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"Es gab überhaupt kein Modell. Es war ein völlig neuer Vorgang"

Vier, fünf Wochen Vorbereitungszeit für eine Währungsumstellung: Dafür sei der Wechsel "hervorragend" gelungen, sagt Hans Tietmeyer. Ob die Umtauschsätze richtig waren, darüber könne man streiten.

    Silvia Engels: Heute vor genau 20 Jahren kam die D-Mark in die DDR. Am 1. Juli 1990 wurde die alte DDR-Mark im Verhältnis 1:1 in die westdeutsche Währung umgetauscht. Bei Spareinlagen betrug das Umtauschverhältnis 2:1. Schon vor der offiziellen Einheit wurde damit der Zusammenschluss beider deutscher Staaten de facto ökonomisch besiegelt. Helmut Kohl, der damalige Bundeskanzler, lobte den Schritt, viele Menschen in der DDR reagierten dagegen verhalten.

    O-Ton Helmut Kohl: Wir sind zusammengekommen, um nach 45 Jahren der schmerzlichen Teilung unseres Vaterlandes ein Vertragswerk zu unterzeichnen, mit dem wir den ersten bedeutsamen Schritt zur Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands vollenden.

    O-Töne DDR-Bürger: "Man weiß nicht, was überhaupt mit uns passiert." – "Gerade was die Währung und die Sparguthaben, was das anbetrifft, wird etwas verunsichert." – "Sehr viele Leute erzählen mir, dass sie große Angst haben, in nächster Zeit arbeitslos zu werden, auch qualifizierte Leute." – "1:1 – also wenn ich 1.000 Mark Ost habe, habe ich schon 1.000 Mark West. Gebessert bin ich erst mal gar nicht."

    Engels: Stimmen aus der DDR von vor 20 Jahren, dem Tag der deutsch-deutschen Währungsunion. – Einer, der damals zunächst Staatssekretär im Finanzministerium war und dann als Direktoriumsmitglied der Bundesbank die Währungsunion maßgeblich mitorganisierte, war Professor Hans Tietmeyer, der spätere Bundesbankpräsident. Er ist nun am Telefon. Guten Morgen, Herr Tietmeyer.

    Hans Tietmeyer: Guten Morgen!

    Engels: Zunächst einmal war die Währungsunion ja eine ungeheuere logistische Herausforderung. 25 Milliarden D-Mark in bar mussten in die DDR geliefert werden, dazu die gesamte Logistik. Wie nervös waren Sie heute vor 20 Jahren, ob das alles klappt?

    Tietmeyer: Ich war schon ein bisschen in Sorge, aber erfreulicherweise hat alles wunderbar geklappt. Das war ja auch ein schöner sonniger Tag. Ich musste über Tag dann auch noch mal im Fernsehen irgendwo auftreten. Aber ich habe sehr zugehört, ob irgendwo Nachrichten kamen, dass irgendwas schiefging, aber erfreulicherweise hat mich keine Nachricht erreicht und alles ist gut gegangen. Es war gut vorbereitet, und ich will dieses noch dazu sagen: Die Leute der Bundesbank, die in den Wochen zuvor ja in die DDR gegangen sind, die haben hervorragende Arbeit geleistet.

    Engels: Es war ja so, dass viele Menschen in der DDR auch etwas verunsichert waren. Wie wichtig war es da, dass wenigstens die Umstellung an diesem Tag funktioniert?

    Tietmeyer: Das war ganz entscheidend, denn in der Tat: Wenn das nicht geklappt hätte, wäre es außerordentlich schwierig geworden. Deswegen war uns das von Anfang an klar: Es muss klappen. Und vielleicht darf ich daran erinnern: Wir hatten insgesamt, glaube ich, vier oder fünf Wochen Vorbereitungszeit, ohne dass unsere Leute schon vorher da waren, sondern das musste alles in dieser Zeit geschehen, und das ist hervorragend gelungen - durch gute Zusammenarbeit untereinander, aber auch mit den Vertretern der Staatsbank.

    Engels: Viele Politiker haben danach gesagt, die Währungsunion, wie sie abgewickelt wurde, sei damals eine Erfolgsgeschichte gewesen. Teilen Sie dieses uneingeschränkte Lob, oder sind da auch Fehler passiert?

    Tietmeyer: Ich glaube, was die technische Seite angeht, ist das Lob ganz eindeutig richtig – ohne Zweifel. Man kann darüber streiten, ob die Umtauschsätze richtig waren. Aber wir haben die sehr intensiv beraten, sehr intensiv auch verhandelt und sind zu einem Kompromiss gekommen, der meines Erachtens insgesamt gerade noch tragbar war. Auf der einen Seite sind die Bestände, die Geldbestände im Wesentlichen 2:1 umgestellt worden – das war außerordentlich wichtig, um kein Inflationspotenzial zu schaffen, und erfreulicherweise ist das gelungen, das nicht zu schaffen – und zweitens: die Umstellung der Zahlungen, der laufenden Zahlungen, also Löhne, Renten und Stipendien und alle Dinge 1:1, dies war ein Problem für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, überhaupt keine Frage, denn die ostdeutsche Wirtschaft war zu dieser Zeit eindeutig nicht wettbewerbsfähig, auf dem gleichen Niveau wie in der Bundesrepublik, und diese 1:1-Umstellung hat natürlich erhebliche Schwierigkeiten dann ja auch ausgelöst. Auf der anderen Seite war sie, glaube ich, notwendig, denn wenn wir nicht 1:1 diese Zahlungsvorgänge umgestellt hätten, wäre der Strom, der Flüchtlingsstrom in Richtung Westen noch weitergegangen und dann wäre in der Tat eine schwierigere Situation in Ostdeutschland entstanden und in Westdeutschland.

    Engels: Sie haben es angesprochen, Herr Tietmeyer: Die DDR-Betriebe waren dann spätestens mit der teueren D-Mark international gar nicht mehr konkurrenzfähig. Deshalb gibt es Manchen in der DDR, der aufgrund dieser Tatsache sich bis heute von dieser Währungsunion über den Tisch gezogen fühlt, weil das erst den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft hervorgerufen hätte.

    Tietmeyer: Gut. Da muss man fragen, was wäre die Alternative gewesen. Es ist richtig: Die Modrow-Regierung wollte was ganz anderes. Die wollte, dass die DDR selbstständig blieb, und wollte nur finanzielle Hilfe vom Westen haben. Das war völlig klar, dass das nicht ging. Umgekehrt: Wenn man nicht eine Umstellung der Zahlungsvorgänge 1:1 vorgenommen hätte, dann wäre es wahrscheinlich zu einer erheblichen, weiter anlaufenden Bewegung in Richtung Westen gekommen und es wäre zu einer Entvölkerung des Ostens gekommen, und das ginge nicht. Insofern war das ein sorgfältiges Abwägen, wobei es keine Patentlösung gibt. Wir hätten wahrscheinlich einige Dinge anders machen müssen, zum Beispiel hätten wir den Sozialstaat von Westdeutschland nicht ohne Weiteres ohne Reform übertragen können, dann wäre das weniger teuer geworden. Aber das sind alles Punkte, über die kann man diskutieren. Ich will nur so viel sagen: Es gab überhaupt kein Modell. Es war ein völlig neuer Vorgang und dieser Vorgang ist insgesamt technisch gut gelaufen, er hatte ökonomische Konsequenzen, die haben wir von Anfang an gesehen, aber er war ein unumkehrbarer Schritt in Richtung politische Wiedervereinigung. Insofern glaube ich, dass die Gewinner letztlich auf beiden Seiten waren, insbesondere aber die Menschen in Ostdeutschland, trotz der Probleme, die ich sehr wohl erkenne.

    Engels: Mit der deutsch-deutschen Währungsunion begann aber auch der Weg, die deutsche Einheit letztlich über den Weg der Verschuldung und über die Belastung der Sozialhaushalte zu finanzieren. Haben wir uns von dieser Belastung eigentlich je erholt?

    Tietmeyer: Erstens waren wir in einer insgesamt relativ guten Verfassung. Wir hatten ein fast ausgeglichenes damaliges Budget auf Bundesebene. Aber es ist richtig: Der Bundesstaat ist erheblich belastet worden, die sozialen Sicherungssysteme sind erheblich belastet worden, und diese Lasten haben wir auch heute noch zum Teil zu tragen. Das ist keine Frage. Umso wichtiger ist, dass wir die Schuldenproblematik auch weiterhin unter Kontrolle halten. Ich will nur sagen: Damals gab es auch die Überlegung, ja wie ist das denn mit dem Vermögen in Ostdeutschland, zum Beispiel die Unternehmen sind doch viel wert. Ja, da gab es Kalkulationen auch von wissenschaftlicher Seite über 5-, 6-, 700 Milliarden DM-Vermögen. Das Ergebnis war, dass am Schluss bei den Fonds eine negative Belastung von fast 300 Milliarden herauskam. Heißt im Grunde: Die Situation war noch schlechter, als sie zunächst kalkuliert wurde, aber ich glaube, es war am Schluss diese Lösung die einzige Lösung, es sei denn, man hätte Ostdeutschland auf Dauer völlig abgespalten, aber dann hätte man wieder eine Mauer aufbauen müssen, aber diesmal von westlicher Seite, und das kann ja wohl nicht sein.

    Engels: Sie haben auch später als Bundesbankpräsident an der Vorbereitung für den Euro und den Aufbau der Europäischen Zentralbank intensiv gearbeitet. Hat man bei der Gestaltung der Euro-Einführung etwas aus den Erfahrungen der deutsch-deutschen Währungsunion gelernt, oder sind da nach wie vor Geburtsfehler beim Euro?

    Tietmeyer: Beim Euro sind es andere Probleme. Man darf auch die deutsch-deutsche Währungsunion und die Schaffung des Euros nicht vergleichen. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. In Deutschland wurde die D-Mark, eine der starken etablierten Währungen, nach Ostdeutschland übertragen und es wurde das gesamte Bundesbanksystem nach Ostdeutschland übertragen. Das ist etwas anderes, als wenn souveräne Staaten, die auch souverän bleiben wollen, sich zusammenfinden zu einer gemeinsamen Währungsunion, und da, glaube ich, im Bereich der Währungsbehörden sind auch die Entscheidungen insgesamt richtig gefällt worden. Die Frage ist, ob man nicht hätte noch schärfer sein müssen bei der Auswahl der Länder, die zugelassen wurden, und insbesondere – und da liegt eines der Probleme, das jetzt deutlich geworden ist – bei der Kontrolle der Finanzpolitik der Länder, die dann tatsächlich Mitglied geworden sind. Diese Kontrolle, die war zwar im Vertrag angelegt, die ist im Stabilitäts- und Wachstumspakt konkretisiert worden, aber eindeutig war sie nicht effizient genug. Man hätte hier härter durchgreifen müssen, und das ist einer der Fehler. Aber die Kommission konnte das offenkundig in Brüssel nicht leisten, was sie eigentlich hätte leisten sollen. Hier müssen auch gewisse Revisionen jetzt angesetzt werden.

    Engels: Professor Hans Tietmeyer, der frühere Bundesbankpräsident. Wir sprachen mit ihm über die deutsch-deutsche Währungsunion heute vor 20 Jahren. Ich danke für das Gespräch.

    Tietmeyer: Bitte schön!