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EugenikEin Instrument der herrschenden Klasse

Der Begriff Eugenik kam Ende des 19. Jahrhunderts auf und wurde schnell zu einem Konzept der Gesundheitspolitik, um gute Erbanlagen zu vermehren. Der britische Autor Chesterton hat dazu in den 1920er-Jahren einen kritischen Text veröffentlicht. Sein Essay "Eugenik und andere Übel" ist jetzt erstmals auf Deutsch erschienen - und ist immer noch aktuell.

Von Marieke Degen | 30.06.2014

Porträt von Gilbert Keith Chesterton
Gilbert Keith Chesterton, englischer Dichter und Denker (dp / Ria Novosti)
Die Eltern wollen alles perfekt machen. Sie treffen sich mit Komikern, damit das Kind schon im Mutterleib einen Sinn für Humor entwickelt. Und sie umgeben sich nur noch mit hübschen Dingen, damit es einen Sinn für Ästhetik bekommt. Es soll nicht nur gesund, sondern intelligent und schön werden – das erste eugenische Baby, wie Gilbert Keith Chesterton schreibt.
"Einen ausländischen Gentleman pries man in großem Maßstab für seine vorbildliche Absicht, Vater eines Supermanns zu werden. Der entpuppte sich dann als Superfrau, die Eugenette genannt wurde."
Eugenette wird 1913 in London geboren. Es ist eine Zeit, in der sich eugenische Ideen wie ein Lauffeuer verbreiten, quer durch alle Staaten und politischen Lager – auch in Großbritannien. Ihre Anhänger wollen bestimmen, wer sich fortpflanzen darf und wer nicht – etwa um die Gesundheit in der Bevölkerung zu verbessern. Was der Autor Gilbert Keith Chesterton davon hält, macht er schon im Titel klar: Die Eugenik sei ein Übel, das vernichtet werden müsse. Andernfalls drohe die medizinische Tyrannei: Ein paar Ärzte und Wissenschaftler bestimmen über das Schicksal von vielen.
"Die Eugenik an sich ist etwas, über das sich ebenso wenig verhandeln lässt wie über einen Giftanschlag."
Chestertons Essay wurde jetzt, fast 100 Jahre später, zum ersten Mal vollständig ins Deutsche übersetzt. Wiederentdeckt hat ihn der Soziologe Thomas Lemke von der Goethe-Universität Frankfurt.
Einer der wenigen kritischen Intellektullen
"Es ist ein Text, der völlig aus dem Rahmen fällt – historisch geschrieben Anfang der 1920er-Jahre, eigentlich zur Hochzeit der Eugenikbewegung, und Chesterton war eigentlich einer der ganz, ganz wenigen Intellektuellen seiner Zeit, die sich gegen die eugensiche Programmatik, gegen die eugenische Bewegung gestellt haben."
Chestertons Werk besteht aus zwei Teilen. Im ersten zerpflückt er gnadenlos die Argumente der Eugeniker. Im zweiten analysiert er die politischen Interessen hinter der Bewegung. So bemerkt Chesterton, dass ausgerechnet die Eugeniker die Komplexität der Vererbung nicht begriffen hätten – dass eine Zwangsvermählung von gesunden Menschen eben nicht unbedingt zu gesunden Kindern führt.
"Wir müssen einsehen, dass gesunde Nachkommen hier ebenso wenig garantiert sind wie ein gutes Lied garantiert ist, wenn man zwei hübsche Melodien auf demselben Klavier spielt."
Die Widersprüchlichkeit der Eugenik gipfelt für Chesterton im Mental Deficiency Act, einem eugenischen Gesetz, das 1913 in Großbritannien in Kraft trat und das die Definition des menschlichen Schwachsinns beliebig ausweitete.
"Es wird ausdrücklich betont, dass die Verordnung verhindern soll, dass Menschen, die diese Windmacher für nicht intelligent genug zu halten beschließen, heiraten und Kinder kriegen. Jeder düster dreinblickende Vagabund, jeder wortkarge Arbeiter, jeder verschrobene Provinzler lässt sich damit mühelos in Einrichtungen einweisen, die für gemeingefährliche Irre errichtet wurden."
Bei dem Versuch, den Schwachsinn auszurotten, wird jeder zum potenziell Schwachsinnigen erklärt. Die Ausnahme wird zur Regel.
Verbreitete Denkweise
Doch wer profitiert eigentlich von der Eugenik? Für Chesterton sind es die herrschenden Klassen, die Kapitalisten. Sie wollen den Arbeitern die letzte Freiheit nehmen: das private Abenteuer, eine Familie zu gründen.
Chesterton zeigt, dass solche Ideen damals auf fruchtbaren Boden fallen, dass sie gesellschaftlich legitim erscheinen, um die Ausbreitung der Armut zu verhindern. Ein Zeitungsleser etwa plädiert für mehr Abtreibungen. Chesterton zitiert:
"Wenn Leute viele Kinder und niedrige Löhne haben, ist nicht nur die Kindersterblichkeit hoch, sondern es sind oftmals auch jene Kinder, die es bis ins Erwachsenenalter schaffen, verkümmert und geschwächt. Es gäbe weniger Leid, wenn es keine ungewollten Kinder gäbe."
Chesterton bemerkt dazu trocken: "Er hofft auf die Demütigung von Frauen und die Auslöschung von Menschen. Die Erhöhung niedriger schlechter Löhne hält er für aussichtslos."
Chesterton führt uns ein in die Denkweisen des frühen 20. Jahrhunderts. Und er stellt Fragen, die erschreckend aktuell sind: Was gilt als lebenswert – und wer legt das fest? Das allein macht den Essay lesenswert.
Im Kinderwunschzentrum Leipzig  beobachten Mitarbeiter den  Ablauf der Befruchtung einer Eizelle aus
Im Kinderwunschzentrum Leipzig beobachten Mitarbeiter den Ablauf der Befruchtung einer Eizelle aus (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Nachdenken über die Pränataldiagnostik
Unverzichtbar ist die Einleitung des Herausgebers Thomas Lemke, der eine Brücke in die heutige Zeit schlägt. Chesterton liefere wichtige Denkanstöße für aktuelle Debatten über die Pränataldiagnostik, sagt der Soziologe. Heute bestimmen die Eltern zwar selbst, welche Tests sie machen wollen, und nicht der Staat. Aber:
"Die Frage, die sich dann wiederum stellt, ist, welche Mechanismen, Determinanten wirken auf diesen freien Willen dann wiederum ein."
Die meisten Frauen entscheiden sich heutzutage für die Pränataldiagnostik.
"Und natürlich stellt sich auch die Frage, welche Verantwortungskonzepte, mit welchen normativen Erwartungen sind Schwangere oder Paare dann konfrontiert, wenn sich im Rahmen der Pränataldiagnostik, wenn sich da ein sogenannter auffälliger Befund, wenn sich die Diagnose einer möglichen Behinderung abzeichnet, also was wird dann eigentlich sozial erwartet."
90 Prozent aller Kinder mit Down Syndrom werden abgetrieben. Und ein Frauenarzt, der ein behindertes Kind im Mutterleib nicht erkennt, kann von den Eltern auf Schadenersatz verklagt werden.
"Wir leben bereits im eugenischen Staat, und uns bleibt nichts als die Rebellion," schreibt Chesterton in den 20er-Jahren. Die Eugenik von einst – sie mag heute verpönt sein, als Pseudowissenschaft abgetan werden. Doch der Gedanke hat überlebt. An den Möglichkeiten von heute hätten die Eugeniker von damals ihre helle Freude gehabt.
Gilbert Keith Chesterton: "Eugenik und andere Übel".
Herausgegeben von Thomas Lemke und aus dem Englischen übersetzt von Frank Jakubzik.
Suhrkamp Verlag. 279 Seiten, 20 Euro.