die Verschwendung von Natur für Ruhm und Ehre".
Das angebliche Umweltkonzept sei ein PR-Papier, das von den wirklichen Problemen ablenke, sagen Fachleute. Axel Doering, Kreisvorsitzender des Bundes Naturschutz aus Garmisch-Partenkirchen, ist eine Art Oppositionsführer. Er strebt einen Bürgerentscheid an - möglichst bis zum 15. März 2010, wenn das Mini-Bidbook beim IOC abgegeben werden muss:

"Also wenn ein Bürgerentscheid negativ ausgeht für die Olympiabewerber, dann ist das hier in Garmisch-Partenkirchen vorbei. Es ist allerdings sehr schwierig. Viele Leute sagen: Wir fühlen uns unter Druck gesetzt. Und viele Leute, die eigentlich Olympische Spiele auch nicht wollen, werden deshalb nichts organisieren, das habe ich in letzter Zeit oft erlebt. Das ist natürlich sehr schwierig, weil diese ganzen wachs- und windelweichen Versprechungen viele Leute mit diesem Zauberwort Olympia locken."

Der Ort sei zu klein und außerdem pleite, die Eingriffe zu weitreichend, sagt Doering. Er kritisiert die Informationspolitik der Bewerber, die lediglich Phrasen verbreite:

"Im Moment ist alles was offiziell kommt, das ist nur: Es ist toll, und das bringt uns weiter, das bringt uns Straßen, das bringt uns Tourismus und das bringt uns das Glück der Welt. Und das kann's nicht sein."

Doering kritisiert auch Diktat des Internationalen Olympischen Komitees, dem Bund, Freistaat und Kommunen zahlreiche Blankovollmachten ausstellen:

"Das IOC ist ja eine bekannt intransparente Organisation. Und das IOC behält sich also in dieser Vertragsgestaltung bis zuletzt die Änderung aller Bedingungen vor. Es kann seine Zahlungen ändern, es kann die Sportarten ändern, es kann alles ändern. Es ist so, dass dieser entsprechende Vertrag vor drei Jahren in Salzburg zum Beispiel von den österreichischen Landesanwälten als sittenwidrig und Knebelungsvertrag gewürdigt wurde."#

Wenigstens da widerspricht ihm Münchens OB Ude nicht grundsätzlich. Ude nennt die IOC-Vertragsgestaltung "eine Zumutung". Der nächste Schreck für die Olympiabewerber kommt am Sonntag, wenn sich Bayerns Grüne auf ihrer Landesversammlung in Bamberg wohl gegen die Pläne aussprechen. Der Grünen-Landesvorsitzende Dieter Janecek sagt:

"Ich rechne damit, dass es einen ablehnenden Beschluss geben wird. Die Leute sind einfach sehr skeptisch. Je näher sie dran sind an den Sportstätten, desto weniger glaubt man den Versprechungen des IOC und der Bewerbergesellschaft. Man glaubt vielmehr, dass man Naturzerstörungen erleben wird, dass Schneekanonen massiv eingesetzt werden, dass die Schuldenberge immer höher werden, wie bei Garmisch: bereits schon 100 Millionen Schulden. In München sieht man das ein bisschen anders, da glauben die Leute anscheinend eher, dass sei so eine Art Oktoberfest mit Schlittenrennen. Aber wenn man draußen ist auf dem Land, dann hat man da einen ganz anderen Eindruck."

Kurios dabei: Die Grünen im Bundestag, allen voran Claudia Roth, und die Fraktion im Münchner Rathaus sind für Olympia. Alle anderen Gremien und Fraktionen der bayerischen Grünen sind dagegen. Dieter Janecek hat sich in einigen Grundsatzpapieren mit der Bewerbung beschäftigt. Sein These: "Olympische Spiele 2018 sind kein Gewinn für unsere Region."

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