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StartseiteInformationen am MorgenZukunftsängste nach dem Brexit27.06.2016

EU-Ausländer in GroßbritannienZukunftsängste nach dem Brexit

Polen, Italiener, Deutsche oder Franzosen: Viele von ihnen leben und arbeiten schon lange in Großbritannien. Nach dem Brexit ist die Sorge unter den EU-Ausländern im Land groß. Die meisten fürchten um ihr Visum und ihre Zukunft auf der Insel. Nur einige wenige sehen den EU-Austritt als Chance.

Von Gerwald Herter

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Am Barkstone Garden in Kensington ist die traditionelle englische Küche ein wenig in die Defensive geraten. Vorne an der Ecke befindet sich zwar ein Pub – gut besucht, außen grün, drinnen ein langer Tresen, enorm viele Biersorten und das mächtige englische Frühstück - doch  ganz in der Nähe, ein paar Schritte die Straße hinauf liegt auch noch ein italienisches Restaurant, das gute, moderne Küche bietet. Dass die meisten Briten die EU verlassen wollen, hatte hier alle geschockt. Inzwischen kann der italienische Geschäftsführer aber immerhin wieder lachen.   

"Let’s see if we gonna stay in London, that’s the problem."

Mal sehen, ob wir bleiben können. Er gibt zu, dass genau das sein Problem ist, er weiß es einfach nicht, ist unsicher und macht sich um die Zukunft seiner Familie Sorgen. Dabei ist er schon seit 1979 in Großbritannien und in der Gastronomie habe sich seitdem vieles verbessert, davon ist er überzeugt:

"Die Qualität der Restaurants hat sich stark verbessert. Vorher hatte man die ein wenig aus den Augen verloren."

Unsicherheit und Zukunftsängste unter EU-Ausländern

Vorsichtig – mit ein wenig italienisch-britischem Understatement umschreibt er, dase es Ende der 70er-Jahre wohl ziemlich schrecklich gewesen sein muss, in London Essen zu gehen. Und jetzt - ein italienisches Restaurant ohne Italiener, wie soll das gehen? "That would be good to see." Das würde er gerne mal sehen. Schon jetzt arbeiten nicht nur Italiener hier.

Agnieszka, einer jungen Kellnerin aus Polen, ist das Lachen längst vergangen. Seit einem Jahr ist sie hier und will Fotografie studieren. Das kann sie nur mit einem Studienkredit finanzieren, für ein Jahr wird sie das Geld wohl bekommen. Was danach ist, weiß sie nicht: "Yes, I’m scared. My dream of studying in London. It got destroyed." Ihr Traum ist geplatzt.

Sie will nicht umsonst anfangen und nach einem Jahr erfahren, dass es nicht weiter geht. Immerhin sei sie doch schon 24 Jahre alt, sagt Agnieszka, und da wolle sie sich beeilen. Sie hat sogar Verständnis dafür, dass viele Briten nicht noch mehr Ausländer ins Land lassen wollen. Ja, es sei schwierig, einen Londoner in London zu finden, sagt sie, "aber hier will sich doch jeder seine Träume erfüllen. Warum gibt man uns nicht diese Chance?"

"Wer schon länger hier ist, hofft auf eine Lösung"

Am Barkstone Garden kommen ständig Taxis an, Touristen und Geschäftsreisende steigen aus und ziehen ihre Koffer bis zu den Eingängen der Hotels und Mietappartements. Vom Flughafen Heathrow ist dieses Londoner Viertel gut zu erreichen, andererseits liegt es nicht weit von der City entfernt. Erst vor zwei Jahren ist Philip aus dem Ausland zurückgekommen. Der Brite ist 41 Jahre alt und Geschäftsführer eines der Hotels in dieser Straße. Ohne ausländische Zimmermädchen, Rezeptionistinnen und Handwerker könnten sie schließen, sagt er:

"Wir arbeiten mit Menschen aus fast allen europäischen Ländern, Italienern, Polen, Rumänen. Alle sind hier."

Und alle, da ist sich Philip sicher, machen sich Sorgen: "Wer schon länger hier ist, hofft auf eine Lösung. Wer erst vor Kurzem hergekommen ist, hat Angst. Was wird in zwei Jahren sein? Werde ich ein Visum brauchen, wird das Verfahren gut ausgehen? Soll ich wieder nach Hause gehen. Auch der Pfund-Kurs ist wichtig. Wenn es sich nicht mehr lohnt, denn es ist teuer hier zu leben, gehe ich zurück nach Hause."

Also versucht er, seine Angestellten zu beruhigen. Das sei schließlich ein großes Unternehmen, man werde tun, was man könne. Philip ist Londoner, für ihn, wie die meisten Briten hier, ist es selbstverständlich, dass das Vereinigte Königreich zur EU gehören muss:  

"Diese Gesellschaft hat sich verändert. Die alten Zeiten, als es hieß 'hier ist meine Flagge, dafür stehe ich ein', das ist doch vorbei! Wir sollten alle einbeziehen. Es ist doch keine Nationalität besser als die andere. Wer das denkt, ist doch einfach rassistisch."

London ist englisch, deutsch, polnisch, italienisch, rumänisch oder französisch

Viele der Briten, die an diesem Nachmittag ein Spiel der Fußball-Europameisterschaft in diesem Pub verfolgen, sehen das anders als Philip. Zum Referendum wollen die meisten nichts sagen. Der Pub gehört Deutschen, liegt auf der anderen Seite der Themse und ist für seine Bundesliga-Abende berühmt. Draußen kann man in einer kleinen Ecke sogar rauchen. Rainer Sauermann hat noch seine Arbeitsklamotten an. Er stammt aus Bayreuth, hat eine kleine Baufirma und lebt schon seit 38 Jahren in England. Das Steuersystem, sagt er, sei besser als das deutsche. Sorgen macht er sich keine mehr:

"Ne, weil das dauert viel zu lange, ich bin 58, für mich kommt das gar nicht mehr in Frage, aber es geht ja um die jungen."

Zum Beispiel seine Angestellten: "Ja, ich habe drei, alle aus Polen und die sind schon seit 17 Jahren bei mir und da wird nix passieren. Das ist alles Hihahhiha! Die Frage ist, was für ein Trade-Deal wird gemacht, damit sie einen Zugang haben. Wenn sie das nicht machen, dann läuft nichts!"

Weinen oder sich der Situation anpassen

London ist englisch, deutsch, polnisch, italienisch, rumänisch und pakistanisch, südafrikanisch und chinesisch. Und natürlich ist es auch französisch. Es genügt schon im Bus, beim Einkaufen oder in irgendeiner ruhigen Straße genau hinzuhören. Leute, wie der 47-jährige Richard haben eigentlich nie Zeit, er wird heute nach New York fliegen, wie er dieser Freundin nach einem gemeinsamen Essen sagt. Richard sucht qualifizierte Bewerber für ganz bestimmte Jobs. Vielleicht liegt es daran, dass er in der neuen Situation vor allem Chancen sieht:

"Hören Sie, an meine Mitarbeiter habe ich diese Order ausgegeben. Wir müssen Chancen suchen. Im Bereich der Finanzen wird sich viel verschieben. Bewegung in Richtung Dublin, Warschau, ganz sicher Frankfurt. Wir müssen diese Bewegungen verstehen und da ansetzen."

Richard lebt schon so lange in London, dass auch er die Dinge britisch-nüchtern sieht. Man kann jetzt weinen, sagt er, oder sich der neuen Situation anpassen. Der Franzose überlegt schon, ob er sich einen britischen Pass zulegt. Und überhaupt, sagt Richard, so etwas wie der Brexit könne doch auch anderen EU-Ländern bevorstehen. Aus seiner Sicht funktioniert dieses Europa einfach nicht mehr.

 

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