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StartseiteCampus & KarriereEselsohren erlaubt20.03.2009

Eselsohren erlaubt

Das "KeinBuch" möchte vom Leser übel zugerichtet werden

Eselsohren in die Seiten machen, Fettflecken hinein schmieren oder eine ganze Seite einfach rausreißen - all dies sollten Leser mit einem Buch eigentlich nicht tun. Doch das "KeinBuch" ist eine Ausnahme: Hier sind die verbotenen Handlungen explizit gewünscht. Ein Genuss für frustrierte Bibliothekare, Leser oder Autoren!

Von Elke Hofmann und Christian Schmitt

Mit dem "KeinBuch" darf alles gemacht werden, was bei Büchern sonst tabu ist.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Mit dem "KeinBuch" darf alles gemacht werden, was bei Büchern sonst tabu ist. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"OK. Wow. Ja, das könnte schon Spaß machen!","

sagt Ute Wolter, seit zehn Jahren Bibliothekarin an der Uni-Bibliothek in Köln. Sie hat gerade ein Buch an die Wand geworfen. Eher ungewohnt für jemanden, der berufsmäßig darauf bedacht ist, Bücher in möglichst unversehrtem Zustand zu erhalten. Doch das Buch ist nicht aus dem Bibliotheksbestand.

Sie muss kein schlechtes Gewissen haben, denn das Buch mit dem Titel "KeinBuch" will misshandelt werden: wie, das sagen 86 verschiedene Handlungsanweisungen. Und Frau Wolter hat offensichtlich Spaß daran. Als unsere Testperson blättert sie weiter im Buch, und sieht sich die Aufgaben an:

""'Reiße diese Seite in kleine Stücke und klebe Sie in einem Umschlag wieder ein.' - Das macht einer Bibliothekarin richtig Spaß. Es ist jetzt hier keins von den Bibliotheksbüchern, das möchte ich noch mal ausdrücklich sagen."

Unsere zweite Testperson gehört zu den Kunden von Frau Wolter. Benjamin Gröbe studiert Germanistik in Köln.

Die Bücher, mit denen der 28-Jährige bisher zu tun hatte, waren oft nicht seine eigenen. Seit jeher war die Bücherwelt deshalb für ihn auch eine Welt der Verbote:

"Ich erinnere mich da an die Schulzeit, wo man Lehrbücher ausleihen musste, und die musste man immer schön einschlagen. Und wenn man dann ein Knick drin hatte, dann musste man irgendwie das Buch ersetzen oder den Umschlag bezahlen. Daran kann ich mich noch erinnern - finde ich furchtbar nervig."

Diese Zeiten sind jetzt vorbei. Gerade hat er seine Magisterarbeit fertig geschrieben. Die letzten Bücherstapel hat er in die Bibliothek zurückgebracht. In Zukunft will er nur noch Bücher lesen, die ihm selbst gehören.

Benjamin wehrt sich gegen die Verbote, die ihn sein Leben lang begleitet haben. Seine eigenen Bücher behandelt er anders.

"Da gehe ich sehr wild mit um, weil ich der Meinung bin, dass so ein Buch lebt, und man einen bestimmten Prozess durchlebt, während man das Buch liest. Ich mach mir halt auch Anmerkungen, nehme das Buch überall mit hin, knicke das Buch, wie es gerade am besten zu halten ist - Bücher müssen gelesen aussehen."

Dennoch hält das "KeinBuch" selbst für Benjamin noch einige Überraschungen bereit. Von außen sieht es aus wie ein normales Taschenbuch. Im Inneren gibt es nur wenig Text, die Anweisungen sind knapp, aber deutlich. Eselsohren reinknicken ist dabei eine von den harmloseren. Beim Weiterblättern findet Benjamin noch weitaus ungewöhnlichere Aufgaben.

"'Versprühe hier Deo oder Haarspray.' - Dann werde ich mal das Deo hier benutzen und mal in das Buch reinsprühen. Und es wird sicherlich wunderbar riechen danach. - Man hat hier verschiedene Kreise, man kann hier verschiedene Deos reinsprühen, so hat man auf einer Seite mehrere Geruchsproben. Oh, das stinkt aber ganz schön, meine Güte!"

Ist die erste Hemmschwelle erstmal gefallen, macht es richtig Spaß, sich am "KeinBuch" auszulassen - Löcher in die Seiten brennen, das Buch als Handtuch benutzen, es eine Nacht ins Gefrierfach legen, falten, bekleben, bemalen.

Bibliothekarin Ute Wolter hat schon einen Tacker in der Hand. Die "KeinBuch"-Anweisung: "Tackern Sie diese beiden Seiten zusammen." Und sie überlegt, wie man so manchen Studenten damit ärgern könnte:

"Nun macht das ja auch noch ein bisschen Spaß, es dem nächsten Benutzer ein bisschen schwieriger zu machen. Jetzt kann der natürlich zum Klammeraffen gehen und das wieder aufmachen. Das geht natürlich in der Bibliothek nicht - und wir Bibliothekarinnen machen so etwas auch nicht!"

Die beiden Testbücher sind mittlerweile aufgequollen, angerissen, innen und außen bunt verziert. Die kreativen und destruktiven Handlungen haben ihre Spuren an den "KeinBüchern" hinterlassen. Genauso wie bei unseren Testern.

"Es tut ganz gut, seine Aggressionen abzulassen an einem Buch. Ich sehe das stellvertretend für alle Bücher, die ich nicht gerne gelesen habe - und die ich gerne mal an die Wand geworfen hätte."

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