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StartseiteComputer und KommunikationHelios soll EU-Plattform für soziale Medien werden29.06.2019

Europäische AlternativeHelios soll EU-Plattform für soziale Medien werden

Spätestens seit den letzten Datenschutzskandalen fragen sich viele Nutzerinnen und Nutzer, ob ihre zentral gespeicherten Daten sicher sind. Dezentralität ermöglicht "einen höheren Grad an Kontrolle über die eigenen Daten", sagte Meinhard Schröder, Mitentwickler im europäischen Forschungsprojekt Helios, im Dlf.

Meinhard Schröder im Gespräch mit Manfed Kloiber

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Illustration zeigt Tags sozialer Medien wie "Like", "Share" oder "follow". (imago / McPGAN)
Ohne Soziale Medien ist der Alltag für die meisten Menschen nicht mehr denkbar - wie und wo sollen die Daten gespeichert werden? (imago / McPGAN)
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Manfred Kloiber: Herr Professor Schröder zusammen mit anderen WissenschaftlerInnen aus der EU arbeiten Sie am Helios-Projekt. Worum geht es dabei?

Meinhard Schröder: Ja, also das Helios Projekt ist ein Projekt zur Entwicklung einer neuen Social-Media-Plattform, also einer Infrastruktur, mit der die Menschen sich vernetzen können und untereinander kommunizieren können. Es ist ein Projekt, das europaweit durchgeführt wird mit Unterstützung oder Finanzierung der Europäischen Kommission im Horizon 2020 - Programm. Und die Universität Passau und ich sind hier für die juristische Begleitung dieses Projekts zuständig.

Kloiber: Es soll eine dezentrale Plattform sein. Was bedeutet das und was soll sie können?

Schröder:  Dezentrale Plattform bedeutet, dass sie auf der Peer-to-Peer Technologie basiert anders als jetzt aktuelle soziale Netzwerke so wie zum Beispiel Facebook, wo wir einen zentralen Akteur haben, der letztlich alles kontrolliert. Hier sollen die Nutzer direkt untereinander interagieren können. Und das ermöglicht es eben, wenn man diesen zentralen Akteur rauslässt, dass man einen höheren Grad an Privatheit, an Vertrauenswürdigkeit und letztlich auch an Kontrolle über die eigenen Daten sicherstellt.

Kloiber: Auf der anderen Seite ist ja die Tatsache, dass ein zentraler Akteur da ist, auch der Vorteil dass immer etwas passiert in dieser Plattform, dass klar ist, nach welchen Spielregeln gehandelt wird, dass bestimmte Angebote kreiert werden. Ist das bei einer dezentralen Plattform anders? Wird es darauf ankommen, was sie jeden Nutzer selber machen lassen wollen?

Schröder: Es wird sicherlich stärker darauf ankommen, was die Nutzer selber machen. Ja, das würde ich so sagen. Wir entwickeln jetzt erstmal nur die eigentliche Plattform. Und was dann auf dieser Basis für Dienste angeboten werden, das muss man noch sehen. Es ist ja ein Forschungsprojekt, das über drei Jahre läuft. Und wir haben jetzt gewisse Usecases entwickelt, was man vielleicht damit machen könnte. Aber es gibt ja auch noch kein abschließendes Szenario, sondern wir schauen, was in den drei Jahren rauskommt.

Netzwerke mehr an Bedürfnissen der Nutzer orientieren

Kloiber: Was sagen denn Ihre Usecases, die Sie sich ausgedacht haben? Was könnte denn da an Diensten entstehen?

Schröder: Also, wir haben einen starken Fokus auf dem sogenannten Internet der Dinge und setzen sehr darauf, dass man auch lokale Netzwerke ad hoc entstehen lassen kann. Also wenn zum Beispiel mehrere Menschen bei einer bestimmten Veranstaltung sind, dass sie einfach aufgrund der Tatsache, dass sie bei dieser Veranstaltung sind, miteinander vernetzt werden könnten. Jeder trägt ja heute ein Mobiltelefon, ein Smartphone mit sich herum. Und diese Smartphones verfügen im Prinzip über die Technologie, dass sie auch miteinander vernetzt werden können über Bluetooth, über was auch immer. Und das wäre ein Szenario, dass man solche Ad hoc Netzwerke generiert. Auch das Internet der Dinge einbindet, dass nicht nur die Menschen untereinander agieren kann sondern auch bestimmte Dinge. Und insgesamt erhoffen wir uns daraus dass dieses soziale Netzwerk stärker auf die eigentlichen Bedürfnisse der Nutzer ausgerichtet ist als das vielleicht jetzt bei Facebook ist. Facebook ist ja eher so wie ein weltumspannendes Telefonbuch, sage ich jetzt mal, wo man vielleicht nicht jeden findet aber viele. Und da geht es mehr darum, dass man tatsächlich das soziale Netzwerk daran ausrichtet, wie Menschen tatsächlich kommunizieren, wie sie interagieren wo da gewisse Gemeinsamkeiten bestehen auch.

Kloiber: Kommen wir noch einmal auf die dezentrale Struktur zurück. Sie haben eben gesagt, ein Vorteil dieser dezentralen Struktur sei auch, dass die Nutzer stärker in der Hand haben, was mit ihren Daten passiert, wie sie benutzt werden. Können Sie das noch ein bisschen erläutern, warum das so ist?

Schröder: Ja, also wir haben ja jetzt zum Beispiel bei Facebook oder auch bei anderen sozialen Netzwerken die Situation, dass wir einen zentralen Anbieter haben. Und man hat ja bei Facebook leider gesehen, dass der Datenschutz da nicht immer so gehandhabt wird, wie sich die Nutzer das vorgestellt haben, auch wie sich das Recht es vorstellt. Und das ist etwas, was bei einem dezentralen Netzwerk natürlich ganz anders wäre, weil jeder immer nur für die Daten verantwortlich ist, die sozusagen auf seinem Endgerät sind. Und da hat man ein höheres Maß an Kontrolle drüber.

Das Recht auf Vergessen

Kloiber: Sie wollen bei diesem Projekt auch den Einsatz von Blockchain-Technologie überprüfen. Wie soll das aussehen und welche Fragen ergeben sich in diesem Zusammenhang damit?

Schröder: Also, Blockchain ist ja eine besonders vertrauenswürdige Technologie, weil man im Nachhinein Transaktionen nicht mehr ändern kann. Das kennt man zum Beispiel von Kryptowährungen und ähnlichem. Und unsere Überlegung ist eben, dass man das auch in sozialen Netzwerken verwenden kann, um ein besonderes Maß an Vertrauen zu generieren und dass die Nutzer eben nur besonders vertrauenswürdige Transaktionen vornehmen. Welche Probleme ergeben sich daraus? Naja, Blockchain ist in gewisser Weise in die Kritik geraten zum einen wegen der großen Rechenleistungen, die dafür erforderlich sind. Das spricht sicherlich dafür, auch aus Umweltgesichtspunkten, dass man den Einsatz wirklich darauf beschränkt, wo man es wirklich braucht und wo man dieses hohe Maß an Vertrauenswürdigkeit braucht und nicht einfach pauschal sagt, alles muss in die Blockchain. Ein weiterer Aspekt ist sicherlich der Datenschutz. Wir haben ja ein sogenanntes Recht auf Vergessen Werden jetzt in der Datenschutz-Grundverordnung, das hatte der Europäische Gerichtshof auch schon vorher entwickelt. Wenn sie aber andererseits eine Blockchain haben, in der nichts mehr nachträglich geändert werden kann, dann ist natürlich dieses Recht auf Vergessen Werden etwas schwierig umzusetzen, weil man eben nichts vergessen kann letztlich. Da ist etwas was wir auch aus juristischer Sicht begleiten, ob man das vielleicht mit Verschlüsselungen und ähnlichem in den Griff kriegen kann.

Kloiber: Sie haben gesagt, dass dieses Projekt ein Forschungsprojekt ist auf drei Jahre angelegt ist. Nun ist es so, wenn das Forschungsprojekt fertig ist, dann gibt es vielleicht diese Plattform und die Menschen können sich entscheiden, ob sie diese Plattform nutzen wollen oder nicht. Da gibt es den sogenannten Log-in Effekt, nämlich dass die Leute auf die Plattform gehen, wo auch alle ihre Freunde sind. Etliche nichtkommerzielle Alternativen sind daran schon gescheitert. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?

Schröder: Ja, also man kann natürlich nicht einfach sagen, Facebook hat auch mal klein angefangen und es war auch nur ein UNI-Netzwerk. Das wäre sicherlich blauäugig. Aber wir sehen uns jetzt auch gar nicht so sehr als Konkurrenz zu diesem großen sozialen Netzwerk, das weltweit agiert. Sondern wir wollen eine Infrastruktur bereitstellen, die es eben auch ermöglicht kleine lokale Netzwerke zu gründen, auch diese Ad hoc - Netzwerke. Und da glaube ich, wenn man sich auch ansieht, dass heutzutage so Nachbarschaft-Netzwerke eine Renaissance erleben und ähnliches, dass da durchaus ein Markt für sein könnte. Das auch ein begrenzter Nutzerkreis sagt, gerade wir wollen miteinander vernetzt sein zu einem bestimmten Thema. Und es geht nicht um diese globale aber deswegen auch wenig auf die konkreten Bedürfnisse der Nutzer zugeschnittene Vernetzung die Facebook z.B. bietet.

Kloiber: Das war Professor Meinhard Schröder von der Universität Passau über das Projekt Helios zum Aufbau einer dezentralen sozialen Plattform.

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