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StartseiteRock et ceteraPost-Punk aussem Pott17.02.2019

Essener Band International MusicPost-Punk aussem Pott

Mit diesem Bandnamen muss man einfach Karriere machen: International Music. Ein Trio aus Schlagzeuger, Bassist und Gitarrist, mit stoischen Rhythmen, lakonischem Gesang und trockenem Humor. Zwei Schnurrbartträger, einer ohne, zwei der Musiker singen, einer nicht.

Von Anja Buchmann

Zwei Männer mit Gitarre und ein Portrait sind auf einem Plakat abgebildet. (staatsakt)
Ein Trio aus Schlagzeug, Bass und Gitarre. (staatsakt)

Musik: "Cool bleiben"

Der Proberaum

Pedro Goncalves Crescenti, Bass und Gesang, Peter Rubel, Gitarre und Gesang, und Joel Roters, Schlagzeug, sind zusammen International Music aus Essen. Wobei alle drei nicht ursprünglich aus dem Ruhrgebiet kommen, aber seit Jahren dort leben. Und proben. In ihrem Reich, das sie mit zwei weiteren Bands teilen – und wo auch die Aufnahmen zum Doppelalbum "Die frühen Jahre" entstanden sind.

"Wir sind sehr froh, dass wir den bekommen haben. Diesen Raumteiler, einen Vorhang, hat die Johanna die Schwester von Peter genäht. In einem schönen weinrot übrigens, wie die Sound-Elemente, die Joel und Pedro in feinster Handarbeit selbst geklöppelt haben."

Ein kleiner Gang führt zunächst in einen langen schmalen Raum, der eigentlich nur als Instrumenten-Rumpelkammer fungiert.

"Hier stehen vor allem Instrumente rum, von uns und den anderen Bands. Schlagzeug. Tonband Maschinen hier, noch eine riesige alte Tape-Maschine, die leider nicht zu benutzen ist, weil da ein Steuerungselement fehlt. Deswegen sieht sie nur gut aus. Und hier hinten am Ende des Raums sehen wir den Grund, warum es hier leicht ölig riecht nach Heizöl, in diesem Proberaum, da hinten steht ein riesiger Heizölkanister. Den nannten wir mal den Techno-Tunnel und den haben wir als er noch leer stand für die Aufnahmen von "die besten Jahre" als Hallraum benutzt. Ein Mikro da vorne hingestellt, was hier rein gerichtet war. Und dann konnte man den Hallraum hoch und runter ziehen, je nachdem wie man in einem Mix dabei haben wollte. Also wenn das hier recht leer wäre... Ja, das deutet sich an. Aber es ist wirklich mittlerweile kein Hallraum mehr weil hier viel zu viel Kram steht."

Im eigentlichen Proberaum neben diversen Verstärkern, Schlagzeugsets auch eine Orgel. Die sogar einen Namen hat.

"Namens Elka. Wie heißt die? Elka. Die auch ganz prominent auf dem Album drauf ist."

Musik: "Daddy is rich"

"Und hier ist eigentlich der Raum in dem wir proben. Wir wandern auf einem weichen Potpourri von Teppichen. Welches Schlagzeug spielst du von denen? Dieses hier. Das Gretsch? Nein das ist kein Gretsch, das ist… Acho, das ist nur das Fell. Genau, das kommt günstig von Ebay. Schon das zweite. Fürs Album hatte ich ein anderes Schlagzeug von einem Metal- Schlagzeuger aus Gelsenkirchen abgekauft, das hier hat jetzt bessere Toms und ist insgesamt ein bisschen stabiler. Und das ist auch das Set, das du in etwa so bei Konzerten spielst? Genau das Set. Relativ klein, mit Becken, Crash-Becken, Standtom, Bassdrum... Keine Hihat.  Du Spielst keine Hihat? Grundsätzlich nicht? Aus Prinzip. Grundsätzlich nicht, kam uns nicht notwendig vor, außerdem spart es Platz auf der Bühne und im Bus und so weiter."

Bildender Künstler wird Schlagzeuger

Zudem hat Joel, eigentlich Maler und Bildender Künstler, erst vor ein paar Jahren mit dem Schlagzeugspiel begonnen. Autodidaktisch, zusammen mit Pedro und Peter. Die sich schon aus Schulzeiten in Mainz kennen, dort in Bands gespielt haben und auch in Essen in ihrem Duo Düsseldorf Düsterboys gemeinsam Musik machen. Aber irgendwann im Jahr 2015 wollten sie wieder eine richtige Band haben mit Schlagzeug. Und da kam Joel ins Spiel.

"Wir haben da Joel beim Kicken kennengelernt und wir haben mehr und mehr zu dritt gemacht, sind rum gefahren und haben eine Stammkneipe gefunden und irgendwann haben wir uns gedacht: Wenn der Schlagzeug spielen würde, das wäre ideal. Und dann haben wir ihn gefragt und er war offen. Am Anfang war es auch wirklich nur zusammenkommen und Musik machen, einfach nur Spaß und ergebnisoffen. An Veröffentlichungen oder so was haben wir gar nicht gedacht. Er hat sich getraut und es war sehr geil."

Also keine Hihat. Und somit kein filigranes fein-tuning der Grooves. Die beschränken sich bei International Music auf durchgehende Achtel auf dem Ride-Becken (die auch mal weg gelassen werden), die Bassdrum und grundsolide, stoische Snare-Schläge auf zwei und vier, und gelegentliche Einsätze der Toms. Unter anderem bei "Country-Girl", in dem Joel sein erstes drum-break untergebracht hat. Aus der Rubrik: Weniger ist mehr.

Musik: "Country Girl"

Der Reiz am Unperfekten

"Vielleicht ist es eine Eigenart von unserem Musikmachen, dass wir einen Reiz an einer Unperfektheit durchaus sehen. Einer Unfertigkeit."

Peter Rubel von International Music. Spielt Gitarre und singt und studiert instrumentale und elektronische Komposition an der Folkwang-Hochschule in Essen. Seine Kenntnisse in Sachen Komposition und Arrangement bringt er aber höchstens unbewusst mit in die Band, sagt er. Auch wenn er diverse Kompositionstechniken beherrscht und im Proberaum ein kurzes klassisches Ständchen auf dem herumstehenden Harmonium bietet.

Songs schreiben bei International Music bedeutet: Jammen, Ausprobieren, wieder Verwerfen, Aufnehmen und bei der nächsten Probe weiter entwickeln. Aufgeschrieben wird dabei nichts, Noten existieren nicht. Und: Musik und Texte entstehen zusammen, entwickelt meist von Peter und Pedro.

"Ich glaube, Joel bringt auch sehr viel unter, indem er viel Zeit mit uns verbringt, indem wir zu dritt sehr viel Zeit miteinander verbringen auch in der Freizeit. Unter anderem in der Stammkneipe. Bei Kalle. Bei Karl-Heinz. Wirtshaus Warsteiner. Ist die hier in der Nähe? Ja, können wir noch hinlaufen. Die haben auch jetzt schon offen."

Musik: "Kneipe"

"Das finde ich auch immer wieder das Besondere: Warum spielen wir eigentlich die Musik, die wir jetzt spielen. Die 17 Songs die wir aufgenommen haben, wie sind wir eigentlich gekommen. Als wir angefangen haben, haben wir uns über nichts Gedanken gemacht. Wir haben einfach nur zusammen gespielt, völlig ergebnisoffen. Auch noch viel härter. Ach so, werdet ihr langsam softer? Altersmilde. Das lag auch an dem Ambiente in diesem Bunker in Dahlhausen. Der Proberum war in einem Hochbunker mit Graffiti an der Wand, etwas punkiger."

Musik: "Mama, warum?"

Fantasievolles Spiel mit Sprache und Assoziationen

In den Texten von International Music hört man Zeilen, wie "Mama, warum, krieg ich es so wie ichs bestellt hab" oder "Die Narkose hält so lange, wie der Hummer seine Zange" oder "Metallmädchen, mit deinen Schuhen, bist du zu groß für mich". Meist schlichte Sätze, kaum Gebrauch von Fremdwörtern, reimen muss es sich auch nicht immer. Man könnte es als "anti-poetisch" bezeichnen, manche Kritiker schreiben, nicht zu Unrecht, von Kneipenpoesie. Worte bilden Sätze, ohne dass sie beim ersten Hören zusammen passen. Beim zweiten Hören stellen sich dann neue Zusammenhänge dar, Assoziationsketten werden in Gang gesetzt. Oder das Ganze bleibt einfach Klang. Was für die Band wohl auch okay ist.

"Im seltensten Fall wollen wir etwas Bestimmtes sagen in unseren Liedern. Wie ich das wahrnehme, ist das für uns einfach ein fantasievolles Spiel mit Sprache und mit Assoziationen, die dann anfangen loszugehen. Irgendwelche zwei Zeilen, die nicht zusammenpassen, aber in der Verbindung bei einem selbst einen Gedanken oder ein Gefühl auslösen. Aber so wie ich es mir erhoffe relativ unbestimmt, sodass es da keine klare Aussagen gibt sondern jeder kann andere Gedanken und Gefühle zu den Texten haben."

Musik: "Mont St. Michel"

Es geht um Liebe, um gesellschaftliche Zwänge, um Alltagssituationen, manchmal auch um Verzweiflung, in den Texten von International Music. Dazu oft stoische Musik, die ein bisschen nach Velvet Underground schmeckt, ein bisschen nach Krautrock, ein bisschen auch nach Element of Crime ohne Trompete. Hall wird gern verwendet - wir erinnern uns an den sogenannten "Techno-Tunnel" im Proberaum, der als Hallraum benutzt wurde. Die Sänger nuscheln ihre Texte oft auf einem Ton, auch Bass und Gitarre bieten einfache Motive; manchmal nehmen sie alle zusammen Anlauf und breiten sich zum Ende des Songs aus, werden größer, dynamischer, energetischer. Und dann wieder bleibt es ganz schlicht und fast zärtlich, wie in "Kopf der Band" mit seinem prägenden Zweitonmotiv auf der Gitarre. Ein Song, der Platz für große Assoziationen lässt, wenn man Worte hört, wie: "komm her du allerfeinster Unterschied und mach es dir bequem. Vielleicht findest du ja hier ein funktionierendes System" - dabei bezieht Peter diesen Song schlicht auf die Band.

Drei Männer stehen vor einem offenen Fenster und schauen in die Kamera. (staatsakt)Die Band International Music stammen aus Essen. (staatsakt)

"Der Song ist so ein bisschen auf die Band bezogen, weil das zu einer Zeit war, wo wir gemerkt haben dass es echt ziemlich gut funktioniert zu dritt. Und irgendwie kam bei mir wieder die Euphorie auf, die ich schon aus den Band-Zeiten als Teenager mit Pedro kannte, dass man irgendwie merkte: Wir machen Musik zusammen und wir schreiben Songs und die sind total geil. Und dann bin ich wieder in diesen Modus gekommen, dass mich das nicht mehr loslässt. Wenn ich abends im Bett liege, dann denke ich über Band-Sachen nach. über Konzerte, die wir vielleicht spielen und über Songs die noch nicht fertig sind, und denke darüber nach: wo könnte das noch alles hinführen. Genau, in dem Sinne ist "Kopf der Band", der Text: "Ich bin der Kopf der Band. Ich denke Stunden, Tage vor mich hin" - der erzählt so ein bisschen aus meiner Perspektive."

Musik: Kopf der Band

Wie schon erwähnt, spielen Bassist Pedro und Gitarrist Peter auch im Duo zusammen: Die Düsseldorf Düsterboys. Die mit der Hauptstadt Nordrhein-Westfalens nichts zu tun haben. Dafür gibts eine Single mit einem Kölner: Albrecht Schrader, bekannt als Solomusiker und Leiter des Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld, das regelmäßig in Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royale" auftritt. Albrecht Schrader hier als pianistischer Unterstützer der Düsseldorf Düsterboys beim Song "Marijke Amado".

Musik: "Marijke Amado"

Der Weg zum Label

Und von dieser Band, den Düsseldorf Düsterboys, hatten Pedro und Peter eines Tages ein Demo im Gepäck. Als sie nach Berlin fuhren und dort einen alten Freund besuchen wollten. Ihr großer Traum war es, beim Indie-Label Staatsakt ein Album zu veröffentlichen – und so wollten sie dem Labelchef (und Musiker) Maurice Summen ihre Aufnahmen in den Briefkasten schmeißen. Dummerweise ist der Briefkasten im Gebäude, wie Pedro erzählt:

"Dann mussten wir klingeln. Dann habe ich erst noch gesagt: Lass bei einem anderen klingen. Peter hat dann einfach drauf gedrückt und dann hat tatsächlich Maurice Summen, der Label-Chef, aufgemacht. Er war da um Steuerkram zu erledigen, der ist sonst samstags nicht da. Und da hat er gesagt: Hallo. Und wir:…! Und er: Kommt rein, und dann haben wir uns kurz darüber unterhalten, was wir machen und wer wir sind. Und dann haben wir ihm das Versprechen abgenommen, dass er noch am gleichen Tag in die Aufnahmen rein hört. Da hat er sich noch in der Nacht gemeldet, dass es ihm sehr gut gefällt und dass wir ihn weiter auf dem Laufenden halten soll mit Musik. Und seitdem standen wir im Kontakt."

Standen in Kontakt und kamen letztlich mit dem Trio dort hin, wohin sie wollten:

"Nachdem wir ihm die ersten International Music Aufnahmen geschickt hatten, hat er gesagt: Wir machen ein Album. Dann hat er uns Olaf vorgestellt, der in Bochum ansässig ist und aus Waltrop kommt."

Produzent Olaf Opal, der mit den frühen The Notwist, mit Naked Lunch, Juli, Sportfreunde Stiller und auch Die Sterne zusammen gearbeitet hat.

"Also hat er da so ein bisschen lokale lokale… wie sagt man? Lokale Synergien sollten entstehen. Sind auch entstanden. Wir sind sehr froh um diese Bekanntschaft."

Und da sie so viele Songs aufgenommen haben und keinen weglassen wollten, hat die Band ihr Debut "Die besten Jahre dann gleich mal als Doppelalbum veröffentlicht. Darauf auch dieses Liebeslied: "Farbiges Licht".

Musik: "Farbiges Licht"

'Ich erinnere mich noch, ich war in Brasilien im Urlaub nach den Aufnahmen und habe die Mixes gehört nachts im Dunkeln mit Kopfhörern, und dann habe ich dem Peter einen Brief geschrieben. Ich weiß nicht ob du dich noch erinnerst. Also den habe ich ihm erst viel später gegeben, also nicht abgeschickt, sondern persönlich überreicht sozusagen. Genau, aber da war ich schon ziemlich begeistert. Und wenn man dann merkt, dass das gut geworden ist, was man selbst gemacht ist, dann wachsen natürlich auch die Hoffnungen dass das auch Leute hören, dass das nicht irgendwo in der Schublade ist, sondern dass es genügend Fläche bekommt, dass die Leute die vielleicht eine ähnliche Begeisterung für das teilen würden wie wir, das auch dann zu hören bekommen.'

Die Resonanz ist bisher gut. International Music hat 2018 etwa 50 Konzerte gespielt, die Band bekommt gute Kritiken und auch für 2019 stehen einige Festivals an sowie zwei Clubkonzerte am 2. und 3. Mai in Hamburg und Berlin unter dem Motto "Soundcheck der Gefühle".

Musik: "Metallmädchen"

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