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StartseiteInterview"Es wird uns nicht die Welt kosten"04.05.2007

"Es wird uns nicht die Welt kosten"

UN-Bericht belegt Finanzierbarkeit des Klimaschutzes

Mitautor Axel Michaelowa betrachtet den dritten Teil des aktuellen Weltklimaberichts als "gute Basis, um die Klimapolitik langfristig voranzubringen". Es werde klar gezeigt, dass schnelles politisches Handeln notwendig sei, sagte der Volkswirt von der Universität Zürich. Zum anderen belege der Bericht, dass die Lage nicht ausweglos und Klimaschutz finanzierbar sei.

Moderation: Friedbert Meurer

Eines der größten Steinkohle-Kraftwerke Europas, das E.ON Kraftwerk Scholven, steht in Gelsenkirchen unter Dampf. (AP)
Eines der größten Steinkohle-Kraftwerke Europas, das E.ON Kraftwerk Scholven, steht in Gelsenkirchen unter Dampf. (AP)
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Beim Klimaschutz tickt die Uhr

Friedbert Meurer: In Bangkok ist heute Morgen der dritte und letzte Teil des Weltklimaberichts der Vereinten Nationen verabschiedet worden. In diesen Minuten wird er in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Dass der Klimawandel auch von Menschenhand gemacht ist und verursacht wird, daran hegen die Klimaforscher der Vereinten Nationen ja seit Monaten keinen Zweifel mehr. Jetzt wurde bis zur letzten Minute über die Frage gerungen, was die Welt noch tun kann und muss, um die Erwärmung der Erde in Grenzen zu halten. (MP3-Audio)

Mitgehört hat Axel Michaelowa. Er ist Volkswirt an der Universität Zürich und hat mitgeschrieben am dritten Teil des Weltklimaberichts. Er ist heute Morgen mit dem Flugzeug aus Bangkok erst wieder in Zürich angekommen. Guten Morgen, Herr Michaelowa!

Axel Michaelowa: Guten Morgen!

Meurer: Wie hart wurde denn da gefightet in Bangkok?

Michaelowa: Es wurde so hart gefightet wie auf den Klimakonferenzen der UN. Im Wesentlichen standen sich zwei Gruppen gegenüber: China und die USA, die versuchten, die Aussagen des Berichts abzuschwächen, und die europäischen Länder, die vor allem darauf bedacht waren, dass die Botschaft klar rüberkommt, dass man anspruchsvolle Stabilisierungspfade noch erreichen kann und dass die Erreichung dieser Stabilisierungspfade nicht übermäßige Kosten verursacht.

Meurer: Wer hat sich Ihrer Meinung nach durchgesetzt, China/USA oder Europa?

Michaelowa: Im Enddokument steht klar drin, dass niedrige Stabilisierungspfade erreichbar sind. Darum wurde sehr hart gerungen. Die Chinesen hatten das zunächst abgelehnt, die niedrigen Stabilisierungspfade überhaupt zu erwähnen. Das Zugeständnis auf europäischer Seite war, dass der obere Kostenbereich genannt wurde im Endbericht. Insofern waren die Chinesen durchaus bereit, Kompromisse zu schließen, was sie im zweiten Teil des Berichts nicht getan hatten.

Meurer: Was wird denn als niedrigere Stabilisierungspfade jetzt genannt? Wie tief muss abgebaut werden bei den Emissionen?

Michaelowa: Aus europäischer Sicht sollte man bei 550 Millionstel CO2-Einheiten in der Atmosphäre landen ab 2100. Im Bericht steht jetzt eine Spanne von 445. Derzeit liegen wir bei 435. Insofern sagt der Bericht klar aus: Es ist möglich zu stabilisieren auf relativ niedrigem Niveau, das gefährliche Klimaveränderungen verhindert, und es wird uns nicht die Welt kosten.

Meurer: Was muss denn jetzt getan werden, um diese Zahlen zu erreichen?

Michaelowa: Es muss politisch schnell vorangegangen werden, und da wird es natürlich jetzt in diesem Jahr auf den UN-Klimaverhandlungen heiß hergehen. Die Fronten sind klar: eben China/USA, die sich schnell entwickelnden Länder Südostasiens und Indien auf der einen Seite und Europa auf der anderen Seite. Europa hat sehr gute Vorlagen gemacht mit dem jüngsten Beschluss des europäischen Gipfels, unilateral um 20 Prozent zu reduzieren bis 2020, und wenn andere Länder mitziehen um 30 Prozent zu reduzieren. Da muss man jetzt hoffen, dass es im selben Geist von Bangkok, wo es durchaus möglich war, am Ende konstruktiv zu diskutieren, auch eben zu konstruktiven Vereinbarungen für die Klimapolitik nach 2012 zu kommen.

Meurer: Darum geht es ja, dass ein Nachfolgekompromiss entwickelt wird, ein Nachfolgesystem, wenn das Kyoto-Protokoll 2012 ausläuft. Werden China und die USA mit diesem neuen Bericht jetzt verpflichtet, im bestimmten Maß Energie einzusparen?

Michaelowa: Der Bericht ist ja kein politisches Dokument. Der Bericht ist schlicht die Zusammenfassung der Ergebnisse der Wissenschaft. Insofern kann dieser Bericht kein Land zu irgendetwas verpflichten. Aber er wird natürlich Messlatte sein für die politischen Verhandler, die über die Klimaregime nach 2012 befinden.

Meurer: Sie haben vorhin gesagt, die Kosten werden nicht so hoch sein. Wie hoch werden sie denn sein oder würden sie Ihrer Meinung nach sein, um den Klimawandel in Grenzen zu halten?

Michaelowa: Im Bericht steht für die niedrige Stabilisierungskategorie, um gefährliche Klimaveränderungen zu verhindern, ein Maximalwert von drei Prozent des Weltsozialprodukts. Das ist der obere Rand wie bereits genannt. Es gibt Studien, die wesentlich geringere Werte ausweisen, 1, 1,5 Prozent. Und wenn man sich überlegt, was man bereit ist, zum Beispiel für Militär zu zahlen, sollte das kein übermäßiger Betrag sein.

Meurer: Ab wann muss damit angefangen werden?

Michaelowa: Es muss die Umsteuerung sofort beginnen, und das ist wichtiges Ergebnis des Kapitels über Politikmaßnahmen, dass es Politikmaßnahmen gibt, die Wirkung zeigen, zum Beispiel handelbare Emissionsrechte oder der so genannte Clean Development Mechanism, wo Projekte in Entwicklungsländern Emissionsrechte generieren, die dann an die Industrieländer verkauft werden. Im Bericht steht zum Beispiel, dass mehr als 1000 Projekte in Entwicklungsländern anlaufen und dass die mehr als eine Milliarde Reduktion erreichen können.

Meurer: Wenn ich das richtig lese, heißt es in dem Bericht, die Zunahme klimaschädlicher Treibhausgase ist ohne eine nachhaltige Entwicklungspolitik nicht zu stoppen. Was hat Entwicklungspolitik mit Klimawandel zu tun?

Michaelowa: Das ist natürlich eine Grundforderung der Entwicklungsländer gewesen, die gesagt haben, wir wollen uns entwickeln. Klimapolitik darf nicht dazu führen, dass unsere Entwicklung abgeschnitten wird. Deswegen steht eben dieser Begriff nachhaltige Entwicklungspolitik immer dafür, dass die Entwicklungsländer ihre Entwicklung nicht einschränken wollen. Das ist natürlich die harte Nuss, und die müssen wir jetzt in den nächsten Jahren konsequent angehen, aber wie bereits erwähnt, der Clean Development Mechanism zeigt beispielsweise, dass Entwicklung und Emissionsreduktion durchaus Hand in Hand gehen können.

Meurer: Wie wollen Sie das hinkriegen, Dass in den Entwicklungsländern aufgrund eben ihres ich sage mal Aufholprozesses die Zunahme an Emissionen natürlich ganz außerordentlich ausfallen wird, und man will das aber in den Griff bekommen? Wie soll das gehen?

Michaelowa: Es braucht zwei Achsen. Die eine Achse ist Marktmechanismen einsetzen, die dazu führen, dass Industrieländer Teile ihrer Emissionsreduktion durch Maßnahmen in Entwicklungsländern erbringen können. Dadurch fließt neues Geld in Entwicklungsländer, und die Unternehmen und Privatakteure in Entwicklungsländern sehen, dass Emissionsreduktion kein Teufelszeug ist.

Der zweite Part muss natürlich sein, die reicher und reicher werdenden industrialisierenden Länder mit Verpflichtungen auch einzubinden. Darum wurde natürlich hart gerungen. Es gab zum Beispiel eine dreistündige Diskussion darüber, inwiefern eine weitere Teilnahme am internationalen Klimaregime im Bericht genannt werden soll oder nicht, und es wurde da über jedes einzelne Wort erbittert gefeilscht. Die Frage, welche Länder wann am Klimaregime teilnehmen, die wird uns noch viel Kopfzerbrechen bereiten.

Meurer: Einen Punkt will ich noch herausgreifen: Atomenergie. Was ist da beschlossen worden?

Michaelowa: Da gab es auch ein hartes Ringen und die deutsche Regierung war natürlich daran interessiert, dass Atomenergie nicht jetzt als die perfekte Lösung dargestellt wird. Es wird gesagt, dass Atomenergie einen Beitrag zur Verringerung leisten kann, relativ neutral. Natürlich wird das von unterschiedlichen Ländern unterschiedlich interpretiert.

Meurer: Unter dem Strich, Herr Michaelowa, wie zufrieden sind Sie mit dem Kompromiss, k gefunden worden ist der in Bangkok?

Michaelowa: Der Kompromiss ist erstaunlich gut, gerade vor dem Hintergrund eben der Erfahrungen mit dem zweiten Bericht, wo es um die Wirkungen der Klimaveränderung ging und wo es eben am Ende keine richtigen Kompromisse gab. Es wurde klar gezeigt, dass wir unmittelbar anfangen müssen zu agieren. Es wurde klar gezeigt, dass es nicht ausweglos ist, und insofern ist es eine sehr gute Basis, um die Klimapolitik langfristig voranzubringen.

Meurer: Das war Axel Michaelowa von der Universität Zürich, Mitautor des dritten Teils des Weltklimaberichts. Heute Morgen ist er aus Bangkok zurückgekommen. Schönen Dank und auf Wiederhören, Herr Michaelowa.

Michaelowa: Danke.

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