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Europaabgeordneter Florenz: Biosprit muss auf den Prüfstand

Biokraftstoff belastet die Umwelt möglicherweise viel stärker als bisher angenommen. Deshalb hält Karl-Heinz Florenz, CDU-Abgeordneter im Europaparlament, eine Überprüfung der vorgeschriebenen Quote für notwendig. "Wir können nicht hier Biosprit propagieren und dann zusehen, dass der Tropenwald in Argentinien oder Brasilien abgeholzt wird."

Karl-Heinz Florenz im Gespräch mit Jule Reimer | 11.09.2012
    In Deutschland wenig beliebt: der Biokraftstoff E10
    In Deutschland wenig beliebt: der Biokraftstoff E10 (picture alliance / dpa)
    Jule Reimer: E10, das Benzin mit einem zehnprozentigen Pflichtanteil von Biosprit, kommt in Deutschland nicht besonders gut an. Doch vielleicht brauchen sich die Autofahrer demnächst gar nicht mehr so viel darum zu sorgen. Gestern Abend sickerte es durch: Die Europäische Kommission will offenbar die Nutzung von Biokraftstoffen beschränken. Das geht aus einem Gesetzentwurf hervor, den bisher allerdings kaum jemand außer der Nachrichtenagentur Reuters kennt. Auslöser für diese Kehrtwende sollen Erkenntnisse sein, denen zufolge die Nutzung von Biokraftstoff, der aus Palmöl, Soja, Bohnen oder Raps hergestellt wird, das Klima stärker belastet als bislang angenommen.
    In Straßburg bin ich jetzt mit dem CDU-Europaparlamentarier und Mitglied im europäischen Umweltausschuss, Karl-Heinz Florenz, verbunden. Herr Florenz, wissen Sie mittlerweile mehr als wir über den Gesetzentwurf und die Motive für diesen Rückzug aus der Promotion von Biosprit?

    Karl-Heinz Florenz: Also wir haben das Dokument noch nicht. – Schönen guten Morgen! – Aber natürlich geistern solche Gerüchte hier durch Brüssel und Straßburg. 2007 haben wir die 20 Prozent erneuerbare Energie beschlossen, wobei dann ja zehn Prozent in den Transport gehen sollen, und da sind schon einige Jahre herumgegangen und deswegen ist es eigentlich richtig, dass man noch mal überprüft, stimmen die Zahlen noch. Und wenn wir den Gutachten, die wir kennen – da gibt es natürlich welche von ganz links bis ganz rechts -, wenn davon nur die Hälfte stimmt, dann muss man über diese Prozentsätze nachdenken und überlegen …

    Reimer: Warum?

    Florenz: Ja! Wenn die Produktion von Biosprit in der Summe aller Dinge kein CO2-Benefit, also keine Absenkung von CO2 erfährt, dann muss man das nicht unbedingt tun. Da wäre ich sogar dagegen, denn wir fürchten ja leider Gottes, dass sich die Landnutzung in vielen Ländern in Südamerika verändert. Das muss man schon kritisch im Auge behalten. Wir können nicht hier Biosprit propagieren und dann zusehen, dass der Tropenwald in Argentinien oder Brasilien abgeholzt wird. Das wäre eine Katastrophe und das wäre absolut kontraproduktiv für die gesamte CO2-Politik. Also dass man das prüft, halte ich für richtig. Ich halte es auch für richtig, dass man da jetzt keinen Schnellschuss macht. Wenn Kommissar Oettinger das dann betreibt, dann sollte er das behutsam betreiben und wirklich auch das Ende bedenken. Das war 2007 schon ein bisschen schwierig. Heute haben wir eine ganze Menge mehr Informationen, deswegen sehe ich eigentlich diesem Papier mit Gelassenheit entgegen, weil wir dann mehr an den wissenschaftlichen Fakten arbeiten können, und genau das möchte ich.

    Reimer: Das heißt, statt zehn Prozent Biosprit-Anteil oder in irgendeiner Form Energiegewinnung im Verkehrssektor durch erneuerbare Energien soll jetzt der Anteil auf fünf Prozent des gesamten Energieverbrauchs im Transportsektor begrenzt werden. Das heißt, so eine Begrenzung macht Ihrer Ansicht nach Sinn? Ganz aussteigen sollte man nicht?

    Florenz: Ganz aussteigen ist auch aus dem Grunde schlecht, weil man die Technologie weiter im Auge behalten sollte. Man kann ja auch eines Tages mal zu ganz anderen Pflanzen kommen, die ganz andere Kapazitäten haben. Dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Wenn Sie heute einen Raps oder einen Mais oder ein Sudangras produzieren, was zehn Tonnen hat und in Zukunft 25 Tonnen an Masse, dann sieht die Welt natürlich anders aus. Deswegen dürfen wir uns die Türen überhaupt nicht verbauen. Aber man muss über das nachdenken, was im Moment verfügbar ist und wie die Reaktionen weltweit sind.

    Reimer: Es geht ja auch um die hohen Preise im Bereich Weizen, im Bereich Getreide. Auffällig ist, dass bisher nicht von Sprit aus Zuckerrohr oder Zuckerrüben gesprochen wird. Sie selbst bauen ja Zuckerrüben an, Sie sind ja Landwirt von Haus aus, von der vielleicht auch manche im Tank landet. Halten Sie diese Kulturen für effizienter und weniger umweltbelastend?

    Florenz: Ich bin zwar Landwirt, leidenschaftlicher Landwirt, baue aber keine Zuckerrüben an.

    Reimer: Steht auf Ihrer Webseite!

    Florenz: Ja, ich habe sie angebaut, ich bin vor einigen Jahren ausgestiegen, dann müssen wir das noch korrigieren. – Aber wie auch immer: Diese Produkte sind eigentlich viel zu edel gezüchtet über Jahrzehnte, um dann irgendwo im Tank zu landen. Ich glaube, dafür muss man Produkte züchten, deren Kapazität Energieleistung ist und nicht schmackhafter Zucker. Ich glaube, mit einem herkömmlichen Zucker da zu arbeiten, ist falsch, und die Energiebilanz, die wird auch auf die Dauer nicht positiv sein. Da werden wir über Züchtungsfragen möglicherweise zu mehr Biosprit kommen. Aber über die jetzigen konventionellen Mittel, die wir haben, glaube ich, ist es nicht falsch, wenn man noch mal genau prüft, ob die zehn Prozent noch richtig sind. Ich sehe die jetzt heute und morgen nicht abgesenkt, aber sich darüber ein Bild zu verschaffen, was denn nun wirklich aufgrund der neuen Gutachten richtig ist, das kann doch nicht falsch sein.

    Reimer: Die EU-Kommission will den Einsatz von Agrartreibstoffen offenbar einschränken – danke an den CDU-Parlamentarier im Europäischen Parlament, Karl-Heinz Florenz.

    Florenz: Vielen Dank auch, Frau Reimer.


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