Sonntag, 14. April 2024

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Ivana Sajko: „Jeder Aufbruch ist ein kleiner Tod“
Risse im Projekt Europa

Ein Mann mit Liebeskummer reist vom Balkan nach Berlin. Der Trennungsschmerz löst einen komplexen Bewusstseinsstrom aus, der in eine beeindruckende Zustandsbeschreibung europäischer Gegenwart mündet.

Von Bettina Baltschev | 26.01.2023
Ivana Sajko: "Jeder Aufbruch ist ein kleiner Tod"
Ivana Sajko ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen Kroatiens. Im Roman „Jeder Aufbruch ist ein kleiner Tod“ führt sie vor Augen, dass das Private nie losgelöst von historischen Zusammenhängen existiert. (Portraitfoto: Maja Bosnić / Buchcover: Voland & Quist)
Ein Mann fährt im Zug von einer kleinen Stadt auf dem Balkan nach Berlin. Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse und es ist auch eine Flucht vor dem Kummer. Denn seine Freundin hat sich gerade von ihm getrennt. Zu Recht, wie der Mann meint, dessen Namen wir nie erfahren, aber dessen atemlosem inneren Monolog wir in diesem schmalen Roman ebenso atemlos folgen. Zu Beginn ist es vor allem der Versuch des Erzählers, die Schuld der Trennung in der eigenen Nachlässigkeit, dem eigenen Scheitern zu suchen.
„…ich suchte nach Ausreden und nahm mir die vorlaute Freiheit, die ein Mann sich gegenüber einer Frau herausnimmt, während sie angeblich diese Freiheit gar nicht benötigt, ich gab vor, ein derartiger Mann zu sein, und bemühte mich, sie in eine derartige Frau zu verwandeln, eine, der durch mein Verschwinden das Recht abhandenkommt, gebunden zu sein, genauso wie der Grund, unglücklich zu sein, in dem Schweinestall, in der Gesellschaft eines depressiven Trinkers, eines angeblichen Schriftstellers und Gelegenheitsjournalisten…“

Eine europäische Geschichte des Aufbruchs

Es sind lange, nicht enden wollende Sätze, die der Erzähler notiert und am Ende werden sie ein ganzes Buch füllen, genau das, das man als Leserin gerade in den Händen hält. Die vielen Stunden der Reise nach Berlin lenken den niedergeschriebenen Bewusstseinsstrom zunächst von der schmerzhaften Gegenwart zur Erinnerung an bessere Tage. Denn dass er gerade nach Berlin reist, liegt an einer glücklichen verliebten Zeit, die er hier vor Jahren mit seiner Freundin erlebt hat. Damals war er noch ein halbwegs erfolgreicher Journalist, der engagierte Texte schrieb. Bis es ihn eines Tages nach Tovarnik verschlug, einen Grenzort zwischen Serbien und Kroatien, an dem sich 2015 Geflüchtete stauen und sein Glaube an das zukunftsträchtige Projekt Europa zerbricht.
„…mit meinem schwarzen Notizbuch in der Hand, die leere Seite geöffnet, und mit einem Kugelschreiber in der anderen Hand, vor einem Eisenbahnwaggon mit geschlossenen Fenstern, die sich auch nicht öffnen lassen, und in ihm schreibt die Hand einer Frau mit zitternden Bewegungen ‚SOS‘ an das Fensterglas, durch die transparente Spur der Buchstaben erkenne ich komprimierte Körper, die sich von hinten an die Fensterscheibe pressen, sie hält ein ohnmächtig gewordenes Baby in ihren Armen, dessen winziger Körper schon an das Glas gedrückt wird, und was mache ich, ich drehe den Kopf zur Seite, die Tränen quillen unkontrolliert aus meinen Augen…“
Es ist nicht nur diese erschütternde Szene, an der der Titel des Romans plastisch wird. „Jeder Aufbruch ist ein kleiner Tod“ von Ivana Sajko ist tatsächlich voller Aufbrüche. Die Geflüchteten sind irgendwo aufgebrochen, brechen bis heute irgendwo auf. Der verlassene Erzähler bricht nach Berlin auf und erinnert sich daran, dass schon seine Mutter in den 1970er Jahren nach Deutschland aufgebrochen war, um dort als Gastarbeiterin, wie man das damals nannte, Geld zu verdienen. Bei der Großmutter zurückgelassen, wachsen der Erzähler und sein Bruder deshalb mit deren Geschichten aus dem 2. Weltkrieg auf, als Flucht und Aufbruch zum Alltag gehören. Und dann ist da noch der Krieg auf dem Balkan, der dort so viele Wunden hinterließ. Während die Väter und Großväter trinken und um sich schlagen, geben die alten Frauen den halbwüchsigen Jungen das Gefühl, mit diesem familiären Ballast niemals Helden werden können.

Das Private und das Politische

„…die um Großmutters Tisch versammelten Frauen sahen uns mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung an, sie erforschten unsere Bewegungen und unsere Art zu sprechen oder zu essen, und in allem sahen sie Elemente des Fluchs, der Gewalt, der Selbstzerstörung…“
Auf gerade einmal 150 Seiten schafft es Ivana Sajko, das Motiv des Aufbruchs in all seinen Facetten zu beleuchten. Das scheinbar private Drama einer Trennung bettet sie in transgenerationale Zusammenhänge ein und zeigt, dass niemand losgelöst von den historischen Konstellationen existiert, in die er oder sie hineingeboren wurde. Dass diese Konstellationen oft mächtiger sind als der Wille zu einem gelingenden Leben, verleiht der gescheiterten Liebesgeschichte eine Tragik, die besonders berührt. Der Erzähler ist komplett traumatisiert von den erlebten Aufbrüchen in seinem Leben. So sehr, dass er für die Liebe, die er doch eigentlich für seine Freundin empfindet, keinen Ausdruck findet, den sie verstehen würde. Immerhin ist Ivana Sajkos Erzähler so sensibel, dass er seine eigene Situation deuten kann.
„… ich begann, mein Schweigen als Schicksal eines Fremdlings zu empfinden, über den ich nichts zu erzählen wusste, da das Wesen seiner Geschichte eben in ihrer Nicht-Erzählbarkeit lag, mein Fremdling war stumm und unsichtbar, obwohl man ihn überall sehen konnte, er war einer von Tausenden, einer von Millionen, und eben diese Unermesslichkeit all dieser Zahlen dieser Gesichter dieser Körper dieser Wege dieser Suchen dieser Verfolgungen dieser Hoffnungen machte sie nicht schreibbar, und ja, ausgerechnet deshalb musste ich über ihn schreiben, auch wenn ich weiterhin über nichts anderes verfügte als über mein eigenes Schweigen…“
So wird die schlichte Reise eines liebeswunden Mannes vom Balkan nach Berlin zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Zustand Europas in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit. „Jeder Aufbruch ist ein kleiner Tod“ ist ein mitreißender und kluger Roman, der zumindest für den Erzähler mit der leisen Hoffnung endet, dass ein Aufbruch bei allen Widerständen auch der Beginn von Heilung sein kann.
Ivana Sajko „Jeder Aufbruch ist ein kleiner Tod“
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer
Voland & Quist, Berlin 2022.
152 Seiten, 22 Euro.