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StartseiteEuropa heuteKoordination des Galileo-Navigationssystems12.12.2017

Europäische Ambitionen in PragKoordination des Galileo-Navigationssystems

In den USA, in Russland und China unterstehen Navigations-Satelliten dem Militär. Anders läuft es in Europa: Das Galileo-System wird von einer zivilen Behörde geführt. Die Zentrale der europäischen Agentur ist in Prag und steht seit ihrer Eröffnung 2012 in der Kritik.

Von Kilian Kirchgeßner

Einweihung des neuen Hauptquartiers der Agentur für das Europäische GNSS in Prag im September 2012. Die Zentrale war von Brüssel nach Prag verlegt. (DPA/Vit Simanek)
Die Zentrale für das Europäische Satellitennavigationssystem GNSS war bereits 2012 in Prag eröffnet worden. Seit einem Jahr ist das System in Betrieb - nach wie vor wird es auch kritisiert. (DPA/Vit Simanek)
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Der Andrang ist gewaltig beim Tag der offenen Tür: Tausende Prager sind gekommen, um sich das Herzstück der europäischen Satelliten-Navigation anzuschauen. Die Zentrale befindet sich in einem sechsstöckigen Bürohaus nahe der Moldau.

Die Techniker haben sich einiges einfallen lassen, um die Besucher zu fesseln: Mittels 3-D-Brille etwa und einer Rettungsweste können sie in der Simulation erfahren, wie die Besatzung eines Schiffs in Seenot von einem Hubschrauber geborgen wird. Ein paar Schritte entfernt steht Carlo Des Dorides, der Direktor der europäischen Agentur für Satelliten-Navigation, und zeigt auf den Simulations-Stand.

"Nehmen Sie das Beispiel dort vorne: Wir bieten ein Signal an, das es erlaubt  genau festzustellen, wo eine Person um Hilfe ruft. Die Retter kommen also dank Galileo schneller ans Ziel. Und wir bieten - anders als andere Systeme - ein Signal in zwei Richtungen an: Der Verunglückte erfährt dadurch, dass Hilfe unterwegs ist. Dadurch können viele Menschenleben gerettet werden."

Brauchen die Europäer ein eigenes System?

Seit einem Jahr ist das europäische Satelliten-Navigationssystem in Betrieb, nach wie vor wird es auch kritisiert: Nachdem die Amerikaner schon ihr GPS-System und dazu die Russen und die Chinesen jeweils ein eigenes System betreiben - warum brauchen die Europäer dann auch noch eine milliardenschwere Infrastruktur? Carlo Des Dorides schmunzelt bei dieser Frage, er beantwortet sie beinahe täglich.

"Über die Jahre hinweg wird immer weniger geredet von einer Konkurrenz der Systeme. Aber heute sehen wir: Smartphones zum Beispiel nutzen alle Systeme. Sie können die vier Satelliten mit dem stärksten Signal anpeilen, ganz unabhängig davon, ob es ein Galileo-, ein GPS- oder ein anderer Satellit ist. Die Systeme werden nicht gegeneinander, sondern miteinander verwendet."

Einige Galileo-Satelliten auf ihrer Umlaufbahn (Zeichnung) (ESA)Galileo-Satelliten auf ihrer Umlaufbahn (Zeichnung) (ESA)

Vor allem der technologische Wandel hat diese Entwicklung in Gang gesetzt: Für Drohnen, selbstfahrende Autos und etwa die automatische Notruf-Funktion, die ab dem kommenden Jahr in jedem Auto eingebaut sein muss, spielt die Navigation eine entscheidende Rolle. In der Prager Galileo-Zentrale betont man diese zivilen Anwendungen. Und militärisch, gibt es da auch eine Verwendung - gerade in Zeiten, wo die alten Allianzen bisweilen in Frage gestellt werden? Carlo Des Dorides überlegt kurz.

"Eins will ich gleich sagen: Das Verhältnis zu den USA, zum GPS-System, ist sehr gut; wir treffen uns zweimal im Jahr. Und was die Verteidigungssysteme angeht: Eines von vier Signalen der Galileo-Satelliten ist verschlüsselt, es kann auch für Verteidigungszwecke verwendet werden."

Baustein für Europäische Verteidigungsunion

Und dieser Kanal soll ausdrücklich auch für die Europäische Verteidigungsunion genutzt werden, deren Zusammenarbeit immer konkreter wird.

Nichts desto trotz: Eine Besonderheit des Galileo-Systems ist, dass es von einer zivilen Behörde verwaltet wird - anders als die Navigations-Satelliten von Amerika, Russland und China, wo sie dem Militär unterstehen. Vor allem diene Galileo dazu, dass Europa technisch Schritt halte - und dass die Wirtschaft gefördert werde. Karel Dobes betont diese beiden Punkte. Er war lange tschechischer Vize-Verkehrsminister und sitzt im Präsidium des Prager Unternehmerverbandes.

"Die Technologien aus der Raumfahrt haben das breiteste Spektrum an Anwendungen: Sie werden im Bergbau genauso eingesetzt wie in der Medizin. Auf die Hersteller in allen diesen Bereichen hat das Einfluss."

In Tschechien mache sich dieser Einfluss gerade bei High-Tech-Unternehmen bemerkbar. Von den Errungenschaften und dem direkten Kontakt zu den Betreibern des Satelliten-Navigationssystems profitierten aber Firmen in ganz Europa.

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