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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDer dunkle Faktor der Persönlichkeit20.12.2018

Essenz des BösenDer dunkle Faktor der Persönlichkeit

Jede Gesellschaft muss sich mit dem Bösen auseinandersetzen. Für viele indigene Kulturen ist es mit dem Guten untrennbar verwoben, westliche Kulturen suchen traditionell einen Verursacher, einen Dieb oder Mörder. Neue Studien gehen nun einem „Dunklen Faktor“ nach, der in jedem von uns steckt.

Von Mirko Smiljanic

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Optische Täuschung: Zwei Hände halten jeweils einen Engel und einen Teufel, die mit Kreide auf eine Tafel gezeichnet sind. (imago/Photocase)
Jeder Mensch hat neben der guten auch eine böse Seite (imago/Photocase)
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Nichts fasziniert Menschen so sehr wie das Böse. Es ist allgegenwärtig und bedroht jeden, es führt in Versuchung mit einem süßen Gift, dem sich kaum jemand auf Dauer erwehren kann. Jede Gesellschaft, jede Religion, jede Kultur muss sich mit den dunklen Seiten der menschlichen Existenz auseinandersetzen. Was ist das Böse? Wie geht die Gesellschaft mit ihm um? Warum springt manches Böse überdeutlich ins Auge, während es an anderer Stelle und in anderer Form kaum wahrgenommen wird?

München, "Museum Fünf Kontinente". Ein prachtvoller Bau in der Maximilianstraße, dessen Geschichte weit zurückreicht. 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland mit dem Namen "Königlich Ethnographische Sammlung" gegründet, besitzt es mittlerweile eine der größten völkerkundlichen Sammlungen Deutschlands: 160.000 Objekte außereuropäischer Kulturen haben die Ethnologen gesammelt, 135.000 Fotografien sowie eine Fachbibliothek von mehr als 100.000 Bänden. Hohe Hallen, leicht gedämpftes Licht, nirgendwo Enge - eine angenehme Atmosphäre. Dr. Stefan Eisenhofer, Kurator der Abteilung "Afrika und Nordamerika", führt an diesem Vormittag durch die Afrika-Sammlung, zeigt große Figuren, kleine Masken und bleibt schließlich vor einer Vitrine mit einem seltsamen, etwa 50 Zentimeter langen und 20 Zentimeter hohen Objekt stehen.

"Und zwar handelt es sich hier um eine Kraftfigur, lange Zeit in Europa und in der westlichen Welt auch als Nagelfetisch bezeichnet, ein doppelköpfiger Hund, in den Metallnägel und Metallteile getrieben, geschlagen wurden. Dieser doppelköpfige Hund blickt mit einem Gesicht in die Welt der Lebenden, also in unsere diesseitige Welt, mit dem anderen Kopf in die Welt der Toten, der Gestorbenen, der Ahnen, also in die jenseitige Welt."

Die Ethnologen dachten lange, die Menschen im Kongo sähen im Nagelhund einen Teufelsdiener", eine Figur, die Böses über einzelne Personen, Familien, ja ganze Stämme bringen kann.

Indigene Völker kennen das Doppelköpfige und Doppeldeutige

"Letztlich ist es aber aus der einheimischen Sicht in der Kongoregion komplexer und komplizierter. In diesen Figuren sind Kräfte, mächtige Kräfte, gebündelt, und diese Kräfte sind per se nicht gut oder böse, sondern einfach wirksam. Das Schädliche oder das Nützliche entsteht erst durch den Kontext und die Intention, die Absicht des Ritualspezialisten, der die Kräfte, die in der Figur gebunden sind, befreit und lenkt."

Viele Kulturen kennen das Doppelköpfige, Doppeldeutige. Die Göttin Kali, übersetzt "Das Schwarze", ist im Hinduismus sowohl für Tod und Zerstörung zuständig, als auch für Erneuerung. Zeigt Kali ihre sanfte Seite, heißt sie Durga. Ähnlich ist es auf Bali: Dort kämpft das Gute - symbolisiert durch die Figur Barong - gegen die böse Hexe Rangda. Mal hat das Gute Vorteile, mal das Böse, nie gibt es Sieger, Gut und Böse halten sich die Waage, sind zwei Seiten derselben Medaille. In etwa vergleichbar mit dem schwarzen Nagelhund aus dem Kongo, der ebenfalls Niemandem den endgültigen Sieg beschert.

"Es ist tatsächlich Grauzone, Verhandlungssache, und tendenziell ist es so, dass das, was der Gemeinschaft nutzt, der Familie, der Gemeinschaft, der Ortsgruppe, dem Dorf, das wird, ja, nicht unbedingt als Gut oder Böse bezeichnet, sondern als förderlich, der Gemeinschaft dienlich, Fruchtbarkeit fördernd, während die anderen Aspekte eben das Zerstörerische sind."

Gutes, Förderliches und Fruchtbares nutzt der Gemeinschaft, das Böse, das Zerstörerische schadet ihr. Eine Vorstellung, die sich wie ein roter Faden durch die Ideenwelt vieler indigener Völker ziehen. Gut ist eine harmonische Gesellschaft, böse, wenn etwas die Harmonie stört. Raub und Mord etwa, Krieg und Krankheit. Der Verursacher des Bösen, der Dieb, der Mörder, wird erst in einem zweiten Schritt benannt und haftbar gemacht. Ganz anders als in westlichen Gesellschaften, die böse Taten sofort einer Person zuordnen.

Jeder Mensch ist gleichermaßen gut und böse

"Für mich persönlich ist das Böse, wenn ein Mensch seine persönlichen Interessen ganz bewusst über die anderer stellt und entscheidet, um irgendein Bedürfnis zu befriedigen, anderen Menschen zu schaden. Wenn es das bewusst und in klarem Wissen, dass das so ist, entscheidet, dann ist das für mich eine unsoziale Entscheidung, und unsoziale Entscheidungen könnte man als böse bezeichnen."

Lydia Benecke, Kriminalpsychologin, Köln:

"Alle Menschen haben Momente, wo sie sich vielleicht zugunsten anderer entscheiden, um Momente, wo sie sich zu eigenen Gunsten oder auch egoistisch entscheiden. Es gibt keinen Menschen, der sich immer nur für andere entscheidet und immer nur für andere gibt, und es gibt auch keinen Menschen, der in hundert Prozent all seiner Entscheidungen anderen schadet und sich nutzt."

Jeder Mensch ist Gut und Böse gleichermaßen, blickt wie der Krafthund aus dem Kongo symbolisch in zwei Welten. Welche Ursprünge das Böse und das Gute haben, ist damit nicht beantwortet. Diese Frage untersuchten drei Psychologen aus Ulm, Landau und Kopenhagen in einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie. Haben Egoisten, Machiavellisten, Narzissten, Psychopathen und Sadisten einen gemeinsamen Nenner, fragten sie, gibt es einen "dunklen Faktor der Persönlichkeit" - den D-Faktor - auf den sich alles Böse zurückführen lässt?

Egoismus ist die Quelle des Bösen

"Die Definition, die wir erarbeitet haben, besteht darin, dass das letztlich die Tendenz ist, seinen eigenen Nutzen oder seine eigenen Interessen permanent vor alles andere zu stellen, über alles andere zu stellen, und dabei die Kosten, die das für andere oder für die Gesellschaft hat, zu ignorieren, manchmal sogar diese Kosten aufzusuchen, also absichtlich anderen zu schaden."

Benjamin Hilbig, Professor für Psychologie an der Universität Koblenz-Landau.

"Und das Ganze geht dann noch einher mit Überzeugungen, die dazu dienen als Rechtfertigung. Ich kann zum Beispiel davon überzeugt sein, dass ich nun mal überlegen bin und deshalb das darf, meinen eigenen Nutzen allen voranstellen. Oder ich kann überzeugt sein, dass die Welt sowieso schlecht ist und jeder nur für sich selbst kämpft und so weiter. Das heißt zusammengefasst, es ist eine Art übertriebener Egoismus, der im Zweifel sogar über Leichen geht, also Kosten anderer in Kauf nimmt oder ignoriert oder sogar aufsucht, einhergehend mit bestimmten Überzeugungen, die einem als Rechtfertigung dienen."

Übertriebener Egoismus ist der gemeinsame Nenner von neun "bösen" Persönlichkeitseigenschaften, postulieren die Forscher. Dazu zählen Egoismus, Gehässigkeit, Machiavellismus, moralische Enthemmung, Narzissmus, Psychopathie, Sadismus, Selbstbezogenheit und übertriebene Ansprüchlichkeit. Nun mag man einwenden, Egoismus sei doch letztlich eine gesellschaftlich erwünschte Eigenschaft. Weder in Wissenschaft und Kultur, noch in Wirtschaft und Politik sind Spitzenleistungen ohne ausgeprägten Egoismus denkbar.

"Was wir nicht tun wollen und tun können, ist, unterscheiden zwischen einem gesunden und einem ungesunden Ausmaß, sondern es gibt eine Dimension. Es fängt an bei gar keinem Egoismus und endet bei extremen Egoismus, und der wesentlich Punkt ist, dass dieser dunkle Faktor nicht nur bedeutet, dass man seine Interessen durchsetzt, sondern dabei auch über Leichen geht und anderen Kosten verursacht. Wenn Sie jetzt sagen, das ist doch typisch für einen Politiker, würde ich sagen, das mag sein, dann ist es in unserer Gesellschaft vielleicht so, dass wir tendenziell Menschen mit einem höheren D-Faktor für diesen Beruft für geeignet halten."

Ob gefeierter Politiker oder Krimineller - die Entscheidung fällt im Nachhinein

Woraus auch folgt: Bei manchen egoistischen Menschen stellt sich erst im Nachhinein heraus, ob sie als Kriminelle enden oder als Bundeskanzler respektive Bundekanzlerin.

"(Lacht) Also, das haben Sie gesagt, das hätte ich mir so nicht ausgedacht in dieser extremen Form, aber im Prinzip stimmt das natürlich. Man könnte zwei Personen sich vorstellen mit gleichermaßen hohen Werten auf diesen Faktor, die sehr unterschiedlich enden in unserer Gesellschaft, aber das macht ja auch Sinn, denn wo man endet, wird von ganz vielen anderen Faktoren abhängig sein. Mit Sicherheit von dem sozialen Kontext, in dem man aufwächst, den Chancen, die man so hat, dem Bildungsniveau möglicherweise und so weiter, und so fort. Wie sehr sich unsere Eigenschaften niederschlagen in unserem Leben, hängt immer massiv von den Randbedingungen ab."

Wie die dunklen Eigenschaften entstehen, kann Benjamin Hilbig nicht erklären.

"Aber die Frage, wie entstehen Eigenschaften, ist eine, die in der Persönlichkeitsforschung schon seit Jahrzehnten im Grunde gestellt wird, und es gibt sicher Hinweise, dass sowohl genetische Faktoren eine Rolle spielen, als auch eben, ich sag mal, sozialer Kontext. Das gilt für die allermeisten Eigenschaften, die es in der Persönlichkeitsforschung so gibt. Ich würde mal wagen, zu behaupten, es ist sehr wahrscheinlich, dass es für "D" auch gilt, also eine Mischung aus erblichen, vielleicht sogar biologischen Faktoren, als auch Umfeld, Erziehung und so weiter, und so fort."

Zusammenhänge, die sich überprüfen lassen müssten an realen Kriminalfällen. Zwei Verbrechen haben in den letzten Monaten für Entsetzen gesorgt. Der Fall des Kindesmissbrauchs in Staufen bei Freiburg, wo eine Mutter ihren eigenen Sohn im Internet gegen Geld zur Vergewaltigung angeboten hat; und der Serienmord eines Oldenburger Pflegers, der nach eigener Aussage während seines Dienstes auf Intensivstationen mehr als 100 Patienten ermordet hat. Der Psychiater Karl Beine hat diese und weitere Morde in seinem Buch "Tatort Krankenhaus" näher untersucht. Was sind das für Menschen, die zu so monströsen Verbrechen fähig sind?

Serienmörder in Kliniken sind psychisch instabil

"Anfällig für solche Serientötungen in Kliniken und Heimen sind Menschen, die von Haus aus in besonderer Weise selbst unsicher sind, im tiefen Kern selbst unsicher sind und in besonderer Weise angewiesen sind zur Stabilisierung ihrer eigenen Person auf Anerkennung und Wertschätzung und Lob von außen."

Karl Beine, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten-Herdecke und Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm.

"Und wenn bei der Berufswahl das Motiv der Anerkennung, der Wertschätzung überwiegt oder ausschließlich die Berufswahl erfolgt, um eigene Selbstwertprobleme zu kompensieren, dann ist die Enttäuschung vorprogrammiert, weil, der Berufsalltag in deutschen Krankenhäusern ist hart."

Mit der Zeit baut sich Frustration auf, der Stresslevel steigt, Sprachlosigkeit macht sich breit.

"Dann kommt es am Ende zu einem Zustand, an dem das eigene Missempfinden nicht trennscharf unterschieden wird vom Leiden der Patientinnen und Patienten, und es kommt zu einer Abwärtsspirale, an deren Ende der Beruf sinnlos erscheint, die Bemühungen sinnlos erscheinen und sich eine Leere einstellt, die dann unerträglich wird für den Täter."

Weder sucht er professionelle Hilfe durch Therapeuten, noch das Gespräch mit Kollegen oder Vorgesetzten.

"Und es kommt dann dazu, dass der Täter meint, mit seinem Eingreifen, also mit der Tötung von Menschen, dem Betroffenen etwas Gutes zu tun. Im Kern erlöst er sich aber selber von dem für ihn unerträglichen Anblick und befreit sich damit aus einer Situation, jedenfalls für den Moment, aus dem er meint, sich nicht anders befreien zu können."

Der Täter füllt die eigene Leere, indem er sich zum Herrn über Leben und Tod aufschwingt. Weil das befreiende Gefühl nach einem Mord nicht lange anhält, tötet er schließlich in immer kürzeren Takten. Und weil im Krankenhaus der Tod normal ist, fällt niemandem auf, dass in bestimmten Schichten besonders viele Patienten sterben. Wenn doch, wiegeln die Verantwortlich häufig ab: Der Täter oder die Täterin wird mit einem guten Zeugnis versehen entlassen, Stress mit der Polizei stört nur die Klinikabläufe. Die Gesellschaft, zumindest die unmittelbar involvierten Gruppen und Kreise, tragen bei solchen Taten immer eine Mitverantwortung. So auch beim Missbrauchsfall von Staufen, wo die eigene Mutter die Haupttäterin ist. Die eigene Mutter?

Auch Mütter misshandeln und töten die eigenen Kinder

"Wahrscheinlich ist diese emotionale Entsetzensreaktion bei Frauen, die wirklich ein Kind sogar zu Tode quälen, alleine oder mit einem Partner, dieses Entsetzen basiert sicher darauf, dass die Vorstellung, wie eine Mutter sein sollte, nämlich dass sie ihr Kind über alles lieben und beschützen müsste, so weit weg ist von einer Mutter, die ihr Kind quält."

Die Vorstellung einer aktiv ihr Kind misshandelnden Mutter stellt immer auch das Wertesystem der Gesellschaft in Frage. Daher verweigert sich die Gesellschaft oft der Tatsache, dass auch Frauen Täterinnen sind – so die Kölner Kriminalpsychologin Lydia Benecke.

"Ein Problem ist, dass, wenn Frauen sexuelle Misshandlungen begehen an Kindern, an Minderjährigen, an Jugendlichen, dass die eine sehr viel größere Wahrscheinlichkeit haben, damit durchzukommen. Trotzdem begehen sicher deutlich mehr Männer als Frauen Sexualstraftaten, aber das Dunkelfeld ist bei Frauen prozentual sicher größer als bei der Gruppe der Männer, auch wenn die Gruppe der Männer die größere ist gegenüber den Frauen, weil Frauen eben fast nie angezeigt werden."

Und zwar nicht, weil sie geschickter sind und sich nicht erwischen lassen, sondern weil Missbrauch von Frauen selbst von den Opfern häufig nicht als Missbrauch erkannt wird. Frauen sind im Wertesystem westlicher Gesellschaften eher gut als böse. Dies aufzubrechen ist schwer.

"Es hat uns niemand ein leichtes Leben versprochen, und selbstverständlich ist es mit Anstrengungen verbunden, für die eigene Überzeugung einzustehen und das Böse anzuschuldigen und das Böse zu erkennen."

Ziel müsse sein, so Karl Beine, Psychiater an der Universität Witten-Herdecke, die dunklen Eigenschaften im Menschen im Zaum zu halten.

"Wir wissen, wo Gefahrenquellen liegen für bösartige Entartungen, das wissen wir in den Familien, das wissen wir in den kleineren und größeren Gruppen und das wissen wir auch für die Gesellschaft. Wir müssen uns erinnern, wir müssen verantwortlich durcharbeiten, was uns in der Vergangenheit widerfahren ist und dafür sorgen, dass das Risiko möglichst gering bleibt, dass das Böse Platz greift, dass das Böse die Überhand gewinnt."

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