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"Es wird vor allem improvisiert"

Angesichts des verheerenden Erdbebens in Peru hat Michael Jordan von der Diakonie Katastrophenhilfe die Behörden des Landes scharf kritisiert. Besonders in den ländlichen Gebieten sei auch fünf Tage nach dem Beben immer noch kaum Hilfe eingetroffen. Seine Organisation sei damit beschäftigt, Schutzdächer, Decken und Bekleidung zu verteilen, um die Not der obdachlosen Menschen vor allem in den kalten Nächten zu lindern.

Moderation: Friedbert Meurer | 20.08.2007

Friedbert Meurer: Fünf Tage sind seit dem Erdbeben in Peru vergangen. Und auch nach diesen fünf Tagen scheint die Hilfe für die Betroffenen nur schleppend anzulaufen. Das beklagen jedenfalls die Überlebenden des Unglücks, das offiziell bisher 510 Tote gefordert hat. Es handelt sich um das schlimmste Erdbeben seit einem halben Jahrhundert in Peru. 85.000 Menschen sind etwa obdachlos geworden. Um sie kümmern sich auch internationale Hilfsorganisationen, zum Beispiel die Diakonie Katastrophenhilfe aus Deutschland. Michael Jordan ist für diese Organisation in Peru. Wir erreichen ihn jetzt in Lima. Guten Morgen, Herr Jordan.

Michael Jordan: Guten Morgen.

Meurer: Wie haben für Sie die letzten Tage und Stunden ausgesehen?

Jordan: Wir haben, nachdem wir uns ein Bild von der Lage geschafft haben, angefangen, vor allem Schutzdächer auszugeben an die Bevölkerung vor allem in ländlichen Gebieten, weil auch am fünften Tag immer noch der größte Teil der Betroffenen, das heißt der gesamten Bevölkerung im betroffenen Gebiet, die Nächte auf der Straße verbringt vor den Ruinen oder den beschädigten Häusern aus Angst vor Nachbeben. Daran hat sich nicht viel geändert. Die Nächte sind hier kalt, die Leute werden zunehmend unzufriedener, weil die Hilfe einfach nur sehr schleppend, sehr unsystematisch kommt und insbesondere in den ländlichen Gebieten bis jetzt fast gar nicht angekommen ist. Das ist der Punkt, auf den wir uns konzentrieren mit der Arbeit. Und es wird noch Wochen dauern wahrscheinlich, bis zumindest die dringendsten Notwendigkeiten halbwegs abgesichert werden können.

Meurer: Woran, Herr Jordan, liegt das Ihrem Eindruck nach, dass die Hilfe so schleppend anläuft?

Jordan: Es ist nicht das Fehlen von Hilfsgütern, es ist das Fehlen einer lokalen Struktur, einer Hilfsstruktur, die es eigentlich geben sollte, die aber nur auf zentraler Ebene tatsächlich funktioniert - also was die staatliche Hilfe, die Koordinierung angeht. Es wird viel gearbeitet, aber es wird vor allem improvisiert, weil auf lokaler Ebene die notwendigen Komitees nicht arbeiten. Und so läuft die Arbeit der verschiedenen Organisationen weitgehend nebeneinander her. Es ist sehr mühselig, eine mühselige Kleinarbeit, das zu koordinieren.

Meurer: Wie konkret muss man sich Ihre Arbeit vorstellen? Arbeiten Sie mit lokalen Hilfsorganisationen zusammen, oder wie machen Sie das?

Jordan: Wir arbeiten grundsätzlich mit lokalen Partnern, in diesem Fall vor allem mit Bauernorganisationen, was es uns ermöglicht, sehr schnell in sehr entlegene Gebiete zu kommen, eine genaue Information zu haben und vor allem die Gruppen zu erreichen, die sich selbst organisieren, die sich selbst helfen können. Das ist für uns ein entscheidender Teil der Arbeit, die Eigeninitiative der Betroffenen. Das geht, wenn man mit einer Organisation arbeitet, die schon besteht. Dann kommt die Hilfe sehr gezielt dahin, wo sie ankommen soll. Das ist das spezifische, was wir machen.

Meurer: Ist die Situation in den Städten etwas besser als auf dem Land, weil die Dörfer auf dem Land schwer zu erreichen sind?

Jordan: In den Städten ist sie vor allem in Pisco, das ist das eigentliche Zentrum des Erdbebens gewesen, deshalb besser, weil es dort den Flugplatz gibt. Da kommen im Abstand von ungefähr 20 Minuten Flugzeuge an aus aller Welt, auch aus Peru. Dadurch ist einfach mehr da, die Intensität der Hilfsorganisationen ist da höher, darum wird mehr versorgt in den Städten. Die ländlichen Gebiete sind durchaus erreichbar, es ist nicht so, dass die Straßen unpassierbar sind, aber sie sind generell nicht so im Blickfeld der lokalen Behörden. Die konzentrieren sich insgesamt immer mehr auf die Städte. Die Bauern sind eine Randgruppe, die keine Lobby hat, die nicht besonders ernst genommen wird, kann man sagen. Das gilt auch so in den normalen Zeiten.

Meurer: Sie haben eben gesagt, Herr Jordan, Sie versorgen die Menschen mit Schutzdächern. Was brauchen die Menschen in den Erdbebengebieten noch, Lebensmittel beispielsweise?

Jordan: Sie brauchen Lebensmittel, aber wesentlich ist im Augenblick ihnen zu helfen, durch die Nächte zu kommen, einen elementaren Schutz, das sind eben Schutzdächer, das sind Decken, das ist Bekleidung - die meisten Leute sind immer noch mit der Bekleidung, die sie im Augenblick des Erdbebens getragen haben. Das ist völlig unzureichend. Das führt zu Krankheiten vor allem für die Kinder, Erkältungskrankheiten, Atemwegserkrankungen. Darauf konzentrieren wir uns eigentlich. Nahrungsmittel wird zunehmend ein Problem, wenn die Reserven, die lokal vorhanden waren, aufgebraucht sind. Das ist dann das zweite, was kommt. Und dann sind einfach andere Maßnahmen notwendig, zum Beispiel eine psychosoziale Betreuung wäre dringend notwendig, weil die Mehrzahl der Betroffenen immer noch im Schockzustand ist, was auch dadurch kommt, dass nach wie vor die Erde hier bebt. Wir haben alle paar Stunden ein spürbares Nachbeben, was dann jedes Mal wieder Panik auslöst bei der Bevölkerung, so dass sie nicht herauskommen aus dem Zustand der Unsicherheit und Verängstigung.

Meurer: Wie schlimm sind denn die Zerstörungen, was ist Ihr Eindruck?

Jordan: Die Zerstörungen in den Städten sind beeindruckend, vor allem in Pisco sieht es wirklich wie nach einer intensiven Bombardierung aus. Es sind praktisch alle Lehmziegelhäuser eingestürzt. Das sind die Häuser, die die ärmeren Bevölkerungsgruppen hier benutzen, Häuser ohne Sicherheitsstrukturen, einfach aus luftgetrockneten Lehmziegel, die sehr schwer sind, aber die keinen Widerstand gegen Erdbeben entwickeln. Die sind flächendeckend eingestürzt, komplett kollabiert. Und der Grossteil der anderen Häuser ist auch nicht mehr benutzbar, weil die Strukturen gebrochen sind innerhalb der Wände. Das wird man alles abreißen müssen in den Monaten, die kommen, auch wenn die Leute noch herausgekommen sind aus diesen Häusern. Und auf dem Land ist es so, fast alle Häuser bestehen aus diesen Adobeziegeln. Und die sind dann auch entsprechend kollabiert. Da finden sie nur noch Lehmhaufen, die übrig geblieben sind. Die Zerstörungen sind sehr, sehr intensiv, und es wird auch jetzt eigentlich erst deutlich das ganze Ausmaß der Zerstörung. Das heißt man kann jetzt schon sagen, es wird einen Jahre dauernden Aufbauprozess geben müssen.

Meurer: Noch kurz gefragt, hat die Polizei das Problem mit den Plünderern mittlerweile im Griff?

Jordan: Die Plünderungen sind eigentlich immer punktuell gewesen. Es sind einzelne Ereignisse gewesen. Es gibt eine generelle Unzufriedenheit, die sich in Aggressivität auch umsetzt der wartenden Bevölkerung gemischt mit kriminellen Handlungen Einzelner. Aber das ist nichts flächendeckendes. Ich denke, das hat sich auch verbessert.

Meurer: Gab es auch Übergriffe gegen Hilfsorganisationen, gegen Ihre Organisation?

Jordan: Nein, das wäre übertrieben zu sagen. Was wir sagen können ist, es gibt schon Äußerungen der Unzufriedenheit, wenn wir auftauchen mit einem Fahrzeug, wo eben keine Hilfsgüter drauf sind, weil wir Informationen suchen, Aktionen planen müssen. Dann erleben wir schon die verbalen Reaktionen der Bevölkerung, die einfach dringend wartet nach fünf Tagen, dass etwas Konkretes ankommt. Wenn man das Bedürfnis nicht befriedigen kann, dann kriegt man diese Unzufriedenheit durchaus auch mal ab. Aber das ist nie soweit gegangen, dass es jetzt Übergriffe gibt. Das wäre überzogen zu sagen.

Meurer: Nach dem Erdbeben in Peru vor fünf Tagen, so lange ist das jetzt schon her, das war Michael Jordan von der Diakonie Katastrophenhilfe.