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StartseiteInterviewEU-Studie über Antisemitismus wird unter Verschluss gehalten27.11.2003

EU-Studie über Antisemitismus wird unter Verschluss gehalten

Interview mit Juliane Wetzel, Mitarbeiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung

<strong>Hans-Joachim Wiese:</strong> Am Telefon begrüße ich jetzt Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Sie ist eine der Autoren der fraglichen Untersuchung. Inzwischen gibt es Meldungen von dem EU-Institut aus Wien, die Studie werde nun sehr wohl veröffentlicht. Was denn nun: Wird sie, oder wird sie nicht?

Jüdisches Leben in Europa: Die neue Synagoge in Chemnitz (AP)
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Interview als RealAudio mit Juliane Wetzel, 27.11.2003

Juliane Wetzel: So weit ich die Pressemeldungen des EUMC verstehe, handelt es sich nicht um unsere Studie, sondern es handelt sich um eine Studie, die auf Grund der neuen Ausschreibung entstehen wird. Ich sehe nicht, dass damit unsere Studie gemeint ist. Das scheint mir aus der Pressemeldung auch sehr deutlich hervorzugehen.

Wiese: Ihre Studie wird demnach weiterhin zurückgehalten. Warum glauben Sie, zögert die EU mit der Veröffentlichung dieser Studie?

Wetzel: Die Gruppen, die vor allem verantwortlich sind für die Übergriffe im letzten Frühjahr, insbesondere während der antisemitischen Welle, einerseits junge muslimische Zuwanderer befinden sich in Städten wie Paris oder Amsterdam, also auch in Ländern wie Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Großbritannien. Außerdem haben wir die Problematik angesprochen, dass in Teilen der Linken und der Globalisierungsgegner solche antisemitischen Stereotypen benutzt werden, um Israel zu diffamieren, dass es also eine Grenze gibt zwischen einer legitimen Kritik an Israel und einem Benutzen von antisemitischen Stereotypen.

Wiese: Mit anderen Worten: eine politische Entscheidung, um die in Europa lebenden Moslems nicht zu verschrecken und auch, um Israel nicht zu sehr in die Kritik geraten zu lassen. Habe ich das richtig verstanden?

Wetzel: Der erste Punkt stimmt. Ich denke, es handelt sich schon um eine politische Entscheidung, um diese jungen Muslime zu schützen. Aber: Israel in die Kritik? Das ist, glaube ich, ein anderer Punkt. Der Punkt ist eher der, dass sie eine möglichst breite Kritik zulassen wollen und nicht sehen, dass es eine doch sehr eindeutige Grenze gibt, wann Kritik an Israel in das Benutzen von antisemitischen Stereotypen übergeht.

Wiese: Ihnen wird ja von dem EU-Institut in Wien vorgeworfen, dass die Untersuchung nicht repräsentativ sei, dass die Datenlage zu dünn sei. Damit wird Ihnen auch Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen. Was sagen Sie dazu?

Wetzel: Das ist in gewisser Weise wirklich rufschädigend, was das EUMC da macht. Die Datenlage war die, die man im Spätsommer/Herbst 2002 kurz nach dieser antisemitischen Welle haben konnte, wobei die Daten von den meisten europäischen Ländern von den sogenannten "national focus points" kamen, die das EUMC eingerichtet hat. Das sind Nichtregierungsorganisationen, die die Situation in den jeweiligen Ländern beobachten, die zum Teil natürlich nicht wirklich in der Lage waren, gerade dieses besondere Phänomen des Antisemitismus wirklich genau zu beobachten, was zwei Beispiele auch deutlich gemacht haben. Für zwei Länder, für Großbritannien und für die Niederlande, gab es gar keine derartigen Informationen. Da haben wir den Bericht ausschließlich alleine gemacht. Die Datengrundlage kam vom EUMC. Sie war teilweise mager, das stimmt. Wir sind aber natürlich Experten genug, um in der Lage zu sein, solche Daten zu ergänzen, so dass es auch ein umfassendes Bild gibt. Das sind jetzt Rückzugsgefechte – Entschuldigung – des EUMC, die sehr den Ruf des Zentrums schädigen können. Ich verstehe nicht, warum man sich jetzt auf diese doch etwas merkwürdige Art zurückzieht.

Wiese: Nun ist es ja kein Geheimnis, dass viele Moslems, besonders junge Moslems, Israel gegenüber oft eine besonders kritische, ja feindliche Haltung einnehmen. Ist aber diese Haltung immer gleich mit Antisemitismus gleichzusetzen?

Wetzel: Nein. Das ist genauso wenig gleichzusetzen wie Israelkritik mit Antisemitismus. Das ist ganz klar. Das Problem ist aber, dass diese am Rande der Gesellschaft stehenden muslimischen Jugendlichen sich einen Sündenbock suchen. Sie sind aber propagandistisch von arabischen Medien via Satellitenfernsehen und insbesondere über das World Wide Web beeinflusst. Zum Teil werden ihnen von Imamen soziale Einrichtungen geboten, die ihnen helfen, über ihre schlechte Situation hinwegzukommen, die aber andererseits genau das auch wieder tun, nämlich die Jugendlichen propagandistisch beeinflussen. Es sind vor allen Dingen Themen wie die jüdische Weltverschwörung, die da im Mittelpunkt stehen, oder eben auch die eigentlich aus Europa stammende Auschwitz-Lüge oder Verneinung des Holocaust, die immer wieder von arabischen Medien nach Europa transportiert wird. Es gab in Ägypten zum Beispiel eine 40-teilige Serie, die die zaristische Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion zum Inhalt hatte, und zwar als eine wahre Grundlage. Man kann sich also vorstellen, was das für Propagandamechanismen sind, die dann auch auf die Zuwanderergesellschaften in den europäischen Ländern Einfluss haben, und dass dann die Jugendlichen, wenn sie sich einen Sündenbock suchen, sie diesen in der örtlichen jüdischen Gemeinde beziehungsweise in den örtlichen jüdischen Einrichtungen finden.

Wiese: Frau Wetzel, ich erwähnte eingangs Ariel Scharon, der den Europäern kollektiven Antisemitismus vorwirft und besonders die rund 17 Millionen Moslems in Europa als Gefahr für die Juden bezeichnet. Macht er da nicht genau das gleiche wie das, was Sie gerade sagten? Durch diese Kollektivschuldzuweisung, hat er da nicht genau jenes rassistische Vorurteil geäußert, welches er den Antisemiten vorwirft, bloß umgekehrt?

Wetzel: Diese Aussage ist sicherlich höchst problematisch. Diese Aussage beruht zum einen ja auf den Ergebnissen des Eurobarometers, das im Oktober erstellt worden ist und ermittelt hat, dass 59 Prozent der Europäer in Israel die größte Gefahr des Weltfriedens sehen. Dass diese Studie zum einen etwas problematisch war, dass es Mehrfachnennungen gab, muss man hier berücksichtigen. Dass die Situation in Israel natürlich für die Europäer viel eher eine Bedrohung ist, weil es uns viel näher ist als etwa Nordkorea oder der Iran, ist klar. Diese 59 Prozent kann man also nicht gleichsetzen mit Antisemitismus. Das ist der völlig falsche Ansatz. Ich denke mal, man kann auch nicht sagen, so wie Scharon das gemacht hat, dass die 17 Millionen Moslems, die in Europa leben, für Israel die größte Gefahr sind. So ist es nicht. Wenn Sie hier zum Beispiel an Deutschland denken: Unsere größte muslimische Bevölkerung ist türkisch und ist keineswegs von diesen arabisch-propagandistischen Einflüssen beeinflusst, weil die Türken ja eher pro Israel sind. Das drückt sich auch in der hier ansässigen türkischen Bevölkerung aus.

Wiese: Machen es sich also Scharon und andere zu leicht, wenn sie jede noch so sachliche Kritik an der israelischen Regierungspolitik, ich sage bewusst nicht an Israel oder an den Juden, als antiisraelisch und damit als antisemitisch bezeichnen?

Wetzel: Ja, ich glaube, das ist kontraproduktiv. Damit wird der Begriff Antisemitismus natürlich inflationär benutzt und man trennt nicht mehr scharf zwischen dem, was wirklich legitime Kritik ist und dem, was antisemitisch ist. Dann wird es natürlich auch schwer, anderen Menschen zu erklären, wo diese Grenze ist, wenn man gleich immer pauschal solche Anschuldigungen bringt. Ich glaube, das ist nicht der richtige Weg.

Wiese: Das war Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, vielen Dank für das Gespräch.

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