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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturTief sitzende Ängste gegen die Impfung23.05.2016

Eula Biss' Buch "Immun"Tief sitzende Ängste gegen die Impfung

Teilweise tödlich verlaufende Infektionen lassen sich heute mit ein paar Spritzen schnell und sicher vermeiden. Viele Menschen lehnen Impfungen allerdings aus verschiedenen Gründen ab. Eula Biss setzt sich in ihrem Buch "Immun – Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung" mit der Argumentation der Impfbefürworter und -gegner auseinander.

Von Mirko Smiljanic

Ein Impfkalender mit Nachweisen für eine Tetanus- und Diphtherieimpfung.   (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Impfkalender: Ein Buch beschäftigt sich mit der Ablehnung von Impfungen. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
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Ein Biologe bezweifelt die Existenz von Masernviren und lobt im Internet 100.000 Euro für denjenigen aus, der den Beweis ihrer Existenz erbringt. Nichts leichter als das, sagt sich ein Arzt, und schickt entsprechende Unterlagen. Das Geld bekam der Mediziner trotzdem nicht, Richter des Landgerichts Ravensburg gaben dem Biologen aus formaljuristischen Gründen Recht.

Für viele Impfgegner ist der Fall aber klar: Es gibt tatsächlich keine Masernviren, sie sind Erfindung einer Pharmaindustrie, die Millionen scheffeln will mit der Angst verunsicherter Eltern.

Wie entstehen solche Verschwörungstheorien? Was sind die Gründe der Impfangst? Die amerikanische Sachbuchautorin Eula Biss sammelt in ihrem Buch "Immun – Über das Impfen" Antworten auf eine Weise, wie es noch niemand gemacht hat. Einem Feldversuch gleich, protokolliert sie ihre eigenen Ängste und die von Impfgegnern.

"Lange bevor es einen entsprechenden Impfstoff gab, fingen die Mütter in meinem Bekanntenkreis schon an, darüber zu debattieren, ob wir die Kinder gegen das neuartige Grippevirus impfen lassen sollten. Eine Mutter erzählte, sie habe eine Fehlgeburt erlitten, nachdem sie eine ganz normale Wintergrippe gehabt habe, weswegen sie sich einfach gegen jede Grippe impfen lassen wolle. Eine andere berichtete, ihre Tochter habe nach der ersten Impfung eine ganze, fürchterliche Nacht durchgeschrien, weswegen sie keine weitere Impfung mehr riskieren würde. Jede Unterhaltung über den neuen Impfstoff weitete sich zu einer Diskussion über das Impfen im Allgemeinen aus."

Diese Diskussionen seien vor allem emotional geprägt, so Biss. Können rationale Fakten und Argumente Ängste auflösen? Nur bedingt! Stattdessen versucht die in Chicago lebende Autorin auf knapp 240 Seiten, die noch so unvernünftigen Ängste zu verstehen, verliert aber nie aus dem Blick, dass sie selbst keine Impfgegnerin ist. Sie spannt einen weiten Bogen von der griechischen Mythologie, neuen Forschungsergebnissen der Immunologie, eigenen Erfahrungen als Mutter, Gesprächen mit Eltern, soziologischen Studien bis zur Geschichte der der Sklaverei in Amerika.

"Impfdebatten wurden und werden meist als Debatten über wissenschaftliche Integrität geführt, obwohl man sie ohne Weiteres auch als Diskurse über Machtverhältnisse sehen könnte. Die Angehörigen der Arbeiterklasse, die sich 1853 gegen die britische Gesetzesregelung einer zwar kostenlosen, aber obligatorischen Impfung auflehnten, fürchteten in Teilen einfach um ihre Freiheit. Und tatsächlich stellen sich beim Thema Impfen, genau wie beim Thema Sklaverei, einige drängende Fragen, was das Recht am eigenen Körper anbelangt."

Teilweise bizarre Argumentation der Impfgegner

Die Argumente rund um das Recht am eigenen Körper bezogen auf Impfungen sind teilweise bizarr, ein Blick in entsprechende Internetforen ist aufschlussreich. Eula Biss versucht sie zu verstehen. Und zwar auch deshalb, weil sie aus der Schicht stammt, die diese Debatte führt.

"Eine Analyse von Daten der US-Gesundheitsbehörde CDC aus dem Jahr 2004 zeigt, dass nicht geimpfte Kinder mit größerer Wahrscheinlichkeit weiß sind, eine eher ältere, verheiratete Mutter mit akademischer Ausbildung haben und in einem Haushalt leben, der ein Einkommen von 75.000 US-Dollar oder mehr aufweist – wie mein Kind."

Der Stich mit der Spritze als Schutz gegen Tetanus, Röteln und Masern – tiefenpsychologisch hat das durchaus eine sexuelle Konnotation – ist immer auch Grenzverletzung, ein gewalttätiger, ja, politischer Akt.

"Beim Vorgang des Impfens trifft der natürliche Körper auf den politischen Körper. Eine einzige Nadel durchsticht hier beide. Dass manche Impfstoffe in der Lage sind, eine kollektive Immunität zu generieren, die der individuellen Immunität überlegen ist, hinterlässt den Eindruck, als ob das Politische nicht nur über einen Körper, sondern sogar über ein Immunsystem verfügt, das in der Lage ist, sich als Ganzes zu schützen. Manche gehen davon aus, dass das, was für den politischen, also für den Staatskörper gut ist, nicht gut sein kann für den natürlichen Körper – dass also die Interessen der beiden Körper im Widerstreit stehen."

Diese Vorstellung sei falsch, so Biss. Jede Kosten-Nutzen-Rechnung belege, dass Impfen sich positiv für das Individuum und für den Staatskörper auswirke, und sei es nur durch sinkende Gesundheitskosten. Aber warum gibt es trotzdem noch Impfgegner? Viele haben Angst, eine falsche Entscheidung für das Kind zu treffen. Hier setzt die Alternativmedizin mit der Vorstellung an, Menschen könnten auf sanfte Weise geschützt und geheilt werden.

"Fühlen wir uns verunreinigt, wird uns Reinigung geboten. Empfinden wir Mangel, werden uns Ergänzungsmittel geboten. Fürchten wir uns vor Giftstoffen, wird uns Entschlackung geboten. Es sind Metaphern im Umlauf, die unsere tief sitzendsten Ängste ansprechen. Und die Sprache der alternativen Medizin hat verstanden, dass wir, wenn es uns schlecht geht, etwas unzweideutig Gutes wollen. Kindern die Möglichkeit zu geben, sich natürlich, also ohne Impfung, gegen ansteckende Krankheiten zu immunisieren, ist für einige ein reizvolles Modell. Einen Großteil seiner Attraktivität verdankt es der Annahme, dass Impfstoffe per se unnatürlich sind."

Eula Biss hat ein ebenso locker geschriebenes wie faktengesättigtes Buch vorgelegt. Sie doziert nicht von oben herab, sondern verfolgt mit jeder Zeile nur ein Ziel: das gesundheitliche Wohlergehen aller zu mehren.

"Wie auch immer wir uns entscheiden, in welchen Bildern wir auch immer über das Gesamtgesellschaftliche denken: Wir alle sind Umwelt füreinander. Immunität ist ein gemeinschaftlich geteilter Raum – ein Garten, den wir gemeinsam hegen und pflegen."

"Immun" ist ein fulminantes Buch – lesenswert für Impfbefürworter und Impfgegner gleichermaßen!

Buchinfos:
Eula Biss: "Immun. Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung",
Deutsche Übersetzung von Kirsten Riesselmann, Hanser Verlag, 240 Seiten, Preis: 19,90 Euro

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