Mittwoch, 21.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterview"Ohne den Verbraucher geht es nicht"24.10.2018

EU-Abstimmung zu Plastikmüll"Ohne den Verbraucher geht es nicht"

Das Problem mit Plastikmüll könne keine Industrie alleine lösen, sagte Rüdiger Baunemann vom Verband der deutschen Kunststoff-Erzeuger im Dlf. In Deutschland habe man viel erreicht, in Europa sei aber noch einiges zu tun. Dennoch würden sich auch in Zukunft nicht alle Produkte recyceln lassen.

Rüdiger Baunemann im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Entsorgung von Haushaltsabfällen Blick in eine gelbe Wertstofftonne am Straßenrand (imago stock&people)
Ein Blick in die Gelbe Tonne zeigt: In Deutschland fällt viel Plastikmüll an (imago stock&people)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Plastikmüll EU-Parlament diskutiert über Plastikverbot

"The Ocean Cleanup" Im Kampf gegen Plastikmüll

Michael Braungart zu Plastikmüll "Wir könnten jetzt alles noch mal neu erfinden"

Weniger Plastikmüll Die Regelungen im neuen Verpackungskatalog

Tobias Armbrüster: Seit gestern wissen wir: Kleine Plastikpartikel schaffen es bis in den menschlichen Körper. Forscher in Wien haben Mikroplastik im Darm von mehreren Versuchspersonen gefunden. Diese Studie passt ganz gut zu einer Abstimmung, die heute im Europaparlament in Straßburg ansteht. Da geht es nämlich um die steigenden Plastikabfälle und um ein Verbot von vielen Wegwerfprodukten.

Wir wollen darüber noch etwas genauer sprechen mit einem Lobbyisten der Kunststoff-Industrie. Am Telefon hier im Deutschlandfunk ist jetzt Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer von PlasticsEurope Deutschland. Das ist der Verband der deutschen Kunststoff-Erzeuger. Schönen guten Morgen, Herr Baunemann!

Rüdiger Baunemann: Guten Morgen, Herr Armbrüster! Ich grüße Sie.

Armbrüster: Das sieht nicht gut aus für Ihre Branche, oder?

Baunemann: Nein, das sehe ich nicht wirklich so. Es sind ein paar Aspekte angesprochen, die, glaube ich, geradegerückt werden müssen. Zum Allerersten: Auch wir von der Kunststoff-Industrie wollen natürlich Kunststoff-Abfälle nicht in der Umwelt sehen, sondern da wollen wir ganz klar eine sichere Produktpolitik haben, dass das nicht passiert.

Eine Richtigstellung: Die EU-Kommission sieht keine Gefahr durch Kunststoff-Produkte. Sie hat sogar betont, dass man für viele Lösungen zukünftig die Kunststoffe brauchen wird, und deswegen der verantwortungsvolle Umgang mit den Kunststoffen eigentlich das Wichtige und Richtige ist. Da sind wir gar nicht weit auseinander mit der Kommission.

Armbrüster: Warum tut sich denn Ihre Industrie so schwer damit, selbst eine Lösung zu finden?

Baunemann: Wir tun uns ja gar nicht schwer. Schauen Sie doch mal, was wir in Deutschland alles schon erreicht haben. Wir haben vor 25 Jahren mit dem Verpackungsmüll-Recycling angefangen. Damals ist alles auf die Deponien gekommen. Mittlerweile wird der Kunststoff weitgehend komplett verwertet. Wir haben sehr gute Beispiele, wo das funktioniert. Nehmen sie die PET-Flasche, die jeder in der Hand hat. Die wird mittlerweile fast komplett recycelt und wieder eine neue PET-Flasche daraus gemacht. Es gibt viele gute Beispiele.

Ein Kundin legt eine PET-Flasche in einen Pfandautomat (imago/Gerhard Leber)Ein Kundin legt eine PET-Flasche in einen Pfandautomat (imago/Gerhard Leber)

Armbrüster: Herr Baunemann, trotzdem nehmen die Plastikmüllberge zu. Warum ist das so? Warum kommen wir da nicht von runter?

Baunemann: Die Müllberge nehmen nicht zu. Kunststoff wird weiter eingesetzt, weil es wirklich ein sehr funktionales und vielseitiges Material ist. Die Verpackungen: Wir haben es mittlerweile so, dass 25 Prozent der Verpackungsmaterialien nur Kunststoff ist. Aber wir verpacken über 60 Prozent der entsprechenden Lebensmittel darin. Das ist einfach, weil es funktional einfach und sicher ist, die Lebensmittel zu schützen mit Kunststoff-Verpackungen. Wir müssen nur damit richtig umgehen, wenn wir die Verpackung nicht mehr brauchen, und das ist das Problem, was in Europa besteht. Wir haben in Deutschland viel erreicht; in Europa haben wir da noch Hausaufgaben zu tun. Und wenn wir über andere Regionen dieser Welt reden, da ist echt noch Handlungsbedarf. Das muss man zugeben.

"Zusammenspiel aller Akteure notwendig"

Armbrüster: Warum kriegen Sie das nicht hin, dass zumindest in Deutschland diese Gefahr nicht mehr so drastisch anwächst, zum Beispiel durch Kunststoff-Partikel – wir haben es eben gehört -, die sich im menschlichen Körper wiederfinden – diese Studie, die wir gestern hatten? Wir finden immer mehr Kunststoff-Mikroteile im Boden, es verteilt sich überall. Warum kriegt Ihre Industrie das nicht hin, das zu ändern?

Baunemann: Es kann keine Industrie alleine lösen. Wir brauchen ein Zusammenspiel aller Akteure. Ich glaube, das was in dem Beitrag anklang, was Herr Florenz aus dem Europaparlament gesagt hat, dass wir alle zusammenarbeiten müssen, um da Lösungen zu kriegen, und da auch die Industrie ihre Rolle hat, ist ein ganz wichtiger Punkt.

Das andere: Es ist schwierig für einen Industrievertreter zu sagen, wir müssen den Verbraucher auch mitnehmen, denn der ist derjenige, der seinen Becher wegwirft oder den Strohhalm einfach in die Umwelt schmeißt. Das ist unpopulär!

Armbrüster: Herr Baunemann, ich will es dann mal ganz einfach fragen. Warum brauchen wir überhaupt noch Gemüse und Obst im Supermarkt in aufwendigen Plastikverpackungen?

Frische Lebensmittel, Obst und Gemüse einzeln in Plastikfolie verpackt. (Imago / Jochen Tack)Viele Verbraucher stören sich daran, dass so viel Obst und Gemüse nur verpackt erhältlich ist. (Imago / Jochen Tack)

Baunemann: Das müssen Sie den Handel fragen. Das ist in dem Fall wirklich eine Geschichte, da können wir von der Kunststoff-Seite nicht viel machen. Das ist ein funktionaler Aspekt unseres modernen Konsumverhaltens. Wir kaufen einmal die Woche ein. Und gehen Sie mal in den Supermarkt: Dass jeder jede Paprika in der Hand hat und wieder hinlegt, ist auch nicht zielführend. Aber da müssen wir gemeinsam mit dem Handel darüber nachdenken, was da Sinn macht, und da gibt es ja auch erste Lösungsmöglichkeiten.

Armbrüster: Das heißt, da bieten Sie nur an, was sowieso nachgefragt wird?

Baunemann: Das ist ein Zusammenspiel. Wir bieten Lösungen an und wenn das momentan Ziel ist. Gucken Sie, dieses unsägliche Beispiel des To-Go-Bechers für den Kaffee oder der Plastiktüte. Das ist kein Produkt, wo wir jetzt sagen würden, da hängt die Kunststoff-Industrie in ihrer wirtschaftlichen Stabilität von ab. Aber es wird momentan gebraucht. Und das Entscheidende ist wirklich noch mal, wie wir damit umgehen.

Armbrüster: Aber sitzen jetzt nicht in Ihren Mitgliedsunternehmen auch Menschen in den Chefsesseln, die sich zum Beispiel bei diesem Thema Kunststoffbecher oder Wegwerfbecher fragen, muss das tatsächlich sein, oder sollten wir da nicht lieber den Leuten mal was anderes anbieten, etwas was möglicherweise auch verantwortungsvoller mit unserer Umwelt umgeht?

Baunemann: Herr Armbrüster, das gibt es eigentlich, und diese Fragen stellen wir uns alle auch. Ich bin auch Verbraucher und überlege mir, muss ich jetzt jedes umverpackte und überverpackte Produkt kaufen. Aber ich kann auch den Coffee-to-go-Becher problemlos in einem Mehrwegbecher verwerten. Die gibt es auch aus Kunststoff. Sie kriegen mittlerweile sogar am Bahnhof oder am Flughafen einen Rabatt auf Ihren Kaffee, wenn Sie Ihren eigenen Becher mitbringen. Da gibt es Lösungen und das bietet sich auch in weiterer Hinsicht an. Vielleicht, um da ein bisschen in die Zukunft rauszuschauen: Unsere Mitgliedsunternehmen arbeiten momentan an modernen Technologien, mit denen wir die Kunststoffe wieder zurücknehmen können, um wieder Chemiebausteine für neue Kunststoffe daraus machen zu können. Das wäre ein riesen Fortschritt. Da arbeiten mittlerweile sehr viele unserer Kunststoff-Rohstofferzeuger dran an diesen Modellen.

"Ohne den Verbraucher geht es nicht"

Armbrüster: Um noch mal bei diesem Wegwerfbecher zu bleiben. Das ist tatsächlich dann eher eine Nachfragegeschichte, sagen Sie? Das wollen die Menschen und deshalb wird das angeboten. Sie könnten auch auf wiederverwertbare Becher zurückgreifen?

Baunemann: Die gibt es. Ich habe einen in meiner Tasche, den ich immer dabei habe.

Armbrüster: Sie werden nach wie vor massenweise angeboten und auch massenweise weggeworfen.

Baunemann: Das ist natürlich auch – und auch das ist unpopulär – die Bequemlichkeit von uns als Verbrauchern. Es ist einfach schnell mal so ein Ding zu kaufen und ihn dann einfach am Bahnhof auch wieder in die Mülltonne zu werfen, anstelle ihn mit heimzunehmen oder ins Büro, um ihn zu spülen.

Armbrüster: Das ist jetzt wieder der alt bekannte Einwurf, das alt bekannte Argument. Wenn die Verbraucher das ändern würden, dann würde alles besser werden.

Baunemann: Nein! Es ist nicht alleine der Verbraucher. Aber ohne den Verbraucher geht es nicht. Gucken Sie doch mal. Wir sind in manchen Regionen der Welt, da haben wir noch nicht mal mehr einen Mezger, einen Bäcker, wir haben keinen Supermarkt mit Bedientheke. Da gibt es keine andere Möglichkeit, als bestimmte Dinge verpackt und so zu kaufen. Nur dann muss man damit umgehen, und wir kriegen das hin, indem wir die Modelle für die Supermärkte, für den Handel anbieten können. Aber der Verbraucher muss auch mitspielen. Das Problem kann keiner alleine lösen. Darüber müssen wir uns im Klaren sein. So unpopulär, wie das als Industriemeinung gelten mag.

Armbrüster: Da haben wir jetzt über die Wegwerfprodukte gesprochen. Ein anderes Thema ist natürlich das Recycling. Auch das steht heute im Europaparlament auf der Tagesordnung. Da wird Ihrer Industrie jetzt wahrscheinlich verordnet, dass diese Quoten wesentlich größer ausfallen müssen, dass wesentlich mehr künftig recycelt werden muss. Auch da wieder die Frage: Warum sind Ihre Unternehmen da nicht schon viel früher selbst drauf gekommen, dass man Plastikverpackungen nicht so kompliziert machen soll, dass man sie hinterher nicht wieder auseinandernehmen kann, sondern dass man es möglichst einfach macht, damit man möglichst viel von diesen Verpackungen wiederverwerten kann?

Baunemann: Wir haben uns vielleicht lange und vielleicht auch zu lange darauf konzentriert, wirklich Verpackungen als Hochleistungsprodukt anzubieten. Wenn ich eine Fleisch- oder eine Wurstverpackung habe, die muss sauerstoffstabil sein. Da darf es keinen Sauerstoff geben. Dann muss ich die Verpackung entsprechend ausrichten. Dann brauche ich unterschiedliche Kunststoff-Folien, die miteinander verklebt sind, um das sicherzustellen, und diese Anwendungen sind mittlerweile sehr schwer zu recyceln. Da findet momentan ein Umdenken statt, aber nicht alle Produkte werden sich zukünftig einfach recyceln lassen. Da müssen wir andere Wege gehen, dass wir die Energie aus den Verpackungen nutzen, indem es in Müllverbrennungsanlagen geht, oder, wie eben erwähnt, dass wir wieder die Chemiebausteine daraus machen in unseren Unternehmen, um neue Kunststoffe zu synthetisieren.

"Müllberge gehen auch an uns nicht spurlos vorbei"

Armbrüster: Wieso braucht es dazu jetzt das EU-Parlament, um das rauszufinden und um das zu verordnen? Darauf hätten Sie ja auch selbst kommen können.

Baunemann: Wir sind ja da dran. Es ist ja nicht so, dass unsere Branche nichts macht. Die Müllberge, die wir teilweise in den Meeren sehen, gehen auch an uns nicht spurlos vorüber. Ich war ein paar Mal in Asien die letzte Zeit; da dreht sich mir der Magen um als Kunststoffmensch, wenn ich da sehe, wie die Umwelt da aussieht mit Kunststoff-Verpackungen.

Wir machen ja eine ganze Menge. Die EU-Kommission sieht sich momentan aufgrund der öffentlichen Diskussion bewogen, da was zu tun, und mit den Strohhalmen und den Luftballon-Haltern versucht sie, momentan natürlich einfache Beispiele zu generieren, die man verbieten kann. Aber die komplette Thematik ist deutlich komplexer und komplizierter, wenn ich eine Hochleistungsverpackung für Wurst und Fleisch zukünftig recyceln will. Das ist ein anderes Kaliber als Strohhalme.

Die Altstadtgassen von Palermo sind einerseits geprägt von Verfall der Häuser, zum anderen herrscht hier das pralle Leben Siziliens. (dpa / Wolfgang Thieme / lsn )Recycling ist in anderen europäischen Ländern wie hier in Italien noch nicht so weit wie in Deutschland. (dpa / Wolfgang Thieme / lsn )

Armbrüster: Herr Baunemann, brauchen wir weniger Plastik?

Baunemann: Nein! Überrascht Sie jetzt nicht, dass ich das sage. Für viele Anwendungen brauchen wir eigentlich eher mehr Plastik für unsere Herausforderungen. Denken wir an Elektromobilität, Leichtbau. Nehmen wir an, unsere Häuser, die wir energieeffizient machen wollen, oder alternative Energien. Das ist nicht Verpackung, …

Armbrüster: Das sind alles Produkte, die langlebig sind.

"Komplettausstieg wäre auch nicht im Sinne der Umwelt"

Baunemann: Ja, aber deswegen müssen wir aufpassen, dass wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und sagen, wir brauchen weniger Plastik.

Armbrüster: Wie ist es denn in der Verpackung? Brauchen wir da weniger Plastik? Müssen wir da runter vom Plastik?

Baunemann: Auch nicht zwingend. Wir brauchen je nachdem etwas anderes Plastik oder weiterentwickeltes Plastik. Aber wenn wir komplett aussteigen würden, auf andere Materialien, wäre es auch nicht im Sinne der Umwelt. Da würden wir mehr Abfall produzieren, würden mehr Energie brauchen. Auch das ist eine Geschichte, die mittlerweile klar vom Umweltministerium, vom Umweltbundesamt adressiert wird. Leichtfertig einfach zu sagen, raus aus Plastik, rein in anderes, so einfach wird es auch nicht sein.

Armbrüster: … sagt hier bei uns im Deutschlandfunk Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer von PlasticsEurope Deutschland, dem Verband der deutschen Kunststoff-Erzeuger. Vielen Dank für Ihre Zeit heute Morgen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk